Man nannte sie «Landesmutter»

Marlies Schoch wirtete seit 1971 auf der Hundwiler Höhe. Die ganze Schweiz kam zu ihr ins Appenzellerland. Jetzt ist sie 75-jährig gestorben.

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Die Nachricht kam am Wochenende: Marlies Schoch mit 75 gestorben. Über die Grenzen des Kantons Appenzell-Ausserrhoden hinaus stürzten so manche Leute in die Trauer. Denn diese Frau war mehr als eine Wirtin. Oder: Sie war, wie man sich eine Wirtin wünscht.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet attestierte ihr einmal in einem Porträt, einen «helvetischen Mikrokosmos im Idealformat» zu betreiben. Eine andere Zeitung nannte sie «Landesmutter», der Name blieb.

Ein Herz für Problemkinder

Schoch wirtete auf der Hundwiler Höhe, 1309 Meter über Meer. Kachelofen, Holztische, eine gewaltige Aussicht von Bodensee bis Berner Alpen. Das Haus ist nur zu Fuss zu erreichen, aber es war immer offen. Schoch, geboren 1940 im nahen Herisau, hielt in ihrer Stube Hof. Alle kamen sie zu ihr: Die Bundesräte von Gnägi über Furgler und Koller bis Merz, die Professoren von der HSG, die linken Intellektuellen. Ab und zu gab es in ihrer Wirtschaft «Gipfelgespräche», amüsante und schlaue Diskutierrunden.

Schoch hatte aber auch ein Herz für die Aussenseiter. Sie gab dem ein Bier aus, der nachts brutal durstig am Fensterladen rüttelte. Sie verköstigte den Thorberg-Ausbrecher und überredete ihn, sich zu stellen. Sie beherbergte Ex-Junkies, Problemjugendliche, Verwirrte und Verschupfte, Verletzte am Leib und an der Seele. Wenn solche Leute abreisten, hatten sie sich gefunden. Mut gefasst. Gerade weil sie wussten: Wenn die Krise zurückkommt, kann ich wieder zur Marlies.

Bis zum Ende auf dem Berg

Schoch war ursprünglich Lehrerin. Als junge Frau reiste sie nach Agadir in Marokko, leistete nach dem Erdbeben 1960 Hilfe im Wiederaufbau. In Amerika leitete sie ein Heim für jüdische Kinder. Später war sie jahrelang Primarlehrerin im St. Galler Taminatal. Dann übernahm sie die Wirtschaft im Familienbesitz – und blieb auf dem Hoger bis zum Ende.

Ein Abseits war das nicht. Sie wahrte ihr Interesse für den Rest der Welt. Wer mit ihr sprach, stellte fest, dass sie jeden «Spiegel» und jede «Appenzeller Zeitung» gelesen hatte und über Malis krause Innenpolitik ebenso Bescheid wusste wie über die jüngsten tourismuspolitischen Verwerfungen zwischen Inner- und Ausserrhoden.

Schoch war eine typische Ausserrhoderin, liberal bis in die Knochen, jeder Art von Klüngelwesen abhold, ideologiefrei, mehr auf die gute Lösung aus als auf die ausufernde Analyse des Problems. Eine Pragmatikerin. Lange sass sie als Parteilose im Gemeinderat von Hundwil, lange auch im Kantonsrat.

Die Erinnerung bleibt

Dass die Wirtschaft auf der «Höhi» ohne sie nicht dieselbe sein wird, ist allen klar; wer wirtet denn heutzutage noch ohne Ruhetag? Ebenso klar ist, dass sie lange bleiben werden, die Geschichten um die rundliche Frau mit den vifen Augen. Und die Erinnerungen an ihre Siedwurst-Chäshörndli-Sessions mit viel Bier und heiklem Nachtabstieg über die Nagelfluhrippen nach Hundwil oder Gonten.

In Schochs Anfängen auf der Hundwiler Höhi verbrachte auch der – spätere – Sprayer von Zürich ein paar Monate auf dem Berg. Harald Naegeli lebte offenbar so strukturiert wie introvertiert. Er spielte Schach, malte, zupfte auf der Gitarre oder las. Und nun der O-Ton der Wirtin – so zu lesen vor ein paar Jahren im Tagi: «Irgendwann sagte ich ihm: Ich bin hier nicht der Lappi und arbeite den ganzen Tag, während du herumhockst. Von da an half er mit.»

So war Marlies Schoch. Nie verletzend, doch immer grad.

Lesen Sie dazu auch: Die beste Wirtin der Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2016, 10:41 Uhr

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