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Tipptopp, Ueli

Draussen schiesst sich die Welt auf ihn ein – in den Schweizer Turnhallen herrscht stiller Konsens: Auf Gripen-Tour mit Ueli Maurer.

«Eine Schweiz ohne Flieger ist wie ein Haus ohne Dach»: An einer Infoveranstaltung in Ennetbürgen stellt Ueli Maurer...
«Eine Schweiz ohne Flieger ist wie ein Haus ohne Dach»: An einer Infoveranstaltung in Ennetbürgen stellt Ueli Maurer...
Keystone
... die Folgen eines Neins an der Abstimmung vom 18. Mai bildlich dar. (14. April 2014)
... die Folgen eines Neins an der Abstimmung vom 18. Mai bildlich dar. (14. April 2014)
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In den Medien weht Maurer in diesen Tagen ein kühler Wind entgegen – der Bundesrat spannt an der SVP-Delegiertenversammlung einen Regenschirm mit einem Gripen-Symbol auf. (5. April 2014)
In den Medien weht Maurer in diesen Tagen ein kühler Wind entgegen – der Bundesrat spannt an der SVP-Delegiertenversammlung einen Regenschirm mit einem Gripen-Symbol auf. (5. April 2014)
Keystone
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Am Ende des Tages wird wieder einmal ­irgendjemand auf allen Kanälen seinen Rücktritt fordern, aber Holziken (AG) empfängt Bundesrat Ueli Maurer an diesem Samstagnachmittag wie einen Helden. Vor der Mehrzweckhalle stehen ein Haflinger der Schweizer Armee, Kennzeichen: EIDGENOSS; zudem ­Lokalpolitiker in ihren besten Anzügen und alte Männer mit den neusten ­Spiegelreflexkameras. Drinnen spielt die Musikgesellschaft Holziken. Zvieri mit dem Bundesrat.

Als Maurer in der schwarzen Limousine – Mercedes, BE 27210, Sitz hinten rechts – vorfährt, positionieren sich die Leute. Der eine will ein Foto beim Haflinger, der zweite ein bisschen schnörre und der dritte heisst zufälligerweise auch Ueli Maurer und leitet aus dieser Gemeinsamkeit noch viele weitere ab.

Maurer sagt: «Hoi, wie häsches?», er kennt die Namen und die Wünsche dazu – er wird sie alle noch erfüllen. Aber vorerst sagt der Bundesrat: «Ich sag noch rasch mein Sprüchli auf, dann komm ich grad.» Die Reporterin eines Lokalfernsehens will ein Interview, es sind in diesen Tagen immer die gleichen Fragen: Wieso braucht es den Gripen? Oder: Die Umfragen sehen schlecht aus für Sie, nicht? Ueli Maurer sagt, was er immer sagt. Ueli Maurer II steht hinter ihm und knipst ein paar Bilder, davon kann man nie genug haben.

Wie der Koch im Film «Ratatouille»

In der Schweiz findet derzeit die Tour de Maurer statt. Ein Bundesrat kämpft für seine Flugzeuge. Der Ver­teidigungsminister zieht durch die Turnhallen und Säle des Landes, stellt sich zwischen Zierpflanzen und erklärt die Welt – oder zumindest, weshalb man am 18. Mai unbedingt Ja zu 22 neuen Kampfjets der Marke Gripen E sagen soll. Über zwanzig Auftritte in vierzig Tagen sind es; vor einigen Jahren, Maurer war Präsident der SVP, wehrte er sich noch gegen Behördenpropaganda dieser Art.

In Holziken ist das den Leuten «scheissegal», wie einer sagt. Ueli Maurer (63) beendet das Interview und läuft in die Turnhalle. Auf der Bühne begrüsst gerade ein junger Mann das Publikum, er sagt: «Das ganze Dorf darf stolz sein.» Maurer bekommt einen Platz in der ­Mitte des Saals und ein Gläsli Wein. Ueli Maurer II hat zu dieser Zeit sicher schon hundert Fotos im Kasten. Die Musik­gesellschaft spielt ihr zweites Stück.

Dann schnappt sich einer im Saal sein Glas, durchmisst die halbe Halle und hält an. Ueli Maurer und Ueli Maurer II stossen an, der eine mit einem Gläsli Roten, der andere mit einem Gläsli Weissen. Hopp, Schwiz!

