So funktioniert die Therapie psychisch kranker Straftäter

In der Schweiz absolvieren über 900 psychisch kranke Straftäter eine stationäre Therapie – auch Tanja H. und Martha M. Was bringt die Massnahme?

Seit März 2009 bewohnt Tanja H. ihre Zelle in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank. Sie arbeitet täglich sieben Stunden in der Stoffwerkstatt. Bild: Urs Jaudas

Seit März 2009 bewohnt Tanja H. ihre Zelle in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank. Sie arbeitet täglich sieben Stunden in der Stoffwerkstatt. Bild: Urs Jaudas

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«Wie alt sind Sie?», fragt sie beim Treffen als Erstes. Dann: «Haben Sie ein Haustier?» Und: «Schade. Wieso nicht?» Sie hat drei Degus, die sie als Mischung zwischen Ratte und Eichhörnchen beschreibt, davor hatte sie zwei Mäuse, noch davor zwei Ratten und ganz am Anfang eine Katze. Die Tiere, die kommen und dann irgendwann sterben, sie zeigen, wie die Zeit im Gefängnis vergeht. Für Tanja H. ist es das zehnte Jahr in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank. Oder das zwölfte Jahr, je nachdem, ob man ihre erste Inhaftierung mitzählt.

Mit 17 Jahren verübt Tanja H. in Bern zwei Raubüberfälle und kommt nach Hindelbank, der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der Deutschschweiz mit insgesamt 107 Plätzen. In den nächsten Jahren folgt eine Odyssee durch Kliniken, Heime und Gefängnis. Wieder in Freiheit, tötet sie im November 2008 im Berner Florapark einen 52-jährigen Tamilen mit einem Küchenmesser. Rund 100 Schnitt- und Stichwunden fügt sie dem Mann zu, den sie zuvor in der Nähe des Bundeshauses kennen gelernt hat.

Erfolg heisst immer: eine geringere Rückfallgefahr.

Die Tötungsfantasien, die Tanja H. seit ihrer Kindheit verfolgen und im Alter von 16 bereits zu einer Messerattacke auf den eigenen Bruder geführt haben, werden mit dem Mord weniger drängend. Doch sie sind immer noch da, auch bald zehn Jahre nach der Tat. Das erzählt die heute 32-Jährige, als wir uns in einem Besprechungszimmer auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Hindelbank gegenübersitzen. Allein. Das Treffen ist ein Zeichen dafür, wie viel besser es Tanja H. psychisch in der Zwischenzeit geht. Und vor allem: als wie viel ungefährlicher sie mittlerweile gilt.

«Weg sind die Tötungsfantasien zwar nicht. Aber sie sind weniger dominant», sagt Tanja H. Sie hat innerhalb der Gefängnismauern alle Öffnungen erhalten, die möglich sind. Im Jargon heisst das: arealberechtigt. Sie darf alleine in die Stoffwerkstatt, wo sie zusammen mit anderen Insassinnen täglich sieben Stunden arbeitet – «ein 100-Prozent-Pensum», sagt sie. Sie darf zum Sport, zum Chorsingen, zum Einkaufen in den kleinen Laden und wöchentlich Besuch empfangen. Am häufigsten kommt ihre Mutter.

Die «kleine Verwahrung»

Dass all dies über die Jahre möglich wurde, verdankt H. neben Medikamenten der Therapie, die sie im Gefängnis macht. Machen muss – weil sie vom Gericht verordnet wurde. Machen will – weil sie ihr guttut. Sagt sie.

Tanja H. ist für den Mord am tamilischen Zufallsopfer 2010 zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren sowie einer stationären Massnahme verurteilt worden. Diese wird verhängt, wenn das Gericht Straftäterinnen und Straftäter für psychisch gestört, aber therapierbar hält. Und wenn das begangene Delikt mit der diagnostizierten Störung zusammenhängt. Die therapeutische Behandlung dauert in der Regel fünf Jahre. Sie kann aber um maximal fünf Jahre verlängert werden, unbeschränkt oft. Deshalb wird der Artikel 59 des Strafgesetzbuches auch «kleine Verwahrung» genannt.

Für Tanja H. ist klar: Wenn die nächsten fünf Jahre um sind, im Herbst 2020, wird das Gericht ihre stationäre Therapie erneut verlängern. Trotz aller Fortschritte bleibt sie psychisch zu instabil – und damit für das Leben in Freiheit zu gefährlich. Das wird auch der Psychiater merken, der sie begutachten wird, glaubt sie. Vor allem er. «Ich mache mir keine grossen Hoffnungen», sagt Tanja H. «Mit der Impulskontrolle habe ich immer noch Mühe. Und ich bin viel zu angepasst, fresse alles in mich hinein, statt mal richtig Dampf abzulassen.»

