«Suizid ist eine Handlung, die sich dem ethischen Urteil entzieht»

Der Theologe und Ethiker Alberto Bondolfi würde eine weitere Liberalisierung der Sterbehilfe für problematisch halten.

«Grundsätzlich bleibt es eine Illusion zu glauben, der Tod sei restlos planbar», sagt Alberto Bondolfi. Foto: Samuel Schalch

«Grundsätzlich bleibt es eine Illusion zu glauben, der Tod sei restlos planbar», sagt Alberto Bondolfi. Foto: Samuel Schalch

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Wie sehen Sie als Theologe Suizid und Suizidhilfe?
Viele Jahrhunderte lang galt Suizid als grosse Sünde gegenüber Gott, der das Leben schenkt. In der Bibel selber wird Suizid nicht gewertet. Augustin war dann der erste Theologe, der Homizid und Suizid auf die gleiche Ebene stellte: Suizid gleich Mord. Heute wird auch theologisch abgerüstet und die Gleichsetzung mit Mord fallen gelassen. Niemand denkt mehr im Ernst daran, den Freitod direkt zu kriminalisieren, wie das England noch bis 1964 getan hat. Die Kirche verweigert Suizidenten nicht länger das Begräbnis. Trotzdem bleiben in den verschiedenen Gesetzgebungen theologische Relikte, wonach Menschen sich nicht das Leben nehmen sollten.

Und Ihre persönliche Haltung?
Für mich ist Suizid eine Handlung, die sich dem ethischen Urteil entzieht. Denn der Suizident selber will gerade nicht Rechenschaft ablegen vor dem Forum dieser Welt. Darum kann man den Suizid nicht bewerten, er liegt jenseits von Gut und Böse. Das Gesetz beschränkt sich denn auch auf Aspekte, die wirklich gesellschaftlich relevant sind, etwa auf die Uneigennützigkeit der Suizidhilfe. Suizid ist mir nicht gleichgültig. Meine ethische Grundeinstellung gegenüber dem Suizidenten ist die des Respekts, ohne ihn zu verurteilen.

Die Sterbehilfeorganisation Exit diskutiert derzeit über eine ­stärkere Liberalisierung des Alterssuizids. Gesunde Alte sollen für einen Suizid das tödliche ­Barbiturat sogar ohne Rezept ­erhalten. Ist das ethisch vertretbar?
Das ist die Position einer Gruppe innerhalb von Exit, die wohl nicht mehrheitsfähig ist. Andererseits hat die Vereinigung immer betont, dass sie die Zahl der Begleitungen nicht absichtlich erhöhen will. Exit hat aber auch immer die Position vertreten, dass sie Suizidhilfe nicht als medizinische Handlung sieht. Dabei kann sie sich abstützen auf Artikel 115 des Strafgesetzbuchs zur «Verleitung und Beihilfe zum Selbstmord», der weder von Ärzten noch von Rezepten spricht. Das Rezept dient nur dazu, ein sanftes Sterben zu ermöglichen. Will man auf das Rezept verzichten, muss man das Betäubungsmittelgesetz ändern, nicht das Strafgesetz.

Aber wäre es denn wünschenswert, dass künftig jeder, der möchte, das Barbiturat im Nachttischchen hat für den Notfall?
Nein. Ich betrachte den Suizid nicht als beste Form des Sterbens, sondern als Ausnahmesituation. In der Regel versucht die Gesellschaft, Suizid zu vermeiden, darum gibt es Präventionskampagnen. Der Bilanzsuizid ist eine besondere, eine philosophische Form des Suizids. Man sollte versuchen, die Suizidformen nicht zu pathologisieren. Die Psychiatrie hat das lange getan und jede Form von Suizid für krankhaft gehalten. Auch die Kirche hat ihn moralisch verurteilt.

Werden die weiteren Liberalisierungswünsche der Suizidhilfe nicht erst recht die Regulierer auf den Plan rufen?
Das ist möglich. Man kann sicher feststellen, dass unsere Gesellschaft eher ­liberal ist, dass sie die Suizidhilfe nicht rekriminalisieren will. Falls aber die ­öffentliche Meinung Exit verdächtigen sollte, zunehmend Menschen willkürlich in den Tod zu begleiten, besteht die Gefahr der Retourkutsche.

