Terrorrisiko wird stark überschätzt

Ein mulmiges Gefühl haben viele Menschen nach dem Pariser Terror. Die Forschung zeigt aber: Statt vor Terrorattacken sollten wir uns vor anderen Gefahren fürchten.

Dem Strassenverkehr fallen deutlich mehr Menschen zum Opfer als dem Terrorismus. Foto: Keystone

Dem Strassenverkehr fallen deutlich mehr Menschen zum Opfer als dem Terrorismus. Foto: Keystone

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Das Massaker von Paris mit 129 Toten und 350 Verletzten lässt niemanden kalt. Viele haben jetzt Angst vor weiteren Anschlägen, bei welchen sie allenfalls eines der Opfer sein könnten. Doch ist diese Angst angebracht? Ist sie rational? Ein nüchterner Blick in die Risikostatistik zeigt: Nein, die Terrorgefahr wird massiv überschätzt.

«Dieses Risiko ist vernachlässigbar», sagt Professor Michael Siegrist, der sich von Berufs wegen mit solchen Fragen befasst. Er erforscht an der ETH Zürich das menschliche Risikoverhalten. Sein Kollege Ortwin Renn von der Uni Stuttgart hat die Zahlen analysiert: «Die Wahrscheinlichkeit, in den letzten 20 Jahren Opfer eines Terroranschlags in Europa geworden zu sein, liegt weit unter 1 zu einer Million.» Andere Gefahren seien viel grösser. Zum Beispiel jene, im Strassenverkehr ums Leben zu kommen. Alle zwei Wochen sterben auf Frankreichs Strassen 130 Menschen – gleich viele wie bei den Anschlägen von Paris.

Aufs Auto umgestiegen

Im Vergleich zur Terrorgefahr wird das Risiko auf der Strasse unterschätzt. Dies zeigte sich auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Damals stiegen viele Amerikaner aus Angst vor dem Fliegen aufs Auto um. Dies hätten sie aber besser unterlassen. Denn in den Jahren danach brachten Terroristen in den USA kein Flugzeug mehr zum Absturz. Dafür kamen 1500 Amerikaner durch zusätzliche Strassenunfälle ums Leben, weil der Verkehr auf den Autobahnen um fünf Prozent zunahm. Sie wollten sich vor der Terrorgefahr schützen – und setzten sich dadurch der noch grösseren Gefahr des Autoverkehrs aus.

Wie kommt es zu solch fatalen Fehleinschätzungen? Mit ein Grund dafür ist die mediale Berichterstattung. Terroranschläge stossen bei der Bevölkerung auf ein grosses Interesse, weshalb die Medien ausgiebig darüber informieren – viel ausgiebiger als über die 130 Verkehrstoten, die in Frankreich alle zwei Wochen zu beklagen sind.

«So werden wir immer wieder mit Terrormeldungen konfrontiert», sagt Risikoforscher Siegrist. Dasselbe gilt für Flugzeugabstürze, was unter anderem erklären mag, weshalb deutlich mehr Menschen Flugangst haben als Fahrangst. Rational ist dies nicht. Denn Autofahren ist statistisch gefährlicher als Fliegen.

Doch Autounfälle sind weniger spektakulär als Flugzeugabstürze. So bleiben sie in unserem Hirn weniger haften. Noch unspektakulärer ist der Tod all jener, die an den Folgen ihres Zigarettenkonsums oder ihrer Fehlernährung sterben. Laut den Risikoforschern gehören Rauchen, Alkohol, Fehlernährung und Bewegungsmangel denn auch zu den meistunterschätzten Gefahren.

Der Glauben an Kontrolle

Überhaupt werden Alltagsrisiken oft verkannt – etwa jene der rutschigen Badewanne, des Stromkabels oder der Leiter. Dasselbe gilt für die saisonale Grippe, an der in der Schweiz jährlich bis zu 1500 Menschen sterben. Sie macht den Schweizerinnen und Schweizern wenig Angst. Stattdessen fürchteten sich viele vor der Vogelgrippe und der Schweinegrippe, die weit weniger schwerwiegende Folgen hatten.

Das gefühlte Risiko ist eben ein soziales Konstrukt. Je aussergewöhnlicher die Gefahr, desto intensiver nehmen wir sie wahr. Entscheidend ist auch, ob man das Risiko kontrollieren kann – oder zumindest glaubt, man könne es kontrollieren. Etwa beim Autofahren, beim Essen oder beim Besteigen der Leiter. Terroranschlägen hingegen sind wir machtlos ausgeliefert. Umso stärker ist unser diesbezügliches Unbehagen. Das gilt auch fürs Fliegen: Gerät das Flugzeug in heftige Turbulenzen, können wir nicht eingreifen, sondern müssen uns auf das Können des Piloten verlassen.

Die Risikoforschung hat ferner herausgefunden, dass menschengemachte Gefahren als schwerwiegender eingestuft werden als natürliche Risiken. Dies zeigt sich zum Beispiel bei den Lebensmitteln: Hier fürchten sich viele vor Pesti­zidrückständen – stärker als vor natürlichen Pilzen und Bakterien, die deutlich gefährlicher sind.

Interessant ist auch, dass Gefahren aufgrund von menschlichem Handeln als gravierender eingestuft werden als jene infolge eines Unterlassens. Todesfälle durch Impfungen zum Beispiel gewichten die meisten stärker als Todesfälle wegen eines Impfverzichts.

Mit der Zeit schwindet die Angst

Unterschätzt werden laut Renn auch systemische Risiken wie der Klimawandel und die Luftverschmutzung. Die Gefahr von Blitzschlägen und Haien hingegen wird krass überschätzt. Sterben doch pro Jahr weltweit nur gerade 10 Menschen an Haiattacken. Die Schlagzeilen und Bilder führen in unserem Hirn jedoch zu einem anderen Eindruck.

Besonders stark ist deren Wirkung kurz nach einem Ereignis, wie sich auch jetzt nach den Anschlägen in Paris zeigt. Nun ist die Terrorangst besonders gross. Mit der Zeit wird sie schwinden, obwohl die Gefahr nicht kleiner geworden ist. Dies ist auch nach Erdbeben zu beobachten: Unmittelbar danach werden jeweils mehr Versicherungen abgeschlossen. Der Mensch funktioniert eben – selbst wenn es ums Geschäft geht – nicht rational. Und bei so schrecklichen Attacken wie in Paris schon gar nicht.

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Erstellt: 16.11.2015, 22:52 Uhr

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