Die Frauen fassen Vertrauen. Auch in sich selbst.

Die Psychiater haben bei Tanja H. – es gibt mittlerweile vier ausführliche Gutachten über sie – eine Borderline-Störung diagnostiziert. Diese ist geprägt von einem instabilen Selbstbild, ausgeprägten Stimmungsschwankungen sowie Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen. Tanja H. schätzt die wöchentlichen Gespräche mit ihrer Therapeutin, lieber würde sie noch häufiger mit ihr reden. Und auch um die Therapieangebote in der Gruppe ist sie froh. Doch gleichzeitig zehre die Massnahme an den Nerven, sagt sie. Man sei ihr «ausgeliefert».

Was sie damit meint, versucht sie wie folgt zu beschreiben: «Eigentlich beruhigt sich das Gericht mit der Massnahme nur sein Gewissen. Sie geben mir nochmals eine Chance, sperren mich nicht einfach weg. Doch gleichzeitig komme ich mir genau so vor: weggesperrt. Als stünde ich auf dem Abstellgleis.» Und immer ist da auch die Angst, dass sie dereinst doch verwahrt werden könnte. «Und damit endgültig weggesperrt», wie sie sagt.

«Das tut mir gut»

Derzeit befinden sich in der Schweiz rund 900 psychisch kranke Straftäter in einer stationären Massnahme, knapp 80 davon sind Frauen. Werden sie wie Tanja H. als gefährlich beurteilt, erfolgt die Therapie in einer geschlossenen Einrichtung. Das kann eine Justizvollzugsanstalt oder eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik sein. Doch wie läuft eine Therapie im Zwangskontext ab? Und vor allem: Was bringt sie?

Tanja H. zählt auf, was für Gruppentherapien sie in der Zeit in Hindelbank bereits absolviert hat. Und wie oft. Gewalttherapie, speziell für weibliche Straftäterinnen entwickelt: einmal. Traumatherapie: einmal. Schematherapie für Persönlichkeitsstörungen: einmal. Das Programm Reasoning & Rehabilitation, kurz R & R, ebenfalls zur Behandlung von Straftäterinnen entwickelt, hat sie gar zweimal besucht. «Da geht es darum, Konflikte zu lösen im Alltag», sagt sie. «Das tut mir gut.»

Sie merkt inzwischen viel besser, wann sie sich in ihre Zelle zurückziehen muss, zu ihren Tieren oder zum Häkeln. Ihr zweites Hobby. Und wenn wieder einmal eine Insassin den Fernseher zu laut aufdreht in ihrer Zelle, beschwert sich Tanja H. inzwischen bei einer Betreuerin. «Höher als 30 darf man nicht gehen», sagt sie. «Auf der Fernbedienung, wissen Sie.»

Liebevoll: H. kümmert sich um ihre drei Degus. Bild: Urs Jaudas

Auf andere Frauen geht Tanja H. nicht mehr los, sie schlägt keine Sachen mehr kaputt. Und auch ihre Selbstverletzungen – ebenfalls Teil der Borderline-Störung – kommen kaum mehr vor. Das erzählt Tanja H., und ihre langjährige Therapeutin Julia Stepizl bestätigt es.

Stepizl ist leitende Psychologin im Forensisch-Psychiatrischen Dienst der Universität Bern und seit 2012 im Einzel- und Gruppensetting in Hindelbank tätig. Das Programm Reasoning & Rehabilitation – umgangssprachlich als «Denkwerkstatt» bezeichnet – trainiere grundlegende soziale Kompetenzen, sagt sie. Zuerst überlegen, dann handeln, Gefühle erkennen und mit ihnen umgehen, die Perspektive des andern verstehen, mit ihm verhandeln, alltägliche Probleme lösen – all das versuche man, mit den Insassinnen zu erarbeiten.

Geeignet für das Gruppenprogramm sind Rollenspiele. Zudem erhalten die Frauen Hausaufgaben wie beispielsweise das Einüben von Beruhigungstechniken. «Schädliche Handlungsmuster sollen durch hilfreiche Handlungsmuster ergänzt, wenn nötig auch überschrieben werden», sagt Stepizl.