«Ich betrachte den Suizid nicht als beste Form des Sterbens, sondern als Ausnahmesituation.»

Bereits heute machen bei Exit die Begleitungen von Polymorbiden, von Menschen mit verschiedenen Gebrechen, 25 Prozent aus. Wie beurteilen Sie diesen Alterssuizid?
Ich würde versuchen, die verschiedenen Arten von Suizid weder negativ noch positiv zu beurteilen. Was bedenklich ist, im eigentlichen Sinne des Worts, ist die Tatsache, dass all diese Entscheidungen auf Beschlüssen des Vereins Exit beruhen – und nicht durch einen demokratischen Prozess der Gesetzgebung legitimiert werden. Faktisch hat der Staat die Klassifizierung von verschieden Formen der Suizidhilfe den Vereinigungen überlassen. Nach verschiedenen Versuchen während über 20 Jahren, die Suizidhilfe zu regulieren, hat sich der Bundesrat für den Status quo entscheiden.

Kann ein Verein überhaupt so weit gehende ethische Standards setzen wie etwa beim Alterssuizid?
Es gibt zwei Aspekte. Einerseits finde ich es bedenklich, wenn der Staat sich so passiv verhält und die Definitionsmacht der Suizidhilfe an Vereine abgibt. Andererseits sind Möglichkeiten und Wirksamkeit des Rechts in diesem Bereich sehr beschränkt. Darum kann ich den Bundesrat zum Teil verstehen, dass er nicht ins Detail gehen oder gar eine Lex mortis erarbeiten will, ein spezielles Gesetz, das alle Probleme am Ende des Lebens reguliert. Das ist nicht wünschenswert. Die Bürokratie würde zunehmen, Suizidwillige würden wieder vermehrt ihren Abgang selber organisieren.

Trotzdem wird immer wieder ein Suizidhilfegesetz verlangt, konkret 2012 vom damaligen Zürcher Staatsanwalt Andreas Brunner.
Das war ein Versuch, das Problem nicht mithilfe eines Gesetzes zu lösen, sondern mit einem privatrechtlichen Vertrag zwischen den Untersuchungsbehörden, der Staatsanwaltschaft und Exit. Das aber ist noch bedenklicher, wenn die Justiz anfängt, mit den «Tätern» zu verhandeln. Dem Suizidenten würde damit das Leben ohne Grund noch schwerer gemacht. Man darf nicht vergessen: Sich das Leben zu nehmen, ist seit dem 19. Jahrhundert kein Delikt mehr. Höchstens die Beihilfe kann strafbar sein.

Bei Exit ist die Selbstbestimmung der höchste Wert. Was ist aber mit der wachsenden Gruppe von dementen Menschen, die keine Suizidhilfe beanspruchen können?
Das ist eine Kritik an der Erwartung der Bevölkerung, dass eine Exit-Mitgliedschaft alle Probleme lösen kann. Das ist nicht der Fall. Suizidhilfe ist Menschen vorbehalten, die bis zum Schluss urteilsfähig sind. Also gibt Exit keine um­fassende Antwort auf das Sterben im Allgemeinen. Grundsätzlich bleibt es eine Illusion zu glauben, der Tod sei restlos planbar. Per definitionem ist er nicht komplett organisierbar. Es gehört zu seinem Wesen, dass er plötzlich kommt.

Könnte man Suizidhilfe auf direkte aktive Euthanasie ausweiten wie in den Beneluxländern?
Die Beneluxländer haben ein ganz anderes Modell als die Schweiz. Wir beschränken uns auf die Suizidhilfe und betrachten die Tötung auf Verlangen, selbst wenn sie aus Mitleid geschieht, als strafbare Handlung. In den Beneluxländern indessen sind Suizidhilfe und Tötung auf Verlangen gleichwertig. Doch ist letztere Sterbenden vorbehalten und nur von Ärzten ohne Strafe durchführbar. Dieser Ansatz ist mit jenem der Schweiz nicht vergleichbar. Wir müssten für Europa eine Lösung finden, eine Art dritten Weg, ohne das Modell der Schweiz oder der Beneluxländer zu kopieren.

