Stresstest zwingt die Polizei zur Kooperation

Die grosse Antiterrorübung SVU 19 zwang Armee, Polizei, Zivilschutz, Grenzwache, diverse Bundesstellen und Sanität zu engster Zusammenarbeit – «Es funktioniert.»

Schwerpunkte setzen bedeutet letztlich, dass die Sicherheitskräfte nicht alles gleichzeitig machen können: Polizeikräfte bewachen einen Demonstrationsumzug in Basel. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Schwerpunkte setzen bedeutet letztlich, dass die Sicherheitskräfte nicht alles gleichzeitig machen können: Polizeikräfte bewachen einen Demonstrationsumzug in Basel. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Gestern Mittwoch ging ein Stresstest für Führungsstäbe von Bund und Kantonen zu Ende. (wir berichteten hier und hier) Drei Tage und zwei Nächte lang hatte die Verbundübung gedauert. Das Szenario: eine Terrorbedrohung, die sich über zwei Jahre immer mehr ausgeweitet hatte. Die grosse Frage: Wie bewältigen die Sicherheitsorgane der Schweiz eine länger anhaltende Terrorlage, und welches sind dabei die kritischen Aspekte?

Welche Mängel die Übung zutage förderte, das soll ein Bericht zeigen, der bis im Frühling vorliegt. Ein Augenschein vor Ort und ein Gespräch mit Stefan Blättler förderte bereits Erstaunliches zutage. Laut dem Berner Polizeikommandanten, der gleichzeitig Präsident der Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten ist, hat die schlimme Terrorlage, die sämtliche Sicherheitsorgane personell und materiell ans Leistungslimit brachte, die Führungskräfte zu Radikalmassnahmen gezwungen.

Um Schwerpunkte der Sicherheitskräfte bilden zu können, um mit genügend Leuten zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein, aktivierte die Polizei ein nationales Polizeiführungsgremium. Daran angeschlossen waren diverse Bundesstellen, Armee, Grenzwache, Fedpol, Justizorgane, Zivilschutz – und natürlich die Kommandanten aller kantonalen Polizeikorps.

Koordination über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg: Westschweizer Polizisten an einer von der Stadtpolizei Zürich organisierten Übung 2008. Foto: Keystone

Damit wird klar: In einer aussergewöhnlichen Lage, wie sie die angenommene Terrorbedrohung zwischen Genfer- und Bodensee bewirkte, müsste über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg intensiv koordiniert werden.

«Es funktioniert!»

Was die Polizeikommandanten dieses Landes nach den Terroranschlägen in Frankreich 2015 angedacht und vorgespurt hatten, eine nationale Koordinationsstelle nämlich, wurde nun erstmals von A bis Z durchgetestet. «Wir brauchen zwingend ein solches Koordinationsorgan», sagte Polizeikommandant Blättler gestern zu dieser Zeitung. «Schwerpunkte bilden können, Reserven bilden, eine einheitliche Fahndung sicherstellen, um möglichst schnell Täter identifizieren und festnehmen zu können – dies alles kann mit einem nationalen Polizeiführungsstab sichergestellt werden.»

Nachdem Projektleiter Bernhard Wigger aus dem Verteidigungsdepartement und Übungsleiter Hans-Jürg Käser eine Vielzahl von Ereignissen in den nationalen Stab eingespielt hatten, stellte Blätter gestern erleichtert fest: «Es funktioniert.»

«Die politische Behörde müsste es sich genau überlegen, ob wir Hooligans am Rande eines Fussballspiels noch begleiten könnten.» Stefan Blättler, Berner Polizeikommandant

Man habe im Verbund diverse Probleme lösen und Schwerpunkte setzen können. Blättler spricht von einen «eidgenössischen Pragmatismus», der dies möglich mache. Schwerpunkte setzen bedeutet letztlich, dass die Sicherheitskräfte nicht alles gleichzeitig machen können. Doch wo genau würde die Polizei bei einer ernsthaften Terrorbedrohung die Prioritäten setzen? Und wo nicht?

«Eklatante Fortschritte»

«Die politische Behörde müsste es sich genau überlegen, ob wir Hooligans am Rande eines Fussballspiels noch begleiten könnten.» Mit anderen Worten, ginge es in einem Terrorumfeld ums Überleben, würden wohl keine grossen Fussballspiele mehr stattfinden – zumindest keine Hochrisikospiele, die von Hundertschaften der Polizei gesichert werden müssten.

Offenbar hat die Übung eine Vielzahl von Erkenntnissen hervorgebracht, die Potenzial für Verbesserungen beinhalten. «Das muss nun im Detail aufgearbeitet werden», sagt Blättler. Man habe hier noch viel Arbeit vor sich.

Als ein Beispiel nennt der hohe Polizeioffizier ein gute und plausible Darstellung von Lagebildern via IT. Solche Lagebilder erlauben es den Führungsverantwortlichen rasch zu erkennen, was wo passiert ist und welche Probleme noch gelöst werden müssen.

Für ein abschliessendes Übungsfazit sei es noch zu früh, sagt Blättler. Aber eines kann der Sicherheitsverantwortliche jetzt schon sagen: «Ich stelle gegenüber der letzten Verbundsübung eklatante Fortschritte fest.»

Erstellt: 13.11.2019, 20:52 Uhr

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