Ohne Widersprüche

Geht das überhaupt – psychisch kranke Straftäterinnen therapieren? Wie kontrolliert man einen allfälligen Erfolg? Und was, wenn die Frauen nur so tun, als liessen sie sich auf die Therapie ein, um an Vollzugsöffnungen zu kommen? Zentral ist laut der Psychotherapeutin, dass die Insassinnen die neuen Verhaltensmuster nicht nur lernten, sondern tatsächlich anwendeten und übten – bei der Arbeit, in der Wohngruppe, im Umgang mit dem Personal. Und dass das betreuende Team wachsam sei: «Wir tauschen uns laufend über die Frauen aus – ­gebündelt und koordiniert. Nur so können wir positive Veränderungen bei ihnen feststellen und nach wie vor problematisches Verhalten bearbeiten.» Ziel des interdisziplinären Ansatzes ist, dass das vierköpfige Fallteam, das jede Frau betreut, möglichst genaue Informationen über die Insassin und ihr Delikt besitzt. Genau heisst im Gefängnisjargon: wirklichkeitsgetreu. Ohne Widersprüche. Echt. Vor und nach den Therapien findet eine mündliche Übergabe statt, wichtige Themen hält das Team schriftlich fest – das gilt für alle Therapien, bei allen Frauen. Mindestens einmal pro Jahr finden Standortgespräche statt. Erfolg heisst in der Massnahme immer: eine geringere Rückfallgefahr.

Bei allen Therapieangeboten gilt: Die betroffenen Frauen müssen teilnehmen. Mit dem Zwang zur Therapie sei es so eine Sache, sagt Julia Stepizl. Natürlich sei allen Beteiligten klar, dass die Therapien angeordnet seien. Gerade zu Beginn würden sich manchmal Frauen verweigern: «Sie sitzen die Stunden regelrecht ab. Physisch sind sie zwar anwesend – mehr aber auch nicht.» Im Fall von Gruppentherapien vermerke man das entsprechend und starte ein paar Monate später einen zweiten Versuch. Allenfalls auch einen dritten. In den Einzelgesprächen können die Frauen weniger ausweichen. Aber auch dort gilt: Ohne ihr Zutun sind Fortschritte undenkbar.

Die Verweigerung oder – um es positiver auszudrücken – die Zurückhaltung der Frauen hat laut Stepizl viel mit ihren Gewalt- und Missbrauchserfahrungen zu tun. Die meisten seien traumabelastet, in vielen Fällen hätten diese traumatischen Erfahrungen zu den Delikten beigetragen. Entsprechend schwer falle es den Frauen, Vertrauen aufzubauen.

Therapiepflicht: H. im Gespräch mit Julia Stepizl. Bild: Urs Jaudas

Und dann ist da immer auch das Wissen um die spezielle Beziehung zwischen Therapeutin und Insassin: Die Gespräche sind im Massnahmenvollzug weniger vertraulich als in Freiheit. Weil die Therapien vom Gericht verordnet sind, müssen die Psychologinnen deren Verlauf und Fortschritt den Vollzugsbehörden rapportieren. «Die Frauen wissen das, wir wissen das. Es ist eine stetige Gratwanderung – auch für uns», sagt Stepizl.

Trotz aller Hürden: Irgendwann beginnen die meisten Frauen zu reden. Zum Beispiel Martha M., die in Wirklichkeit anders heisst. Sie ist 27 Jahre alt und seit Sommer 2015 in Hindelbank. Auf ihr Delikt – Betrug, Erpressung, Nötigung, bestraft mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren – will sie nicht näher eingehen. Die Gründe, die zum Delikt führten, tönt sie nur an: eine ungesunde Beziehung, Abhängigkeiten, Druckversuche. Und eine schwierige Kindheit. Auch bei Martha M. hat ein Psychiater eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, auch bei ihr hat ein Gericht eine stationäre Massnahme angeordnet. Sie wird länger dauern als die eigentliche Strafe.

«Anfangs war ich wie betäubt», sagt sie. «Die Verhaftung, überhaupt das Delikt, ich war mit der Situation völlig überfordert.» Entsprechend bockig habe sie sich nach ihrer Ankunft in Hindelbank verhalten. In der Wohngruppe sei sie aggressiv gewesen, habe Sachen herumgeschmissen, sei mehr als einmal für ein paar Tage im «Bunker» gelandet. «Ich hatte das Gefühl, ich wolle und könne alles selber machen. Also machte ich Stress», sagt sie.