Der frühere FDP-Ständerat Dick Marty versuchte dies im Europarat.
Ja, als Präsident der betreffenden Kommission im Europarat wollte er 2004 eine Rahmenkonvention für alle Länder formulieren. Doch die Übung wurde abgebrochen, bevor sie angefangen hatte; sie scheiterte vor allem am Veto Deutschlands und des Vatikans.

Es ist eine Illusion zu glauben, der Tod sei restlos planbar.

Was denken Sie über das neue deutsche Gesetz?
Deutschland hat mit diesem neuen Gesetz Stellung gegen unsere liberale Praxis bezogen. Danach ist zwar Suizidhilfe weiterhin nicht strafbar, sofern sie von Individuen ausgeführt wird, aber die organisierte Suizidhilfe wird unter Strafe gestellt. Das heisst für Sterbewillige in Deutschland: Statt mit einer Organisation Kontakt aufnehmen zu können, müssen sie einen gewaltsamen Suizid begehen oder Verwandte um diesen Freundschaftsdienst bitten. Beides ist nicht wünschenswert. Die neue Gesetzgebung kann das Problem im eigenen Land stoppen, verlagert es aber in andere Länder.

Muss sich die Schweiz gegen den Suizidtourismus wehren?
Die Deutschen, die Suizidhilfe wünschen, gehen in die Beneluxländer oder kommen zu uns, zu Dignitas. Doch ihre Zahl ist gering. Darum gibt es keinen Grund, auf das Gesetz zu reagieren.

Wie steht es mit dem viel beschworenen Druck auf Betagte und Kranke, die den Verwandten und dem Gesundheitswesen nicht zur Last fallen wollen und deshalb die Dienste von Exit beanspruchen?
Wer meint, diesen Druck mit soziologischen Untersuchungen messen zu können, liegt falsch. Aber im Kopf der Leute gibt es diese Phantasmen, anderen zur Last zu fallen. Wobei es diese auch schon in der Zeit vor Exit gab. Also müsste man die Frage eher psychologisch klären. Präventiv dagegen vorgehen kann man nicht. Seit der Aufklärung haben wir ein Tatstrafrecht: Der Staat interveniert erst, wenn Taten da sind, nicht präventiv. Wir wollen ja keine Denkkontrolle durch den Staat.

Würde mit dem Ausbau der Palliativmedizin die Zahl der Suizidbegleitungen zurückgehen?
Das wird oft behauptet. Die Meinung ist noch immer verbreitet, dass man zu Exit geht, wenn die Schmerzen unerträglich werden. Das entspricht nicht der Wirklichkeit. Wer durch Suizidhilfe sterben will, leidet nicht primär unter unbehandelbaren Schmerzen. Er zieht vielmehr eine Art Bilanz, die mit den physischen Schmerzen nur indirekt zu tun hat. Das soll uns nicht daran hindern, die Palliativmedizin zu optimieren. Ein Allheilmittel aber ist sie nicht.

Insgesamt besteht bei uns also kein Handlungsbedarf?
Ich kann den Bundesrat verstehen, dass er nicht weiter regulieren will. Und die Tatsache, dass bei uns die Suizidhilfe mit Sorgfalt und ohne Hilfe der Ärzte geschieht, finde ich gut. Sonst käme es zu einer Spaltung der Ärzteschaft. Allerdings würde ich es begrüssen, wenn eine öffentliche Diskussion stattfinden könnte, ohne vorschnell nach neuen Gesetzten zu rufen. Eine ethische Diskussion über den guten Tod, über die zu schaffenden Bedingungen, damit die Leute nicht sofort an Suizid denken. Die Debatte müsste auf europäischer Ebene stattfinden, um die Kluft zwischen liberalen und prohibitionistischen Ländern abzubauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 21:06 Uhr

Alberto Bondolfi

Professor für Ethik

Der katholische Theologe Alberto Bondolfi (71) war bis 2013 Professor für Ethik an der reformierten theologischen Fakultät Genf. Von 2002 bis 2013 war der Tessiner Mitglied der Nationalen Ethikkommission und befasste sich besonders mit Fragen der Bioethik und der Sterbehilfe. (mm)

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