Toni Brunner verlässt die Politbühne

Nach 23 Jahren im Nationalrat hat der St. Galler Nationalrat seinen Rücktritt per Ende Jahr eingereicht. Seine Familie sei stets etwas zu kurz gekommen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich habe es gesehen» – mit diesen Worten hat der St. Galler SVP-Nationalrat Toni Brunner seinen Rücktritt aus der Politik per Ende Jahr angekündigt. Der heute 44-jährige Brunner beende damit auch seine politische Laufbahn, wie die Zeitung «Schweiz am Wochenende» am Samstag berichten. Der ehemalige Präsident der SVP Schweiz will sich künftig vermehrt um seine Familie und den Bauernhof kümmern.

«Am Samstag erhält der Nationalratspräsident mein Rücktrittsschreiben», erklärte Brunner er in einem Interview mit den «Zeitungen der CH Media» vom Samstag. Irgendwann werde auch der Politbetrieb in Bern repetitiv, führt der Politiker weiter aus. Neben der Politik seien seine Familie, sein Bauernhof und der Landgasthof immer etwas zu kurz gekommen, sagte er.

Doch Brunner bewog noch ein weiterer Aspekt zu seinem Entscheid: «Zöge ich die Legislatur durch, müsste meine Partei in St. Gallen bei den Parlamentswahlen im nächsten Herbst mit einem Bisherigen weniger antreten, was zu einem Sitzverlust führen könnte. Also mache ich lieber Platz für einen Jungen.» Nach Brunners Angaben wird der 26-jährige Mike Egger als erster Ersatz sein Nachfolger im Nationalrat.

Der heute 44-jährige Brunner wurde 1995 als jüngster Nationalrat aller Zeiten gewählt. Er war damals 21 Jahre alt. Hätte er die nächste Legislatur in einem Jahr angetreten, wäre er der jüngste Alterspräsident geworden.

Prägender Kopf der Partei

Von 2008 bis 2016 war Brunner Präsident der grössten Partei der Schweiz. Unter ihm erreichte die SVP bei den Parlamentswahlen 2011 mit 29,4 Prozent ein Rekordergebnis. Auch ein weiterer Ziel des Toggenburgers, einen SVP-Bauern in der Landesregierung zu stellen, erfüllten sich mit der Wahl des Waadtländers Guy Parmelin.

Brunner, der als politischer Ziehsohn des SVP-Chefstrategen Christoph Blocher gilt, prägte die Partei, etwa deren rigide Migrationspolitik, den antieuropäischen und antiökologischen Kurs und den Einsatz für Armee und Landwirtschaft.

Während seiner Parteipräsidentschaft wurden die Ausschaffungsinitiative, die Masseneinwanderungsinitiative, die Selbstbestimmungsinitiative und die Durchsetzungsinitiative lanciert. Doch auch die Abspaltung der BDP fiel in Brunners Amtszeit.

Der Instinktpolitiker

Bundesrat wollte Brunner, der Bauernsohn aus Ebnat-Kappel, nie werden. Auch wenn ihn Blocher und die «Weltwoche» immer wieder als idealen Kandidaten sahen, war seine Antwort stets ein klares Nein. Als Stolperstein für den Instinktpolitiker galten vor allem seine mangelnden Sprachkenntnisse.

SVP-Präsident Toni Brunner muss lachen, als er gefragt wird, ob er jemals Bundesrat werden will. Quelle: SRF

Die Arbeitsweise der Politik kommentierte er in dem Interview am Samstag mit Kritik: «Was ich generell in der Politik vermisse, ist die Authentizität. Ich kam so jung in die Politik, dass gar keine Zeit blieb, um mir eine Rolle zurechtzulegen. Ich habe gar nie gelernt, mich diplomatisch auszudrücken. Redete, wie mir der Schnabel gewachsen ist.»

Mit Eveline Widmer-Schlumpf und mit Samuel Schmid ging er in dem Interview zudem hart ins Gericht. «Für mich war respektlos, was Widmer-Schlumpf gemacht hat. Wenn man hinter dem Rücken der eigenen Leute mit dem Gegner kooperiert. Es ging ihr um das eigene Ego und nicht um das Wohl des Landes.» Und Schmid habe ständig etwas zu meckern und zu kritisierten gehabt.

Im Nationalrat sass Brunner während 23 Jahren fest im Sattel. Er galt stets als bekennender Parteipolitiker. Für Sachpolitik interessierte er sich nur am Rande. Das liess sich an seinen Vorstössen im Parlament und seinem halbherzigen Engagement in den Kommissionen ablesen.

Brunner bewies dagegen bereits früh, dass er etwas von politischer Feldarbeit versteht. Mit Blocher, Ueli Maurer und Caspar Baader gehörte er zum Kreis der Unermüdlichen, die für die Sache der SVP durch die Sääli und Mehrzweckhallen der Schweiz tingelten.

Fairer Verlierer

Misserfolge nahm Brunner meist gelassen. Zweimal scheiterte «das beste Pferd im Stall» bei den St. Galler Ständeratswahlen, 2011 an Gewerkschaftsbund-Präsident Paul Rechsteiner (SP). «Es weht ein SP-Lüftchen durchs Land» kommentierte Brunner die Wahlniederlage.

Tradition, aussenpolitische Abschottung, Skepsis gegenüber dem Staat und Fremden: Brunner vertrat solche Positionen nicht nur, er verkörperte sie als Landwirt, als Mitbesitzer des Landgasthofs Sonne – Haus der Freiheit und Initiant eines Ländler-Radios.

Privat ist Brunner mit Esther Friedli liiert. Die PR- und Politikberaterin führte vom heimischen Hof aus zum Beispiel den Wahlkampf von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. Aktuell ist sie Parteisekretärin der SVP des Kantons St. Gallen.

Toni Brunner kriegt einen Lachanfall (oli/sda)

Erstellt: 23.11.2018, 23:06 Uhr

Artikel zum Thema

Toni Brunner steigt zum jüngsten Alterspräsidenten seit 1848 auf

Er wurde mit nur 21 Jahren Nationalrat. Nun zeichnet sich ab, dass Toni Brunner (SVP) als Methusalem seiner Ratskammer die nächste Legislatur eröffnen wird. Mehr...

«Toni Brunner zeigte übermenschlichen Einsatz»

Toni Brunners Parteikollegen sehen seinen Rücktritt mit Bedauern, können seinen Schritt jedoch nachvollziehen. Seinem Nachfolger stärken sie den Rücken. Mehr...

Wahlsieger Roger Köppel lanciert Toni Brunner

Gerade noch war Heinz Brand der Mann für den zweiten SVP-Sitz im Bundesrat. Nun kommt die «Weltwoche» mit Toni Brunner. Ein Vorschlag, der noch andere Anhänger hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...