Teures Geschenk

Unterdessen in Frauenfeld TG: Ein Multimillionär vererbt dem Kanton sein gesamtes Vermögen. Die Behörden sind überrumpelt.

«Ich bedaure, dass wir Walter Enggist nicht kennen lernen durften»: Regierungsraetin Monika Knill. Archivbild: Ennio Leanza (Keystone)

«Ich bedaure, dass wir Walter Enggist nicht kennen lernen durften»: Regierungsraetin Monika Knill. Archivbild: Ennio Leanza (Keystone)

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Unbeachtet von der Öffentlichkeit wurden im Juni seine sterblichen Überreste beigesetzt. In aller Stille, wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte. Da stand keine trauernde Ehefrau am Grab, da standen keine Kinder, keine Enkel. Der Verstorbene hatte nie geheiratet. Die letzten Jahre seines Daseins lebte er alleine und zurückgezogen, gönnte sich selber nur das Nötigste.

Dann aber, ein halbes Jahr post mortem, sorgt der Mann für Aufsehen: Die Thurgauer Regierung lädt die Medien ein, projiziert das Foto seines Halbtax-Abos an die Wand und verteilt Unterlagen mit seiner Lebensgeschichte – soweit sie sie rekonstruieren konnte. «Wir wissen nicht viel von Walter Enggist. Aber ich bedaure, dass wir ihn nicht kennen lernen durften», sagt Regierungsrätin Monika Knill. Zurückgezogen, wie Enggist lebte, hat er kaum Spuren hinterlassen, weder real noch virtuell. Als ihn die Regierungsrätin googelte, fand sie seinen Namen einzig auf einer Gönnerliste der ETH.

Was hat der Mann getan? Walter Enggist war Multimillionär, und statt alles zu verprassen, hat er es dem Kanton Thurgau vermacht, genauer dem Amt für Archäologie und der Kantonsbibliothek. Sechs Millionen Franken ungefähr – genau weiss man es nach Abschluss des Nachlassverfahrens.

Das hat es im Thurgau noch nie gegeben: Wohl darf der Kanton ab und zu Legate entgegennehmen, aber die gehen in die Tausenden, nicht in die Millionen, und sie werden meist an einen Zweck gebunden. Enggist hat dies nicht getan – im vollen Vertrauen, dass der Staat die Mittel sinnvoll einsetzen wird, so vermutet Knill. Enggist stellte nur eine einzige Bedingung: Der Erbe muss im Gegenzug sein Grab pflegen.

Ein früher Nerd

Als Begründung für diesen Akt hat der Erblasser 2008 nur diesen einen Satz in sein Testament geschrieben: «Ich würdige damit den Beitrag des Kantons Thurgau an die Grundsteinlegung meiner Karriere.» Enggist, 1948 in Frauenfeld geboren, war als Sohn eines Gärtners in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen. Aber er war ein guter Schüler. Er konnte die Kantonsschule besuchen und studierte danach an der ETH Zürich Bauingenieur.

Der junge Mann war ein früher Nerd, trug eine grosse Brille und war mathematisch und physikalisch ausserordentlich begabt. Sein Vermögen machte er mit Software. 1980, just als das Computerzeitalter richtig anzurollen begann, gründete er mit einem Partner eine Firma und erstellte für Banken ausgeklügelte Programme.

Im Thurgau freut man sich über die unerwarteten Millionen, fühlt sich aber gleichzeitig gefordert. «Wir müssen sicherstellen, dass das Geld nicht einfach beim nächsten Bilanzfehlbetrag abgebucht wird», sagt Monika Knill. Und so sucht man nun nach Ideen, wie man das Geld eines Mannes, den man nicht kannte, in dessen Sinn verwenden kann.

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Erstellt: 16.12.2016, 11:59 Uhr

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