Tierquälerei soll transparenter werden

Stopfleber, Froschschenkel, Halal-Fleisch: Ein geheimes Dokument des Bundes offenbart Pläne für eine verschärfte Deklarationspflicht bei Tierprodukten. 

Stopfleber: Bei dieser Methode werden Gänse mehrmals täglich mit Futter gestopft, bis ihre Leber auf das Zehnfache der normalen Grösse anschwillt und manchmal zerreisst. Foto: Regis Duvignau (Reuters)

Stopfleber: Bei dieser Methode werden Gänse mehrmals täglich mit Futter gestopft, bis ihre Leber auf das Zehnfache der normalen Grösse anschwillt und manchmal zerreisst. Foto: Regis Duvignau (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das blutige Verfahren beginnt in einer Metallwanne: Dort wird das Merinoschaf fixiert. Dann schneidet der Bauer Hautstücke rund um dessen After weg, oft ganze Hautlappen, das Tier ist dabei nicht betäubt. Mulesing heisst die Methode, welcher ein Grossteil der circa 74 Millionen Merinoschafe in Australien unterzogen wird. Die Tiere haben viele Hautfalten um den After, die Stelle ist deshalb anfällig für Parasitenbefall, was zu Infektionen führen kann – schlimmstenfalls zum Tod des Tieres. Alternative Methoden zur Vorbeugung gibt es zwar, etwa regelmässiges Scheren an den Hinterbeinen, doch die sind zeitintensiv und aufwendig, kurzum: zu teuer für die Produktion des begehrten Rohstoffs (lesen Sie auch unseren Kommentar: Ein bisschen schlechtes Gewissen muss sein).

In Zukunft sollen es die Konsumenten in der Schweiz wissen, wenn ihre Pullover, Mützen oder Decken Wolle von solchen Schafen enthalten. Diese Deklarationspflicht schlägt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) in einer unveröffentlichten Liste vor, die dieser Zeitung vorliegt. Daneben sollen auch Stopfleber, Froschschenkel und Halal-Fleisch künftig als tierquälerisch hergestellte Produkte deklariert werden. Heute gilt eine solche Transparenzpflicht nur für wenige Produkte wie etwa für Hühnereier oder Kaninchenfleisch aus Käfighaltung.


Die unveröffentlichte Liste des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.

Der Plan war zuerst ambitionierter

Gemäss Insidern waren die Pläne von Alain Bersets Fachleuten in einer ersten Version ambitionierter. Zur Debatte stand demnach auch eine Deklarationspflicht für sechs weitere Produktionsformen, so für die betäubungslose Ferkelkastration, nicht artgerechte Wiederkäuerfütterung oder tierquälerisch hergestellte Reptilienlederprodukte.

Doch diese erweiterte Liste war umstritten: Im BLV befürchtete man offenbar, damit gegen das Recht der Welthandelsorganisation zu verstossen, weil sich manche Handelspartner diskriminiert fühlen könnten. Aber warum gilt das für diese sechs Produktionsformen, nicht aber für Merinowolle, Stopfleber, Froschschenkel und Halal-Fleisch? Das BLV will sich auf Anfrage noch nicht dazu äussern, denn die Vorschläge sind Teil eines Berichts, den das Amt zurzeit auf Geheiss des Ständerats erstellt. Die kleine Kammer hatte vor zwei Jahren im Unterschied zum Nationalrat ein Importverbot für tierquälerisch hergestellte Produkte abgelehnt, den Bundesrat aber mit einem Bericht beauftragt, wie die Deklarationspflicht verstärkt werden könnte.

Zweifel in der Fleischbranche

Gegen die Pläne des BLV regt sich nun in unterschiedlichen Kreisen Widerstand. «Es ist fraglich, ob die Konsumenten deswegen ihr Verhalten ändern», sagt etwa Heinrich Bucher, Direktor von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft. Bei Produkten wie Stopfleber oder Froschschenkeln sei bekannt, dass die Herstellungsmethoden nicht den strengen Schweizer Tierschutzbestimmungen entsprächen. Bucher appelliert an die Eigenverantwortung: «Wer auf Nummer sicher gehen will, soll Schweizer Produkte kaufen.»

Konsumenten- und Tierschützer dagegen begrüssen die Pläne des BLV – allerdings gehen sie ihnen zu wenig weit. «Der Schweizer Markt wird mit Produkten aus tierquälerischer Massentierhaltung überschwemmt», sagt Stefan Flückiger vom Schweizer Tierschutz (STS). Der STS hat mit anderen Organisationen eine Liste mit tierquälerischen Praktiken erarbeitet. Dazu gehören etwa dasKastrieren ohne Betäubung, qualvolle Tötungs- und Rupfmethoden oder das coupieren von Schwänzen und das Abklemmen von Zähnen. «Solche Praktiken sollen verboten oder im Minimum einer obligatorischen Deklarationspflicht unterstellt werden», sagt Flückiger. Wichtig sei dabei, sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung Konsumentenschutz, dass die Deklaration einheitlich geregelt und klar verständlich ist.

Gemäss einer aktuellen Umfrage wünschen sich die Konsumenten, dass die Informationen zur Tierschutzqualität direkt auf den Produkten erkenntlich sind.

