Tausende Neonazis feiern im Toggenburg

Das Neonazi-Konzert in Unterwasser war getarnt organisiert worden. Die Gemeinde ahnte nichts.

Besorgte Bürger riefen den Gemeindepräsidenten an und meldeten die Ankunft zahlreicher «Glatzköpfe».

Besorgte Bürger riefen den Gemeindepräsidenten an und meldeten die Ankunft zahlreicher «Glatzköpfe». Bild: Urs Flueeler (Archiv, 2008)/Keystone

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In der Tennishalle Unterwasser, am Fuss der Churfirsten, fand in der Nacht auf Sonntag ein Neonazi-Konzert mit bis zu 6000 Besuchern statt. Laut Journalist und Szenekenner Fabian Eberhard handelt es sich um einen der grössten solcher Anlässe in Mitteleuropa seit langem. «Das ist eine neue Dimension.»

Die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann, zu der Unterwasser gehört, sei völlig überrumpelt worden, sagt Präsident Rolf Züllig. «Uns wurde das Konzert als ‹Rocktoberfest› angekündigt.» Laut Gesuch handelte es sich um einen Anlass mit sechs Schweizer Nachwuchsbands, erwartet wurden etwa 600 Zuschauer. Am frühen Samstagabend hätten ihn dann besorgte Bürger angerufen, dass in Unterwasser Hunderte von «Glatzköpfen» einträfen, sagt Züllig. Er habe sich selber ein Bild gemacht. Viele deutsche Cars und Autos habe er gesehen, aber auch solche mit holländischen und russischen Nummernschildern. Unheimlich sei dieser Einmarsch gewesen.

Eindeutig ein Neonazi-Konzert

Als Erstes berichtete gestern Morgen die Antifa Bern über das Konzert. Die St. Galler Kantonspolizei bestätigte darauf den Anlass. Die Polizei sei vor Ort gewesen, einen Grund, einzuschreiten, habe es nicht gegeben, sagt Sprecher Markus Rutz. «Alles lief gesittet ab, um zwei Uhr war wie vereinbart Schluss.» Die Gesinnung der Besucher könne die Polizei nicht beurteilen. Die Halle hätten die Polizisten nicht betreten, dort liege die Verantwortung bei den Veranstaltern. Die Kantonspolizei habe erst kurz vor Samstag vom Anlass erfahren, ohne die Namen der Bands zu kennen.

Der Betreiber der Halle will nicht von einem «Neonazi-Konzert» sprechen. Es habe sich um einen «friedlichen Anlass» gehandelt. Im Publikum habe es ein paar «problematische Typen» gehabt.

Laut Gemeindepräsident Züllig handelte es sich aber eindeutig um ein Neonazi-Konzert. Glücklicherweise sei der Anlass ohne Zwischenfälle verlaufen. Die Polizei habe innert kürzester Zeit hervorragend reagiert. Eine Auflösung der Veranstaltung wäre wegen des grossen Auflaufs nicht möglich gewesen. «Wenn wir gewusst hätten, was da passiert, hätten wir den Anlass niemals bewilligt», sagt Züllig. «Wir wollen diese Leute nicht hier.» Man könne der Gemeinde Naivität vorwerfen. «Aber wir haben das Gesuch sorgfältig geprüft. Es gab keine verdächtigen Anzeichen.»

Heimliche Vorbereitung

Die Mobilisierung lief über private Kanäle. Öffentlich zugängliche Informationen zu einem «Rocktoberfest» gibt es keine. In Neonazi-Kreisen kursierte aber ein Flyer, der für ein Konzert am 15. Oktober warb. Angekündigt waren die deutschen Bands Stahlgewitter, Frontalkraft, Confident of Victory sowie die Schweizer Gruppe Amok – alles bekannte Neonazi-Bands. Als Veranstaltungsort war «Süddeutschland» angegeben, dazu eine Telefonnummer, um weitere Angaben zu erhalten. Darauf erfuhr man am späten Samstagnachmittag offenbar den genauen Veranstaltungsort. Viele Besucher befanden sich zu dieser Zeit bereits in der Nähe der Schweiz. Gestern tauchten in den sozialen Medien Berichte von Konzertbesuchern auf. Auf dem Facebook-Account der Berliner Naziband Spreegeschwader wird ersichtlich, dass es sich beim «Rocktoberfest» um den auf dem Flyer beworbenen Anlass handelt. Ein Foto vom Konzertbesuch zeigt den Wildhauser Schafberg.

Die Organisatoren des Konzerts stammen laut Antifa Bern aus dem Umfeld der internationalen Neonazi-Organisation Blood & Honour (B & H). Vermutlich gehöre der vorbestrafte Sänger der Hombrechtiker Band Amok dazu. Die Antifa kritisiert, dass der Anlass stattfinden durfte, obwohl bei früheren solchen Konzerten nachweisbar gegen die Rassismusstrafnorm verstossen worden sei. Auch dass so viele Neonazis ungehindert hätten einreisen können, sei stossend. Die Schweiz gelte in der Neonazi-Szene als Konzertparadies, sagt Fabian Eberhard. «In Deutschland gehen die Behörden deutlich restriktiver vor.»

Erstellt: 16.10.2016, 18:02 Uhr

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