Am wenigsten reden wollte sie mit ihrer Therapeutin. Doch sie musste zu den Einzelgesprächen antraben, Woche für Woche, volle 50 Minuten lang. Der Fokus der Gespräche lag – wie immer im Massnahmenvollzug – auf dem Delikt sowie der psychischen Störung. Auch an den Gruppentherapien nahm Martha M. nur ungern teil. Das fiel auch den Therapeutinnen auf. «Ich wollte die Massnahme abbrechen», sagt sie rückblickend. «Es ging überhaupt nicht vorwärts. Weil ich das Delikt nicht akzeptierte und auch meine Störung nicht.»

Plötzlich Einsicht

Im letzten Sommer, rund zwei Jahre nach der Ankunft in Hindelbank, machte es klick. Martha M. entschied, mitzumachen – in der Einzeltherapie, in den Gruppentherapien, in der Wohngruppe, bei der Arbeit, in ihrem Fall die Küche. Die Einsicht sei nicht über die Wochen und Monate gewachsen, sondern plötzlich da gewesen, sagt sie. Der wichtigste Schritt: Sie fasste Vertrauen zu ihrer Therapeutin. «Ich merkte: Diese Massnahme ist eine Chance. Wenn ich sie nützen will, muss ich mich öffnen. Anders geht es nicht.»

Was hat aus ihrer Sicht den Umschwung bewirkt? «Ich weiss es nicht», sagt sie zuerst. Sie blickt zum Fenster hinaus, auch wir sind allein im Besprechungszimmer. Dann fügt sie an: «Ausschlaggebend waren die Therapiestunden – und die Zeit, die im Gefängnis vergeht. Irgendwann realisierte ich, dass ich hier bin, für lange, ob ich diese Massnahme nun will oder nicht. Und dass es alleine an mir liegt, ob sie mir etwas bringt.»

«Wo ich jetzt bin, fühle ich mich zu Hause», sagt Tanja H. über ihr Leben in der Wohngruppe Hochsicherheit und Integration. Bild: Urs Jaudas

Was Martha M. erzähle, sei typisch, sagt Psychotherapeutin Julia Stepizl. Neben dem Therapiezwang gebe es nämlich auch noch etwas anderes: den Leidensdruck. «Die meisten Frauen wissen, dass eine Therapie eigentlich nötig wäre. Dass einiges schiefgelaufen ist in ihrem Leben, sie falsche Entscheidungen getroffen haben.» Sie hätten ganz grundlegende Wünsche für ihr Leben: eine sichere Wohnung, einen sicheren Job, einen geregelten Alltag. Also begännen sie irgendwann, sich zu öffnen.

Was dann passiert, nennt die Psychotherapeutin eine «korrektive Beziehungserfahrung». Die Frauen erlebten – zum Teil zum ersten Mal im Leben –, wie es sei, jemandem zu vertrauen, ohne enttäuscht oder verletzt zu werden. «Wenn wir das in der Therapie bieten können und die Frauen es schaffen, sich darauf einzulassen, ist ein wichtiger Schritt geschafft», sagt sie. «Eine Beziehung macht etwas mit dem Menschen. Sie ist ein zentraler Wirkfaktor in der Therapie.»

«Auf zehn zählen»

Martha M. beschreibt sich selber als «hilfsbereit und freundlich», aber auch «manipulativ und kalt». Sie habe früher alles gemacht, um zu bekommen, was sie wollte. Ohne Mitgefühl für ihr Gegenüber. Zudem falle es ihr schwer, Grenzen zu setzen, auch das sei Teil ihrer Persönlichkeitsstörung. Deshalb sei sie in der Vergangenheit ausgenützt worden, habe Dinge getan, für die sie sich heute schäme. Doch verantwortlich für ihr Delikt, das weiss die 27-Jährige heute, ist alleine sie selbst.

Mittlerweile hat sie «riesige Fortschritte» gemacht, wie auch Psychologin Stepizl bestätigt. Zum einen ist da das Mitleid mit den Opfern, das Martha M. heute empfindet. Zum andern weiss sie nun besser, wie sie mit ihren Aggressionen umgehen soll. «Auf zehn zählen, auf die Zelle gehen oder an die frische Luft», erklärt sie die drei erlernten Strategien, die bei ihr «meistens ziemlich gut» funktionieren. Wenn sie merkt, dass es schwierig wird, bittet sie eine Betreuungsperson in der Wohngruppe um Hilfe. Auch das klingt simpel, ist es für sie und viele Insassinnen aber nicht.

