Stromlücke? Argumentationslücke!

Die Rechtsbürgerlichen bezeichnen die Energiewende als «heisse Luft». Dabei verbreiten sie selber welche. Denn sie haben keine Alternativen.

Hochspannungsleitungen bei Laufenburg. Foto: Keystone

Hochspannungsleitungen bei Laufenburg. Foto: Keystone

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«Heisse Luft» sei die Energiestrategie 2050 des Bundes, findet FDP-Präsident Philipp Müller. Immerhin ist auf über 1000 Seiten dokumentiert, wie diese «heisse Luft» konkret umgesetzt werden soll. Kaum dokumentiert sind die Alternativen, denn die Gegner der Energiewende geben sich mit pauschaler Kritik und vagen Absichts­erklärungen zufrieden. Machen wir uns auf die Spurensuche.

Vor einiger Zeit stellte die FDP den grossen Gegenentwurf zur Energiestrategie 2050 vor. Dieser besteht im Wesentlichen aus der Abschaffung bewährter Instrumente wie z. B. der kostendeckenden Einspeisevergütung oder des Gebäudesanierungsprogramms. So weit, so wenig hilfreich. Andere Politiker deuten mit ihren Aussagen an, dass sie sich erst gar nicht gross mit Inhalten auseinandersetzen wollen. Zum Beispiel Toni Brunner, der Präsident der SVP: «Die Versorgungssicherheit wird aufs Spiel gesetzt, die Auslandsabhängigkeit nimmt zu.» Nur: Dank der Energiestrategie sinkt die Auslandsabhän­gigkeit laut Bund von gegen 80 auf unter 60 Prozent. Ermöglicht wird dies durch mehr Effizienz und stärkere Nutzung erneuerbarer Energien im Inland. Dank den Alpen und ihren Stauseen hat die Schweiz zudem schon heute so viele Energiespeicher wie wenig andere Länder.

Also suchen wir selbst nach Alternativen zur Energiestrategie. Bei der Energiewende geht es um Strom, Verkehr und Gebäude. Beim Verkehr und den Gebäuden sieht die Alternative so aus: weiterhin als Europameister im Erdöl­verheizen für über 10 Milliarden Franken jährlich fossile Energien importieren – die Wertschöpfung erfolgt dabei fast ausschliesslich im Ausland. Beim Strom sind drei Alternativen denkbar.

Erstens könnten die bestehenden – und zunehmend betagten – Atomkraftwerke durch neue ersetzt werden. Finnland hatte solche Pläne, gab sie aber auf, nachdem das AKW Olkiluoto 3 nach zehn Jahren Bauzeit immer noch nicht am Netz ist. Die Kosten haben sich von 3 auf voraussichtlich 9 Milliarden Euro verdreifacht. Fakt ist: Atomstrom aus einem neuen Werk kostet ein Vielfaches von Windstrom und bereits mehr als Solarstrom an guten Lagen – die meisten nuklearen Risiken noch gar nicht eingerechnet. Zwar lesen wir immer mal wieder, dass es bald einmal neue Reaktortypen gebe, die ohne Risiko und strahlenden Abfall Strom produzieren würden. Aber davon hören wir, ganz nach dem Prinzip Hoffnung, schon seit 40 Jahren.

Eine Alternative zu AKW wären Gaskraftwerke. Auch danach sieht es nicht aus. Der Westschweizer Stromversorger Groupe E hat kürzlich das Gesuch für ein solches Kraftwerk in Cornaux zurückgezogen. Der Grund: Gaskraftwerke produzieren zu teuren Strom. Ganz abgesehen davon, dass sie Klimakiller sind. Und wer will schon von Putins Gas abhängig sein?

Bleibt als dritte Option der Import von Kohledreckstrom im grossen Stil. Doch darüber spricht man nicht. Erstens, weil das die schmutzigste Art der Stromproduktion ist: Jedes Kohlekraftwerk produziert Jahr für Jahr Millionen von Tonnen CO2, dazu vergiften Schwermetalle, Stickoxide und Feinstaub Menschen und Natur. Zweitens hat die Strombranche selbst Importe zum Tabu erklärt. Jahrzehntelang wollte sie uns Angst vor der «Stromlücke» einjagen: Stromimporte seien eine «unzuverlässige Strategie» und «ein klimapolitischer Schildbürgerstreich», so die Worte des Branchenverbands Swisselectric im Jahr 2008. Der Verband doppelte nach: «Die langfristige Versorgungssicherheit kann nur mit entsprechenden Investitionen im Inland sichergestellt werden.»

Die Energiewende bringt genau diese langfristige Versorgungssicherheit. Zudem sinkt mit ihr die Umweltbelastung, und auch wirtschaftlich ist sie ein Gewinn, dank höherer Inland-Wertschöpfung und sinkender Energieverschwendung. Ein Spaziergang ist die Energiewende nicht, aber sie lohnt sich, und sie hat zum Glück längst begonnen. Oder mit George Bernard Shaw: «Wer es für unmöglich hält, sollte denen nicht im Weg stehen, die es gerade tun.»

Erstellt: 06.08.2015, 13:40 Uhr

Thomas Vellacott
Chef von WWF Schweiz.

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