Türkisches Schülertheater irritiert Zürcher Bildungsdirektorin

Geschichtsunterricht à la Erdogan: Ein Theater über eine historische Schlacht beschäftigt nun auch die Bildungsbehörden.

Der türkische Präsident Erdogan möchte Wochenendschulen in der Schweiz installieren. Foto: Kostas Tsironis (Bloomberg/Getty)

Der türkische Präsident Erdogan möchte Wochenendschulen in der Schweiz installieren. Foto: Kostas Tsironis (Bloomberg/Getty)

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Bei der türkischstämmigen Bevölkerung in der Schweiz liegen die Nerven blank. Zuerst sorgt eine von der türkischen Botschaft gesteuerte Schüleraufführung der Schlacht von Gallipoli in Uttwil TG für Aufregung. Bei dieser Schlacht stoppten im Ersten Weltkrieg Osmanen die westlichen Entente-Mächte. Und jetzt soll das türkische Ministerium für Auslandtürken laut «SonntagsBlick» Wochenendschulen planen. Der autokratische Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan versuche so, die Diaspora im Ausland auf seine Linie zu bringen. Kinder und Jugendliche sollen die türkische Geschichte durch die Brille des Islam und des ehemaligen osmanischen Grossreiches betrachten.

Die Schlagzeilen häufen sich kaum zufällig, denn in der Schweiz ist die Opposition stark, und in wenigen Wochen will sich Erdogan zum vierten Mal zum türkischen Präsidenten wählen lassen. Die Opposition hierzulande reagiert entsprechend irritiert. Der Missbrauch des etablierten Unterrichts heimatliche Sprache und Kultur, kurz HSK, und die staatlichen Pläne für Wochenendschulen rufen nun aber auch Schweizer Politiker auf den Plan. Für SVP-Nationalrat Peter Keller werden so «Parallelgesellschaften mit einem aggressiven Islam» gefördert. «Das brauchen wir in der Schweiz nicht», sagt er.

Bilder – Primarschüler stellen Schlacht nach

Schulbehörden und «muslimische Gemeinden» müssten handeln. Er verlangt, dass Lehrmittel konsequent bewilligt, Lehrpersonen überprüft werden und die Behörden unangemeldete Besuche durchführen. Auch SP-Nationalrat Matthias Aebischer erfüllt es mit Sorge, wenn «Erdogan und seine Partei AKP» Schulen eröffnen wollen. Er sieht aber keinen unmittelbaren zusätzlichen Handlungsbedarf. «In der Schweiz haben wir – im Unterschied zur Türkei – die Meinungsäusserungsfreiheit», sagt er. Diese kenne aber Grenzen. Überschritten würden sie beispielsweise, wenn der Genozid an den Armeniern geleugnet werde.

EDK macht Vorfall zum Thema

Silvia Steiner, Bildungsdirektorin des Kantons Zürich und Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), hat ebenfalls keine Freude an den Vorkommnissen. Man dürfe die beiden Sachen aber nicht vermischen. Die Aufführung habe im Rahmen des HSK-Unterrichts stattgefunden. Dieser habe konfessionell und politisch neutral zu sein. Im Kanton Zürich brauchen diese Kurse eine Anerkennung, die alle drei Jahre überprüft wird. Ausserdem wird den Gemeinden empfohlen, den Unterricht zu besuchen und zu überprüfen. Falls es bei den HSK-Kursen in mehreren Kantonen Schwierigkeiten gebe, könne die EDK vermitteln. Steiner (CVP) möchte das Schülertheater zum Anlass für eine erneute HSK-Diskussion nehmen: «Wir werden im EDK-Vorstand darüber sprechen.»

Nicht zuständig seien die Bildungsbehörden hingegen bei den Wochenendkursen. «Ähnlich wie bei anderen privaten Veranstaltungen mischen wir uns da nicht ein», sagt sie. Selbstverständlich müsse der gesetzliche Rahmen aber eingehalten werden. Hinweisen auf Verstösse müssten der Staatsschutz oder die Polizei nachgehen.

Gülen-Bewegung im Visier?

Wenig erbaut über die emotionale Debatte ist ein türkischstämmiger Familienvater, der sich dem Erdogan-kritischen Lager zurechnet. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen vom 24. Juni möchte er aus Furcht vor Drangsalierung nicht namentlich erwähnt werden. Für ihn werden sowohl die Schüleraufführung als auch die geplanten Wochenendschulen zu dramatisch dargestellt. Theater zu Schlachten habe es früher auch schon gegeben. Was hinter den Wochenendschulen steckt, kann er allerdings bloss vermuten. Eventuell wolle die Türkei so den Einfluss der Gülen-Bewegung eindämmen. Erdogan macht sie für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich.

Im Inland folgten rigorose Säuberungsaktionen. Im Ausland konnte die Bewegung ihren Einfluss aber gerade im Bildungsbereich bewahren. Mit den Wochenendkursen würden sie eine regimetreue Konkurrenz erhalten. Die Schulen sollen in insgesamt 15 westlichen Ländern entstehen. Bis Ende Juni können laut «SonntagsBlick» online Gesuche eingereicht werden. Die Kurse richteten sich an Schüler im Alter von 6 bis 17 Jahren. Die Kurse sollen mindestens zwei Lektionen türkische Sprache und je eine Lektion Geschichte, Religion und türkische Kultur beinhalten.

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Erstellt: 14.05.2018, 06:55 Uhr

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