In Hindelbank werden stationäre Massnahmen in zwei Wohngruppen mit milieutherapeutischem Setting vollzogen – die dritte Therapieform neben Einzel- und Gruppentherapie. Martha M. lebt in der Wohngruppe Therapie, die sich für sogenannt gruppenfähige Frauen eignet. Diese Abteilung mit Platz für 17 Insassinnen wurde Ende 2011 eröffnet – aufgrund der grossen Nachfrage nach Therapieplätzen: Die Gerichte haben in den letzten Jahren laufend mehr stationäre Massnahmen verfügt, und auch der Anteil von verurteilten Frauen, die unter psychischen Störungen leiden, ist gestiegen. Die Insassinnen in der Therapiegruppe leiden an Persönlichkeitsstörungen, oft kombiniert mit einer Suchtproblematik, an Schizophrenie oder einer Psychose. Ihre Delikte reichen von Drogenhandel bis Mord.

Zusammenleben als Zwangsgemeinschaft

Tanja H. lebt in der stärker gesicherten Wohngruppe Hochsicherheit und Integration mit insgesamt acht Plätzen. Sie ist für Frauen konzipiert, die sich für eine grössere Gruppe noch nicht eignen – weil sie andere möglicherweise gefährden könnten oder aufgrund ihres psychischen Zustands individueller betreut werden müssen. Das Ziel ist, dass sie dereinst in die Therapiegruppe übertreten.

Das Zusammenleben als Zwangsgemeinschaft in den beiden Wohngruppen verlangt soziale Kompetenzen. Oft auch: Nerven und Geduld. Als Regel auferlegt ist ihnen beispielsweise, bei den gemeinsamen Essen mindestens zehn Minuten am Tisch sitzen zu bleiben. Das klingt nach wenig, ist an manchen Tagen jedoch äusserst anstrengend, wie sowohl Martha M. als auch Tanja H. bestätigen. Die unterschiedlichen Geschichten, die unterschiedlichen Gemütsverfassungen, der Lärm.

Pflicht ist auch die Teilnahme an der wöchentlichen Haussitzung unter Leitung der Sozialpädagoginnen und Psychologinnen, sie wird in beiden Wohngruppen durchgeführt. Das Hauptthema: Konflikte zwischen den Insassinnen. Auch das ist Teil der Milieutherapie.

Auf keinen Fall auffallen

Tanja H. beschreibt die Stimmung unter den Frauen «manchmal wie im Kindergarten». Es werde gelästert, es fielen unfreundliche Bemerkungen, das sei schon ziemlich nervig. Diese Konflikte, das erwähnt sie mehr als einmal im Gespräch, kosten sie viel Energie. Das hat zum einen mit ihrer psychischen Verfassung zu tun. Zum anderen damit, dass sie sich «ständig zusammenreisst», wie sie sagt. Denn keineswegs will sie negativ auffallen – und dafür schliesslich bestraft werden. In ihrem Fall, wie sie glaubt: verwahrt.

Ihre Angst ist nicht unbegründet: Wann und ob Tanja H. jemals wieder in Freiheit kommt, hängt davon ab, ob es in der Therapie gelingt, ihre Rückfallgefahr zu bannen – das zentrale Ziel jeder stationären Massnahme. Tritt das Gegenteil ein, verspricht die Therapie also irgendwann keinen Erfolg mehr, könnte das Gericht in ihrem Fall die Verwahrung anordnen. Das bestätigt auch ihre Therapeutin.

Soll sie reden oder besser schweigen?

Nicht zuletzt deshalb machen Tanja H. ihre Tötungsfantasien zu schaffen. Soll sie mit ihrer Therapeutin darüber reden oder doch besser schweigen? Auf dem Spiel stehen – sowohl bei ihr als auch bei allen anderen Frauen im Massnahmenvollzug – Vollzugsöffnungen und damit die Freiheit. Irgendwann, vielleicht.

Julia Stepizl sagt, dass solche hoch deliktrelevanten Äusserungen kurzfristig tatsächlich Folgen haben können. Vollzugsöffnungen seien damit vorerst kein Thema mehr. Langfristig gesehen, sei es aber trotzdem besser, wenn Tanja H. die Fantasien einbringe. Denn erstens wisse man sowieso um diese, weil sie schon so lange Thema seien. Und zweitens würde man H. auch dann nicht entlassen, wenn die Fantasien plötzlich verschwänden. Delikte seien immer multifaktoriell begründet. «Es gibt viele Gewalttäterinnen ohne Gewaltfantasien», sagt die Psychologin. «Dieses Wissen schafft im Fall von Tanja H. Erleichterung. Sie kann besser über ihre Fantasien reden, wenn sie weiss, dass diese nicht alleine für ihre Tat verantwortlich sind.» Es gibt auch viele Gewaltfantasien ohne Tat.

