SVP-Kandidat – der selbst ernannte Kennedy

Thomas de Courten will Bundesrat werden. Kaum einer hat den Baselbieter SVP-Nationalrat auf der Rechnung. Genau das macht ihn für seine Konkurrenz gefährlich.

: Der Baselbieter Thomas de Courten ist der bestgewählte bürgerliche Nationalrat seines Kantons.

: Der Baselbieter Thomas de Courten ist der bestgewählte bürgerliche Nationalrat seines Kantons. Bild: Keystone

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Man muss sich das einmal vorstellen: Der letzte Bundesrat aus dem Kanton Baselland, der letzte Vertreter dieses nicht unwichtigen Kantons in der Landesregierung – er kämpfte noch in der Schlacht von Gettysburg. Amerika war in Nord- und Südstaaten gespalten, und Emil Frey, ein arbeitsloser Studienabbrecher, sass anschliessend eineinhalb Jahre in einem Kerker der Konföderierten. Er kehrte 1865 als Kriegsheld in die Schweiz zurück, 1890 wurde er Bundesrat.

Der Mann, der Freys Nachfolger werden will, heisst Thomas de Courten. Von den mehr als zehn Bewerbern, die von den SVP-Kantonalparteien nominiert worden sind, ist de Courten der grosse Unbekannte. Niemand hat den Nationalrat mit dem leicht näselnden Baseldeutsch auf der Rechnung – und genau das macht ihn für seine parteiinternen Konkurrenten so gefährlich. Schon oft wurde de Courten unterschätzt, auch in seiner eigenen SVP. Schon oft hat er überrascht.

Der Pharmalobbyist

Wie Emil Frey hat auch de Courten einen Bezug zu Amerika, den er selbst hergestellt hat – doch der ist ziemlich weit hergeholt. «Der mit dem Kennedy-Effekt» stand auf den gigantischen Plakaten, mit denen de Courten vor einigen Jahren für seine Wahl in das Baselbieter Kantonsparlament warb. Den Spruch hatte ihm einst eine Zeitung als Anspielung auf sein Aussehen zugedacht - de Courten übernahm die Zuschreibung nur zu gerne. Dass seine politische Schnittmenge mit der Ikone der amerikanischen Demokraten gering ist, steht allerdings ausser Zweifel.

In Bern ist der Ökonom, der in Basel und St. Gallen studierte, nach vier Jahren keine politische Grösse. In der Sozial- und Gesundheitskommission, in der er sitzt, fiel er vor allem als konsequenter Lobbyist der Pharmabranche auf. Auch seine ersten beiden Vorstösse im Nationalrat behandelten den Pharmastandort, weitere kamen dazu. De Courten ist Präsident der Intergenerika, dem Verband der Generikahersteller, und führt auch den Verband der schweizerischen Speditions- und Logistikunternehmen (Spedlogswiss). Daneben sitzt er in verschiedenen Verwaltungsräten von regionalen Firmen.

Umstrittene Bilanz als Wirtschaftsförderer

Noch immer bezeichnet ihn die Website der Parlamentsdienste (und fast jede Zeitung) als Leiter der Baselbieter Wirtschaftsförderung, aber diese Stelle verliess er bereits im vergangenen Juli. «Baselland verliert Wirtschaftsförderer», titelte die «Basler Zeitung», als de Courten seinen Rücktritt bekannt gab. Es klang nach einem Verlust – doch viele im Baselbiet empfanden das anders. In seinen drei Jahren im Amt gelang es dem Kanton kaum, neue Unternehmen anzulocken. Immer wieder stand de Courten in der Kritik aus Wirtschaft und Politik: Wie könne ein SVP-Politiker, der die Masseneinwanderungsinitiative befürworte, gleichzeitig als staatlich besoldeter Wirtschaftsförderer tätig sein?

Die Stelle erhalten hatte de Courten, nachdem ihn die Kantonsregierung eilig und ohne formelle Ausschreibung darauf berufen hatte – für viele überraschend. Nicht mit de Courten gerechnet hatte kurz zuvor auch SVP-Nationalrat Christian Miesch. Es war sein Sitz, den de Courten bei den Wahlen 2011 eroberte. Wie Miesch, der nur dank des Rücktritts von Caspar Baader noch einmal in den Nationalrat nachrücken durfte, lebt auch de Courten im oberen, bäuerlich geprägten Teil des Kantons. Die Leutseligkeit der Landschäftler geht ihm aber ab. Im öffentlichen Auftritt wirkt de Courten spröde und etwas roboterhaft. Kennedy ist das nicht.

Im Bundesparlament hat de Courten Sympathien, weil er – auch mit seinen Vorstössen – für die Themen des «bürgerlichen Schulterschlusses» steht: Deregulierungen, Bürokratieabbau, Stärkung des Wirtschaftsstandorts. In der SVP-Fraktion ist sein Gewicht allerdings gering. Und nicht einmal in seinem Kanton mag man sich über seine Kandidatur richtig freuen. Es wäre wichtig, dass die Region Basel endlich wieder einmal einen Bundesrat hätte, sagt die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. «Aber es sollte jemand sein, der die ganze Region vertritt. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob Thomas de Courten dieses Amt überhaupt will.»

«Ich habe grossen Rückhalt»

Doch, er wolle – sagt er selbst. Die Aufgabe sei riesig, die Verantwortung auch. «Aber ich habe in der Region und in meiner Kantonalpartei einen grossen Rückhalt. Und bei den Wahlen war ich der bestgewählte bürgerliche Nationalrat.» Seine Bilanz als kantonaler Wirtschaftsförderer sei besser, als sie oft dargestellt werde, und im Parlament sei er inzwischen angekommen. Dass er sich für die Pharma einsetze, sei nur logisch: «Die Life Sciences sind die Leitbranche unserer Region.» Trotzdem weiss de Courten: «Ich bin in diesen Wahlen eher in der Rolle des Aussenseiters.» Schon oft sei es allerdings bei Bundesratswahlen zu Überraschungen gekommen. «Warum nicht auch diesmal?»

Auf einer seiner alten Kaffeetassen stand einst ein Satz von Friedrich Nietzsche: «Die Zeit für kleine Politik ist vorbei. Schon das nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die Erdherrschaft.» Der Kampf des Thomas de Courten: Er beginnt zuerst einmal in der SVP-Fraktion.

Erstellt: 04.11.2015, 12:53 Uhr

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