Streitende Eltern schwärzen sich bei der Kesb an

Gefährdungsmeldungen, die bei der Kesb eingehen, sind teilweise unbegründet oder gar böswillig motiviert. Das sagt die Anlaufstelle Kescha.

Wenn zwei sich streiten, leiden die Dritten: Eltern tragen ihre Konflikte zu oft über die Kinder aus. Foto: Kristiane Vey (Plainpicture, Jump)

Wenn zwei sich streiten, leiden die Dritten: Eltern tragen ihre Konflikte zu oft über die Kinder aus. Foto: Kristiane Vey (Plainpicture, Jump)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Leitfaden, der am Freitag an der Medienkonferenz im Zürcher Hauptbahnhof verteilt wurde, sei druckfrisch, sagte Guido Fluri. Die achtseitige Broschüre enthält eine Checkliste mit Angaben, wann ein Kind gefährdet ist: wenn körperliche Gewalt im Spiel ist, sexuelle Ausbeutung, psychische Gewalt, Vernachlässigung oder massive Partnerschaftskonflikte, die mit Gewalt ausgetragen werden oder bei denen Kinder von einem Elternteil gezielt und dauernd gegen den anderen ausgespielt werden. Auch verweigertes Besuchs-recht kann ein Grund sein für eine Meldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), eine sogenannte Gefährdungsmeldung.

Die letzte Massnahme

Wenn objektive Kriterien erfüllt seien, sei eine Meldung an die Behörden wichtig, sagten gestern Guido Fluri sowie die beiden Professoren von der Universität Freiburg, Alexandra Jungo und Dominik Schöbi. Guido Fluri, Immobilienunternehmer aus dem Kanton Zug, hat Anfang 2017 das Sorgentelefon Kescha (Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz) gegründet. Die Professoren haben die Beratungsgespräche über das Sorgentelefon ausgewertet.

Fluri und die Professoren betonten, dass das Instrument der Gefährdungsmeldung wichtig sei. Es müsse jedoch immer die letzte Massnahme sein. Bei Unsicherheit, ob ein Kind wirklich und nach objektiven Kriterien gefährdet ist, sollten sich Beobachter und Familienangehörige an die Betroffenen selbst oder an eine Fachstelle wenden. Keinesfalls dürfen Gefährdungsmeldungen dazu verwendet werden, dem Ex-Partner im Trennungsstreit zu schaden.

Mit allen Waffen

Genau dies wird aber gemacht, wie die Auswertung der Kescha-Gespräche zeigt. In drei Vierteln aller Fälle, die den Kindesschutz betrafen und die im telefonischen Beratungsgespräch vertieft wurden (165 Fälle), lag das Problem in der Familie selber. Meistens ging es um Konflikte zwischen den Eltern, insbesondere wurde dem Ex-Partner vorgeworfen, er sei unzuverlässig, verhalte sich unzumutbar, versuche die Kinder zu entfremden oder er ­erschwere oder verhindere das Besuchsrecht.

In der Hälfte der Fälle mit ­Elternkonflikt, schätzten die ­Kescha-Berater, dass der Streit zwischen Vater und Mutter die hauptsächliche oder alleinige Gefährdung des betroffenen Kindes ist. Die Personen, welche die Kescha angerufen haben, weil sie Hilfe oder Rat brauchten, sahen in diesen Fällen die Gefährdungsmeldung häufig als aus der Luft gegriffen oder gar als böswillig motiviert an.

In Trennungskonflikten werde häufig mit allen Waffen gekämpft, sagte Guido Fluri. Darunter leide immer auch das Kind. Eine Gefährdungsmeldung werde in diesen Fällen mitunter auch dann eingesetzt, wenn ein Kind objektiv gesehen nicht gefährdet sei. Deshalb habe man nun eine Broschüre entwickelt.

«Und schliesslich kann man irgendwann auch Stopp sagen: den Eltern signalisieren, dass sie zu weit gehen.»Bruno Frick

Man könne in solchen Fällen den Eltern – und damit auch den Kindern – durchaus helfen, sagte der anwesende Kescha-Berater Bruno Frick. Als neutraler Berater könne er beschwichtigen, Emotionen rausnehmen, die Diskussion auf die sachliche Ebene führen. «Und schliesslich kann man irgendwann auch Stopp sagen: den Eltern signalisieren, dass sie zu weit gehen», erklärt Bruno Frick.

Das Engagement von Fluri und seinem Team läuft parallel zur Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative der SVP-Nationalräte Pirmin Schwander und Barbara Keller-Inhelder. Sie haben im Frühling 2018 die Initiative lanciert, welche die Kesb entmachten will. Die Sammelfrist endet im November 2019.

Im Initiativkomitee sitzt auch der frühere Journalist Walter Hauser. Er hat selbst Erfahrungen gemacht mit der Kesb. Hausers Partnerin und ihr Sohn waren betroffen von Verfügungen, welche die Kesb nach Ansicht von Hauser nur deshalb erlassen hat, weil sie dem Ex-Mann seiner Partnerin, dem Vater ihres Sohnes, vertraut hat. Dieser habe jedoch in böswilliger Absicht gegen die Mutter bei der Kesb interveniert.

Radikale Initiative

«Ohne mich wäre meine Partnerin aufgeschmissen gewesen», sagt Jurist Hauser. «Als Ausländerin, allein, ohne juristische Kenntnisse und grosse finanzielle Ressourcen, hätte sie gegenüber dieser Behörde keine Chance gehabt.»

Die Initiative sei in ihrer Radikalität vielleicht nicht ideal, sagt Hauser. Doch das heutige System lehnt er ebenfalls ab. Er hofft darauf, dass die gesetzlichen Grundlagen und die Arbeit der Kesb verbessert werden.

Genau darauf zielen Guido Fluri und sein Team ab. Man müsse es differenziert sehen, sagt Fluri. Die Arbeit der Kesb sei wichtig, und wir hätten als Gesellschaft die Pflicht, hinzu­sehen, wenn etwas falsch läuft. Jedoch auch zu verbessern, wo ein rechtliches Mittel falsch ­angewendet oder Willkür vermutet wird.

Erstellt: 25.01.2019, 21:36 Uhr

Artikel zum Thema

Zugunsten der Kesb und gegen deren Entmachtung

Kommentar Die Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Gesetzesarbeit macht Sinn. Mehr...

Kesb-Warner bleiben nicht anonym

Wer eine Meldung über die Gefährdung von Personen erstattet, kann seinen Namen meist nicht geheim halten. Mehr...

Geschichte einer Familie wird zum wegweisenden Fall

Die Mutter ist tot, doch zum Vater will das Mädchen nicht. Durfte die Kesb ihm die Elternrechte entziehen? Nun hat das Bundesgericht entschieden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Wettbewerb

Wie du spielend Geld sparen kannst

Energy Hero ist das kostenlose Online-Spiel, mit dem du mit etwas Fingerfertigkeit Preise im Wert von insgesamt 30 000 Franken gewinnen kannst.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...