Tot, berühmt und bewundert

Wer bekommt eigentlich einen eigenen Strassennamen? Und warum, wie und wo?

Ihm hätte es gefallen, dass er kurz ist: Der Mani-Matter-Stutz in der Berner Altstadt. Foto: PD

Ihm hätte es gefallen, dass er kurz ist: Der Mani-Matter-Stutz in der Berner Altstadt. Foto: PD

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Er hatte lange Jahre in Zürich-Seebach gearbeitet, jetzt bekommt der Maler HR Giger dort einen Weg. Vorgeschlagen hat ihn der interimistische Quartiervereinspräsident von Zürich-Seebach; eingewilligt haben, nach einer Begehung, Mitglieder der Zürcher Strassenbenennungskommission. Ihr Augenschein habe gezeigt, heisst es in einer Mitteilung vom Mittwoch, «dass die Wegverbindung würdig genug sein wird, den Künstler mit dieser Wegbenennung zu ehren». Strassenbenennungen sind eine zähe Angelegenheit.

Dabei sind ihre Bedingungen übersichtlich: Um eine Strasse zu bekommen, muss man tot sein, berühmt, bewundert oder wenigstens lokal. Darum werden Christoph Blocher, Roger Federer und Eva Grdjic nie die Strassen entlanglaufen können, die man nach ihnen benennen wird. Noch wichtiger als der Name ist der Standort; er hängt von städtebaulichen, historischen und opportunistischen Faktoren ab. Je eher man mit den Überzeugungen derer kompatibel ist, die sich für einen entscheiden, desto eher wird man aus der Bahnunterführung in der Vorstadt eine Allee im Stadtzentrum.

Darum bekam General Ulrich Wille auch eine vierspurige Strasse in Zürich zugeteilt, während Niklaus Meienberg, der den General als deutschtümelnden Vaterlandsverräter decouvriert hatte, in seiner St. Galler Heimatstadt auf den oberen Stadtrand hingeschoben wurde, der von geschichts- und gesichtslosen Neubauten gesäumt ist. Darum hat Paul Grüninger, der als St. Galler Polizeihauptmann Hunderte von jüdischen Flüchtlingen vor den Nazis rettete, darob entlassen wurde, bis zu seinem Tod verfemt blieb und erst 26 Jahre später rehabilitiert wurde, in Zürich nur gerade einen Paul-Grüninger-Weg zugesprochen bekommen, der an einem wüsten Bürogebäude vorbeiführt. In St. Gallen ehrt ihn, der auch gut Fussball spielte, wenigstens ein kleines Stadion. Und darum auch gerieten die Zürcher Strassennamen unter dem zwanzigjährigen Regime der Sozialmoraldemokraten Robert Neukomm und Esther Maurer immer länger, dafür feministisch korrekt geschrieben («Emilie-Kempin-Spyri-Weg»).

Der Himmel über John Lennon

Manchmal passt der Ort zum Mann. Dass Mani Matter bloss einen Stutz in der Berner Altstadt zugesprochen bekam, hätte ihn amüsiert, denn er hatte das Kurze vorgezogen. Dass die Stadt Liverpool ihren John Lennon Airport mit dem Slogan «above us only sky» versah, hätte Lennon gefreut, verweist er doch auf ein Couplet aus «Imagine», seinem kindernaivschönen Träumerlied: «No hell below us / above us only sky.»

Allerdings bekommen die Namensstrassen ein Problem, das den braven Bahnhofstrassen, Ackerwegen, Piazze Grande, Riverside Drives und Rues des arbres abgeht: Die Namen der Geehrten bleiben, die Geehrten verblassen. Wer erinnert sich noch an Ignaz Heim, einen Förderer des Volksgesangs, der bis heute verhindert, dass der Heimplatz zum Max-Frisch-Platz upgegraded wird? Wer ehrt noch den Gynäkologen Spöndli, den ETH-Professor Tobler, den Dichter Gellert ausser die Strassen, die nach ihnen heissen?

Manchmal hilft die Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten alle Adolf-Hitler-Plätze zurückbuchstabiert werden. Und die Stalin-Allee im ehemaligen Ost-Berlin hiess schon 1961 Karl-Marx-Allee. Einige überstehen alle. Bis heute empfängt der schattige Doktor-Karl-­Lueger-Platz in der Wiener Innenstadt seine Besucher. Lueger war Bürgermeister der Stadt Wien gewesen. Ein glühender Antisemit. Und Hitlers grösstes Vorbild.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2016, 20:20 Uhr

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