«Ich schätze diese Auftritte, ich bin gerne in irgendwelchen Dörfern, nahe bei den Leuten. Oft kriege ich Zustimmung, guet hämmer Sie no, guet gmacht, so was», wird Ueli Maurer ein paar Tage später sagen. Und es wird klar werden, dass er sich während dieses ­Abstimmungskampfes in zwei Wirklichkeiten bewegt. Draussen die Welt, die sich auf ihn eingeschossen hat: Medien und Gripen-Gegner, die am liebsten über seinen Auftritt in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens schreiben und reden, über Frauenwitze und die Aussagen des Schwedischen Botschafters. Maurer wirkt dabei wie der tollpatschige Koch aus dem Zeichentrickfilm «Ratatouille».

Navigation durch die Weltgeschichte

Und drinnen? Der Saal des Altstätter Hotels Sonne ist am Donnerstagabend der letzten Woche besser gefüllt als jeweils an den Bürgerversammlungen. Und ein Besucher ruft dem Bundesrat zu: «Ich will Ihnen ein Kompliment machen. Endlich hat es den linken Brüdern der ‹Rundschau› mal einer gezeigt!» Als Ueli Maurer mit seiner Rede beginnt, liegt ein stiller Konsens über dem Saal.

Maurer navigiert durch die Weltgeschichte, 1914, 1933, 1989 – er findet überall Hinweise, weshalb es den Gripen braucht. In seiner Rede kommen «Tausende Jihadkämpfer» vor, zudem Piraten, Pulverfässer, die Krim, unsichere Grenzen und die «immer brutalere Gewalt». Man könnte leicht meinen, Ueli Maurer stehe nicht in Altstätten (SG), sondern er sei live aus Bagdad zugeschaltet.

Der Bundesrat sagt: «Das ist unser Alltag.» Er ist jetzt nicht nur Verteidigungs-, sondern auch Mahnminister. Die Leute nicken wissend.

Die überparteilichen Organisatoren in Altstätten fanden, das Rheintaler Publikum müsse alle Argumente kennen – nach dem Referat von Maurer findet deshalb ein Podium statt. Das Nein-Lager besteht aber aus einem unbekannten Bündner GLP-Nationalrat, der sich während seiner Aussagen durch sämt­liche Armeeberichte der letzten Jahrzehnte blättert, und einer SP-Frau, die so lange nur von «Flugis» spricht, bis auch die Leute in der hintersten Reihe lachen. Wer noch Zweifel hatte, ist nach diesem Podium für die Kampfjets. Ueli Maurer verlässt den Saal mit einem Grinsen im Gesicht. Er zieht weiter durch ein anscheinend bereits überzeugtes Land.

Der Mann aus den Neunzigern

Aber es gibt ja noch die andere Welt. Tiefe Zweifel am Gripen – bis in die ­Armee und die eigene Partei hinein. ­Einige nennen den Jet einen «Papier­flieger», andere wiederum sprechen von einem «finanziellen Abenteuer».

Als Maurer sah, dass es knapp werden könnte mit den Kampfjets, machte er aus der Abstimmungsfrage eine Grundsatzfrage. Es soll jetzt um die Armee gehen, nicht mehr nur um Flieger. Und so beginnt der Bundesrat jeden Auftritt auf seiner Tour mit dem Satz: «Man könnte meinen, es gehe nur um einige Flugzeuge, aber es geht um viel mehr. Um die Unabhängigkeit und ­Sicherheit in diesem Land.» Er findet, Medien und Gegner sähen die Wichtigkeit nicht.

Am Morgen vor dem Auftritt in Altstätten schaltete er auf der Internetseite seines Departements die Meldung auf: Wer gegen den Gripen ist, ist auch gegen die Armee. Und am Abend sagt er: «Es gibt eigentlich keine Alternative.» Maurer wird von Auftritt zu Auftritt definitiver – er findet: «Je mehr Verunsicherung gestreut wird, je überzeugter muss ich selber sein.»

Fünf Tage nach Altstätten tritt Ueli Maurer in Basel auf, es ist der Dienstag dieser Woche und am Morgen gehören die Schlagzeilen im Internet wieder einmal ihm. Das schwedische Radio ver­öffentlicht geheime Papiere, die zeigen, wie der Botschafter in der Gripen-Frage die Schweizer Politiker instruierte und dass er sich vor Aussetzern Maurers fürchtete. Plötzlich sah man in Ueli Maurer wieder jenen Mann aus den Neunzigern, der in Anzügen aussah wie der Verkäufer auf einer Kaffeefahrt. Der von Viktor Giacobbo als Löli imitiert und von den Zeitungen als «Präsident von Blochers Gnaden» beschrieben wurde.

«Wir sind auch Duzis»

Maurer wirkt angespannt, als er in Basel ankommt. Er fragt den erstbesten Vertreter des Empfangskomitees: «Häts vill Lüt? Häts au Gegner?» Und vor seiner Rede sagt er: «Als Zürcher fühlt man sich bei den pfiffigen Baslern manchmal ein bisschen gehemmt.» Zum ersten Mal nimmt Ueli Maurer ein Klarsichtmäppli mit ans Rednerpult.

