Trotz Beben und Pannen: Bund gibt Millionen für Geothermie aus

Alle Schweizer Bohrungen endeten im Fiasko. Jetzt gibt der Bund der Zukunftstechnologie eine neue Chance. Im Jura stellt er 64 Millionen Franken bereit.

Hier wird das Verfahren für den Jura gestestet: Forschungsprojekt in einem Zugangsstollen zum Furkatunnel im Bedrettotal. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Hier wird das Verfahren für den Jura gestestet: Forschungsprojekt in einem Zugangsstollen zum Furkatunnel im Bedrettotal. Foto: Keystone

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Das geplante Tiefengeothermieprojekt im jurassischen Dorf Haute-Sorne stand bisher unter keinem guten Stern. Unzählige Rekursverfahren verzögerten den Bohrungsstart um Jahre. Nun scheint sich das Blatt zu wenden, um im Kanton Jura Wärme aus dem Untergrund in 5 Kilometer Tiefe zu gewinnen. Nachdem das Bundesgericht im Dezember die letzten Rekurse zurückgewiesen hat, hat der Bund heute bekannt gegeben, das Projekt mit 64,1 Millionen Franken finanziell zu unterstützen.

Das neue Energiegesetz sieht vor, dass für Geothermieprojekte Erkundungsbeiträge von bis zu 60 Prozent der anrechenbaren Investitionskosten gesprochen werden können. Anrechenbar sind Kosten für die Bohrungen, erdwissenschaftliche Messungen, Arbeiten um den Untergrund zu stimulieren und für das Überwachungsnetz. Die Betreiberin der Anlage, Geo-Energie Suisse, schätzt diese Kosten laut dem Geschäftsführer Peter Meier auf 106 Millionen Franken.

Basel vergessen machen

Die Geo-Energie Suisse, eine Gesellschaft verschiedener Schweizer Energieversorgungsunternehmen, will mit dem Projekt im Jura Basel vergessen machen. Vor bald zwölf Jahren zitterte mitten in der Stadt die Erde. Eine Probebohrung für ein Geothermiekraftwerk hatte das Beben verursacht.

Die Betreiberin will ein neues, technisches Verfahren einsetzen, das spürbare Erdbeben verhindern soll. Sie setzt im Vergleich zum Geothermie-Projekt in Basel auf eine verbesserte Stimulationstechnik, auf ein Multistage-System. Anders als in Basel wird dabei nicht in einem Arbeitsgang ein einziges grosses Wärmereservoir stimuliert. Dieses Verfahren erzeugt schrittweise bis zu 30 kleinere Wärmereservoirs. So kann der Untergrund mit viel weniger starken Wasserinjektionen stimuliert und das Risiko für ein Beben minimiert werden.

Etwa 6000 vierköpfige Haushalte könnten von der Energie profitieren.

Die Bohrung soll wieder vier bis fünf Kilometer in den kristallinen Untergrund vordringen, um genügend Wärme für die Stromproduktion gewinnen zu können. Die Fachleute sprechen von petrothermaler Geothermie. Nur diese Technologie hat in der Schweiz das Potenzial, die Vorgaben der Energiestrategie für die Tiefengeothermie zu erfüllen. Etwa 6000 vierköpfige Haushalte könnten von der Energie im jurassischen Untergrund profitieren.

Skepsis wegen Erdbeben in Korea

Trotz der guten Nachrichten ist das Projekt noch nicht gesichert. Der Grund: Ein Erdbeben in Südkorea, das ein Tiefengeothermieprojekt ausgelöst hat. Geo-Energie Suisse war behutsam vorgegangen, hatte bisher jeden Schritt in der Öffentlichkeit transparent kommuniziert. Die Fehler von Basel sollten sich nicht wiederholen.

Auch der Fall Korea wurde der jurassischen Regierung mitgeteilt: Dort bebte nach einer Bohrung für ein Geothermiekraftwerk – ähnlich wie in Basel – am 15. November 2017 die Erde mit der Stärke 5,4. Die jurassische Regierung wollte einen Bericht zu Korea. «Den haben wir anfangs Jahr geliefert». sagt Peter Meier, Chef von Geo-Energie Suisse.

Doch das genügte nicht. Der Kanton beauftragte zusätzlich den Schweizer Erdbebendienst, den Fall Korea mit dem Projekt im Jura zu vergleichen, diese Stellungsnahme ist jedoch noch nicht da. «Das politische Klima im Kanton ist deshalb derzeit nicht gut», sagt Meier. Im Parlament sei man nach Korea skeptisch, die meisten seien inzwischen wieder gegen das Projekt. Meier, der in Korea vor Ort war, ist sicher: «Mit den Auflagen des Kantons wäre in Korea kein Erdbeben passiert».

Teststimulierungen mit tiefem Wasserdruck

Jetzt soll zuerst einmal die Beurteilung des Erdbebendienstes abgewartet werden. Meier geht davon aus, dass es mindestens noch ein Jahr gehen wird, bis mit der ersten Bohrung begonnen werden kann. Die Betreiberin will denn auch Schritt für Schritt vorgehen, damit das Risiko eines Erdbebens verhindert werden kann. Zuerst soll eine reine Explorationsbohrung gemacht werden, um den Untergrund zu erkunden und auszumessen. Geplant ist nur eine kleine Teststimulierung mit tiefem Wasserdruck, um zu prüfen, wie der Untergrund reagiert.

Die erhaltenen Daten werden dann sehr genau analysiert, gleichzeitig will Geothermie Suisse die Erfahrungen aus Finnland abwarten, wo das gleiche Verfahren wie in der Schweiz angewendet wird. 2020 wird zudem in den Staaten ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt mit diesem Multistage-Verfahren gestartet. Es wird 160 Millionen Dollar investiert in die Technologieentwicklung. «Wir hoffen, dieses Projekt begleiten zu können», sagt Meier.

Weiter gibt es ein Forschungsprojekt in einem Zugangsstollen zum Furkatunnel im Bedrettotal. Dort wird das Verfahren, das im Jura angewendet wird, unter ähnlichen Bedingungen ebenfalls getestet. Mit mehreren – allerdings weniger tiefen – Bohrungen wird die Reaktion des Untergrundes auf Stimulierungen geprüft.

Erstellt: 11.09.2019, 13:40 Uhr

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