Fertig Politik: Mehr Zeit für Geissen und Klarinette

Für fünfzig Parlamentarier endet diese Woche die Zeit im Bundeshaus. Sie schauen zurück.

Fetz, Schenker, Vogler, Giezendanner, Müller: Was waren ihre schlimmsten Momente, was waren die Highlights in Bern? (Video: Anja Stadelmann)

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Gibt es einen guten Zeitpunkt? Einen richtigen? Einen falschen? Was fehlt danach, was eher weniger? Schmerzt es?

Über 4000 Menschen kandidieren momentan für einen Posten im Bundeshaus. Jene, die schon da sind und wieder kommen möchten, sind aufgeregter als sonst. Die letzten Sessionen vor eidgenössischen Wahlen sind für neutrale Beobachter oft nur schwer auszuhalten. Parlamentarier, die um ihre Wiederwahl bangen, sind nervöse Parlamentarier. Aufgekratzt fast schon. In der Wandelhalle eine Stimmung wie am bunten Abend eines Klassenlagers.

Es sind allerdings nicht alle so während dieser Septemberwochen. Für 30 Nationalrätinnen und Nationalräte und 20 Ständerätinnen und Ständeräte ist es die letzte Session im Bundeshaus, die allerletzte. Sie treten bei den Wahlen nicht mehr an, haben das aufgeregte Getue nicht mehr nötig, wirken entspannt, beschwingt, manche auch etwas wehmütig.

Karl Vogler, CSP-Nationalrat, Obwalden

Er würde lügen, wenn er sagen würde, dass das alles einfach spurlos an ihm vorbeigehen würde. Karl Vogler, CSP, Obwalden, 8 Jahre im Parlament, sitzt während seiner letzten Session oft draussen im Gang, an einem Arbeitsplatz für Nationalräte, und er muss nicht sagen, dass er etwas wehmütig ist, man sieht ihm das an. Er habe viele gute Momente hier gehabt, sagt Vogler, er habe das Gefühl, tatsächlich etwas bewirkt zu haben. Vor allem in den Kommissionen, eine Arbeit, die man von aussen nicht so richtig wahrnehme, die aber sehr lohnenswert sei. Vogler wird wieder als Anwalt arbeiten und sich um seine Geissen kümmern.

Freut sich, mehr Zeit für seine Geissen zu haben: Karl Vogler. Foto: Nicole Philipp

Philipp Müller, FDP-Ständerat, Aargau

Philipp Müller hatte etwas länger Zeit, sich auf beschaulichere Zeiten einzustellen. Der Mann der FDP hat seine persönliche Aufregung und Hektik im Verlauf der Jahre im Bundeshaus kontinuierlich kleiner werden lassen. Laut im Nationalrat («Dschungelkampf» nennt er es), laut als Präsident der FDP, etwas leiser und beschaulicher im Ständerat, wo er ab Dezember 2015 für den Kanton Aargau sass. Am Anfang hat ihm das nicht gefallen, die Stille und Bedächtigkeit der kleinen Kammer. Im Verlauf der Jahre hat er sich daran gewöhnt. Oft sass er an seinem Pult im rechten Vorzimmer des Ständerats, telefonierend, arbeitend, sinnierend. Den Gipser hat man ihn genannt, während seiner Zeit als FDP-Präsident, das wird jetzt wieder besser passen. Er steigt nach seinem Rücktritt wieder stärker ins eigene Geschäft ein, vermissen wird er wenig im Bundeshaus. Die Kolleginnen und Kollegen, die schon. «Aber die Agenda, die praktisch auf Jahre hinaus gefüllt ist, die nicht.»

Er wird in seiner Firma öfter zu sehen sein: Philipp Müller. Foto: Nicole Philipp

Ulrich Giezendanner, SVP-Nationalrat, Aargau

Müller erzählt das draussen im Gang, im dunklen Teil des Bundeshauses. Zufällig läuft Ulrich Giezendanner vorbei, auch ein Aargauer, auch ein Zurücktretender, 28 Jahre für die SVP im Nationalrat. Sofort verwickelt Giezendanner Müller in ein Gespräch, es geht um alles und eigentlich nichts, harmloses Geplauder, so entspannt und fern der Zeit, es könnte ewig dauern. Fast 3 Jahrzehnte war Giezendanner im Bundeshaus. Zuerst mit Toupet, dann unter grösster medialer Beachtung (der «Blick» berichtete exklusiv) ohne. Er werde die Menschen vermissen, sagt Giezendanner, ohne einen Moment zu zögern, er hat sich das schon mehr als einmal überlegt. «Ich bin bekannt dafür, dass ich es über alle Parteien hinweg gut mit den Menschen hatte. Ich hatte wunderschöne Zeiten hier.» Was er dagegen weniger vermissen werde: das viele Essen. All die Apéros.

Fast dreissig Jahre war Ulrich Giezendanner in Bern. Jetzt freut er sich, nicht mehr so viel zu essen. Foto: Nicole Philipp

Anita Fetz, SP-Ständerätin, Basel-Stadt

Anita Fetz hat ebenfalls mehrere Jahrzehnte in Bern verbracht. Ziemlich genau zwei. Für die Poch war sie im Nationalrat, ab 1999 für die SP zuerst im National- und dann im Ständerat für den Kanton Basel. Im Ständerat hat sie verlieren gelernt, als städtische Vertreterin in einem ländlich geprägten Gremium. Eine Minderheitenposition. «Da muss man sich darauf einstellen.» Jetzt freut sie sich auf Zeit. Zeit ohne Sitzungen, ohne fixe Blöcke im Kalender, Zeit für sich. Abgehängt hat sie noch nicht, erst vergangene Woche hat sie sich wieder einmal grausam aufgeregt. «Der Ständerat ist voll von Versicherungslobbyisten. Das merkt man, wenn man eine Vorlage wie das Versicherungsvertragsgesetz behandelt. Da werden dann sämtliche Anträge zugunsten der Konsumenten abgeschmettert.»

Freut sich auf eine leere Agenda: Anita Fetz. Foto: Nicole Philipp

Silvia Schenker, SP-Nationalrätin, Basel-Stadt

Auf ihrem Weg zum Raucherbalkon (sie geht ihn oft) kommt Fetz durch die Wandelhalle, durch das Vorzimmer der Linken. Dort, wo jetzt Silvia Schenker steht. Auch für die Basler SP-Nationalrätin ist diese Session die letzte. Sie blieb länger als beabsichtigt, in der kantonalen Partei hätte man es gerne gesehen, wenn sie ihren Platz früher geräumt hätte. Es war ein wüster Streit, der auch viel darüber verriet, dass es eben nicht immer einen richtigen oder einen falschen Zeitpunkt für einen Rücktritt gibt. Dass bei einem Amt im Nationalrat manchmal mehr im Spiel ist. Stolz, Ehre, verletzte Gefühle. 16 Jahre war Schenker im Bundeshaus. Ihr bester Moment: Als die Rentenreform im März 2017 mit einer Stimme Unterschied angenommen wurde. Ihr schlimmster: Die Abwahl von Ruth Metzler aus dem Bundesrat im Jahr 2003. «Danach liess ich mir bei Bundesratswahlen nicht mehr reinreden.» Was sie nicht vermissen wird: den Lärm. Was sie vermissen wird: mitzureden.

Will ihr Klarinettespielen perfektionieren: Silvia Schenker. Foto: Nicole Philipp

Erstellt: 26.09.2019, 19:04 Uhr

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