Eine möglichst umfassende Deklarationspflicht dürfte auch im Sinne der Bevölkerung sein. Gemäss einer aktuellen repräsentativen STS-Umfrage wünschen sich die Schweizer Konsumenten grossmehrheitlich, dass die Informationen zur Tierschutzqualität direkt auf den Produkten erkenntlich sind. 85 Prozent der Befragten ist es bei Kaufentscheiden zu tierischen Produktenäusserst wichtig bis eher wichtig, zu wissen, dass dem Tierschutz bei der Produktion Rechnung getragen wurde.

Der Bundesrat ist am Zug

Ob Stopfleber, Mulesing oder unbetäubte Kastrationen: Welche Vorschläge der vom Ständerat verlangte Bericht enthalten wird, entscheidet voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte der Bundesrat. Er steht dabei unter Druck des Parlaments: Mehrere Vorstösse verlangen für ausgewählte Produkte Einfuhrverbote. Scheitern diese Bemühungen im Parlament, wird Alliance Animal Suisse, ein Verbund dreier Tierschutzorganisationen, eine Volksinitiative lancieren mit dem Ziel, den Import von Qualprodukten zu verbieten. Untersagt sein soll die Einfuhr jener tierischen Erzeugnisse, deren Herstellung in der Schweiz unter Strafandrohung verboten ist. «Wir stehen in den Startlöchern», sagt Katharina Büttiker, Präsidentin von Alliance Animal Suisse.

«Bei uns muss man jede Kuh bald dreimal täglich streicheln, während die Welschen Lebern von qualvoll gestopften Gänsen und Enten essen wollen – das passt nicht zusammen.»SVP-Nationalrat Martin Haab

Nicht nur Tierschützer rechnen sich im neuen, grüneren Parlament mehr Chancen für die Vorstösse aus, sondern auch jene bürgerlichen Politiker, die ebenfalls eine strengere Deklarationspflicht fordern. Letztere verweisen auf den Widerspruch zwischen den tierquälerischen Importprodukten und den hohen Tierschutzstandards, unter denen die Schweizer Bauern produzierten: «Bei uns muss man jede Kuh bald dreimal täglich streicheln, während die Welschen Lebern von qualvoll gestopften Gänsen und Enten essen wollen – das passt nicht zusammen», sagt etwa SVP-Nationalrat Martin Haab. Er wird in der Frühlingssession eine Motion für ein Stopfleber-Verbot einreichen – und glaubt, dass sie im neu zusammengesetzten Parlament parteiübergreifend mehrheitsfähig ist, gerade auch in seinen Reihen. «Die SVP muss im Tierschutz stärker in Erscheinung treten.»

SP-Nationalrat Matthias Aebischer hatte bereits 2017 unter anderem ein Stopfleber-Importverbot gefordert. Obwohl der damalige Vorstoss einen Kulturstreit zwischen West- und Deutschschweizer Parlamentariern auslöste, will Haab nun noch einmal bei der umstrittenen Stopfleber ansetzen: «Sie ist für mich das krasseste und bekannteste Beispiel dafür, dass Tiere für ein Gourmet-Nahrungsmittel leiden müssen.»

Erstellt: 11.01.2020, 08:04 Uhr

Aktuelle Vorstösse

Der Import folgender Qualprodukte soll verboten werden

Stopfleber: Der Zürcher SVP-Nationalrat Martin Haab will den Import von Foie gras verbieten. Bei dieser Methode werden Gänse und Enten mehrmals täglich mit Futter aus Metallrohren gestopft, bis ihre Leber auf das Zehnfache der normalen Grösse anschwillt und manchmal zerreisst.

Pelzprodukte:
Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer nimmt einen zweiten Anlauf: Nachdem sein Vorstoss für ein Importverbot tierquälerisch erzeugter Produkte 2017 gescheitert ist, beschränkt er sich in einer neuen Motion auf Pelzprodukte. In kommerziellen Zuchtbetrieben werden die Tiere in engen Käfigen mit Drahtgitterböden gehalten und vor der Tötung unzureichend oder gar nicht betäubt und bei lebendigem Leib gehäutet.

Produkte aus tierquälerischer Erzeugung:
Der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann hat einen Vorstoss seiner abgewählten Kollegin Barbara Keller-Inhelder übernommen. Darin werden Einfuhrverbote für tierische Erzeugnisse gefordert, deren Herstellung in der Schweiz unter Strafandrohung verboten ist. Keine der Motionen ist bislang im Rat behandelt worden.

Reptilienleder:
Die Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz fordert eine Deklarationspflicht für Exotenleder, das vor allem in Luxusprodukten verwendet wird. Dieses stamme meist aus tierquälerischer Produktion.

Mulesing-Merinowolle:
Die Berner Nationalrätin Aline Trede (Grüne) will eine Deklarationspflicht für Merinowolle, bei welcher die Tiere dem Mulesing unterworfen werden. Dabei werden den Lämmern Hautstücke amputiert, meist ohne Betäubung.

Artikel zum Thema

«Der Kunde erkennt nicht, dass die Pelze aus Quälzuchten stammen»

Weil die Deklarationspflicht zu wenig gebracht habe, fordern Politiker jetzt ein Importverbot für Fellprodukte. Die Chancen stehen gut. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...