Tessiner Schrei nach Liebe

Kein Kanton leidet stärker unter seiner Grenzsituation, kein Kanton wird gleichzeitig vom Bund so alleine gelassen.

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Weiss jemand, wann unser Bild vom Tessin gekippt ist? Seit wann wir nicht mehr an die «Sonnenstube», an Grotti und die glatten Kiesel in der Maggia denken, wenn vom Tessin die Rede ist, sondern an ausfällige Politiker, Schwarzgeld, ausgebuhte Grenzgänger und schlecht behandelte Asylbewerber?

Reden wir heute vom Tessin, reden wir wie über den missratenen Sohn der Familie. Der in der Pubertät alles macht, um seine Eltern vor den Kopf zu stossen. Aber eigentlich nur Liebe will.

Die neuste Episode aus dem wilden Süden passt perfekt in dieses Schema. Seit Oktober werden in- und ausländische Firmen verpflichtet, sich bei Bauarbeiten im Tessin unter grösstem bürokratischem Aufwand registrieren zu lassen. Offiziell will der Kanton mit dem neuen Gesetz die Qualität der Arbeiten ­verbessern und «Missbräuchen bei der Wettbewerbsausübung» vorbeugen. Doch das ist nur ein müder Versuch, die wahren Intentionen zu verbergen: Es ist Heimatschutz, Protektionismus, wie ihn sich Donald Trump nicht besser hätte ausdenken können. Erstes Ziel sind italienische Unternehmen, Kollateralschäden verzeichnen bereits jetzt die Bauunternehmen in der Innerschweiz und in Graubünden, die sich bitterlich über die neue Regelung beklagen.

Das Tessiner Gesetz ist nichts anderes als die verzweifelte Suche nach etwas mehr Aufmerksamkeit.

Natürlich haben sie recht mit ihrer Klage. Natürlich ist es daneben und passt nicht ins schweizerische Verständnis eines liberalen Wettbewerbs. Doch wie der Sohn seine Haare nicht ohne Grund rasiert und mit dem Kiffen beginnt, ist auch das Tessiner Gesetz nichts anderes als die verzweifelte Suche nach etwas mehr Aufmerksamkeit. Kein Kanton leidet stärker unter seiner Grenzsituation, kein Kanton wird gleichzeitig vom Bund so alleine gelassen. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, Schwarzarbeit und Dumpinglöhne, der Streit mit den italienischen Grenz­gängern und jetzt das protektionistische Baugesetz: Viele Tessiner Probleme mit nationaler Ausstrahlung hätten mit etwas mehr Rücksicht aus Bern vermieden werden können. Was noch alles geschehen muss, ­damit man diese Probleme endlich auch aus einer natio­nalen Sicht angeht: Non lo so.

Erstellt: 31.01.2017, 22:55 Uhr

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