Doch die Leute im «Schützenhaus»-Saal, wo sich sonst der Rotarier-Club trifft, applaudieren laut und lange – es sind Offiziere, Bürgerliche, Vertreter des alten Geldes. Widerspruch gab es noch nie auf dieser Schweizerreise, keine kritischen Fragen, keine einzige bei fünfzehn Auftritten, bedauert Maurer, nicht einmal in Basel.

Rückblende in die Mehrzweckhalle Holziken, ein Ort, der weit entfernt liegt von Gegnern: Maurer spricht an jenem Samstag letzter Woche nicht zu einem Publikum, sondern zu einer Fangemeinde. Der Bundesrat steht auf der Bühne wie ein Alleinunterhalter, der täglich mit den gleichen Witzen und Sprüchen durch das Land fährt. Er führt jeweils ein Chalet mit und sagt dann: «Eine Schweiz ohne Flieger ist wie ein Haus ohne Dach.» Wenn ihm danach ist, ergänzt er: «Ich hab noch ein Spritzkännchen dabei, ich könnte es regnen lassen, aber das lömmer jetzt.» Die Lacher folgen sicher wie der Kater auf den Rausch. Ueli Maurer II fotografiert.

Er ist immer vor Ort, wenn der berühmte Ueli in der Nähe auftritt. Ueli Maurer II trägt ein grün gestreiftes Hemd und solides Schuhwerk. In der Brusttasche bewahrt er seine Visitenkarten auf, darauf zu sehen: Ueli & Ueli, Arm in Arm. Er sagt: «Heute hab ich ihm gesagt, er sei der Beste in Bern oben. Gut, gell, wir sind auch Duzis miteinander.» Er habe es sich auch überlegt, ein paar Tage später an den Auftritt in Dagmersellen zu fahren, «aber da könnte es auch Gegner haben», sagt er, «dann wird es nicht so gut». Zum Schluss erwähnt er dann sicherheitshalber noch einmal, dass er Duzis sei mit dem Bundesrat.

Der steht bei den Leuten, unterschreibt Panzerbilder, steht für Fotos hin, nimmt Geschenke entgegen. In Holziken bekam er: ein Panzermodell in einer Glühbirne, einen Butterzopf, ein Zvieri-Plättli, ein Gebäck in Gripen-Form, Blüemli für die Frau, Wein und sechs Bio-Eier vom Lüscher-Puur.

Der Frauen-Spruch kommt immer gut an

Der Moderator ruft nach Maurers Rede: «Tipptopp, Ueli!» Er hat frei gesprochen und in Mundart, das finden die Leute immer besonders wichtig. Ganz gut kam ein Spruch an, mit dem Maurer auf seiner Tournee jeweils das Alter der Tiger-Flugzeuge veranschaulicht. «Überlegen Sie mal, was bei Ihnen zu Hause noch funktioniert, was schon vor dreissig Jahren funktionierte! Also bei mir ist es nur noch die Frau.» Am Ende des Tages wird Joe Lang von den Grünen wegen dieses Spruchs Maurers Rücktritt fordern – wobei das wohl mehr aussagt über Joe Lang als über Ueli Maurer. In Holziken kommt niemand auf die Idee, dass diese Aussage frauenfeindlich sein könnte.

In dieser Mehrzweckhalle sieht man den Ueli und nicht den Bundesrat Maurer. Die Leute wollen jetzt gern noch ein bisschen mit ihm schnörren, sich vorstellen, fachsimpeln. Das Dach, das er während der Rede vom Haus nahm, um die Ausmasse eines Gripen-Neins zu zeigen, es ist jetzt wieder drauf. Alles wird gut.

Ueli Maurer spricht oft von Sicherheit in diesen Tagen, hier fühlt er sich selber sicher, zumindest sobald die Journalisten abgereist sind. Als er sich am Ende kurz durchstreckt, sieht er aus, als habe er den ganzen Abstimmungskampf vergessen.

Dann muss er doch noch einmal ein Interview geben. Regiolive TV heisst der Sender, Maurers Medienchef wird später fragen: «Wo kann man das empfangen?» Der Bundesrat ist gut gelaunt, er stellt sich vor eine SVP-Stele und gibt die Antworten, die er immer gibt. «Ja, es braucht den Gripen.» Oder: «Ich bin trotz der Umfragen zuversichtlich.» Dann plötzlich stürzt die Stele mit dem Logo seiner Partei in sich zusammen. Sie liegt am Boden und die Leute, die rundherum stehen, schauen die Stele an, als habe sie eine besondere Bedeutung. So was kann immer passieren.

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