Aus Sicht von H.s vierköpfigem Fallteam – bestehend aus Therapeutin, Wohngruppenleiterin, Sozialarbeiterin und Arbeitsagogin – wäre bei der 32-Jährigen eigentlich die nächste Stufe im Massnahmenvollzug erreicht: der Übertritt in die Therapiegruppe, wo auch Martha M. lebt. Doch Tanja H. will, zumindest im Moment, in der Integrationsgruppe bleiben – trotz stärkerer Einschränkungen, auch bezüglich Sicherheit. Sie fürchtet in der fast doppelt so grossen Gruppe mehr Lärm und weniger Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Noch immer brauche sie viel Zeit und Ruhe für sich, sagt sie. Und da ist nach neun Jahren am gleichen Ort noch etwas anderes: «Wo ich jetzt bin, fühle ich mich zu Hause.»


Bilder: Berüchtigtes Gefängnis schliesst die Tore


Erste Schritte in Richtung Freiheit macht hingegen Martha M.: Seit Februar hat sie erste Vollzugsöffnungen. Der erste von mittlerweile fünf begleiteten Ausgängen – fünf Stunden in Burgdorf – überfordertesie aber komplett. «So viele Menschen», sagt sie. «Viel zu viele!»

Wenn alles gut geht, darf sie ihren Ausgang ab Juli alleine antreten. Auf nächstes Jahr ist der Übertritt in die Aussenwohngruppe geplant. Ihre Therapien werden – weil die stationäre Massnahme noch immer läuft – weiterhin im Gefängnis stattfinden.

Trotz aller Fortschritte: Martha M. ist sich bewusst, dass sie «noch lange nicht geheilt» ist. Falls das überhaupt jemals möglich sei. Erst in Freiheit zeige sich, ob sie stark und selbstbewusst genug sei, um nicht erneut ein Delikt zu begehen.

Seelenstriptease während der Therapie

Die Therapie erlebt sie als anstrengend – auch, weil vieles ans Licht kommt, das sie lange verdrängt hat. Das Delikt und wie es dazu kommen konnte, beschäftigt sie, noch immer versteht sie es nicht vollständig. Auch der Gedanke an die Opfer schmerzt. Sie ist froh um die tägliche Arbeit in der Küche. Da muss es schnell gehen, viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht. Auch Sport und Filme lenken sie ab.

Erneut schaut Martha M. in Richtung Fenster: «Es braucht alles viel Zeit», sagt sie dann. «Und Mut. Schreiben Sie das: Es braucht Mut. Schreiben Sie auch: Ich will anderen Frauen Mut machen. Sie sollen die Massnahme annehmen, bei der Therapie mitmachen, Vertrauen fassen, so wie ich.»

Martha M. hat Vertrauen gefasst – auch in sich selbst. Nach bald drei Jahren in der Therapiegruppe ist sie dort am zweitlängsten inhaftiert. Oft fragen die anderen Frauen sie um Rat, das macht sie stolz?. «Als ich nach Hindelbank kam, mochte ich mich nicht. Ich mochte mein Leben nicht. Mittlerweile bin ich viel selbstbewusster.»

Auch Tanja H. erwähnt ihre grössere Selbstsicherheit. Die Zeit. Die Freiheit. Beide Frauen vermissen sie. Und haben Angst vor ihr.

Erstellt: 19.05.2018, 13:56 Uhr

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In Zahlen

904
79 Straftäterinnen und 825 Straftäter befinden sich in der Schweiz in einer stationären Therapie. Bei ihnen allen haben Gutachter eine psychische Störung diagnostiziert.

575
Die therapeutische Behandlung einer psychisch
kranken Straftäterin kostet in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank 575 Franken pro Tag.

5
Pro Jahr hat Tanja H. einen fünfstündigen Ausflug ausserhalb des Gefängnisses zugut. Sie darf das gesicherte Auto jedoch nicht verlassen und trägt Hand- und Fussfesseln. Begleitet wird sie von einer Betreuerin und zwei Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes.

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