Drastisch höhere Bussen für Velofahrer gefordert

Ein Rotlicht zu missachten, kostet Autofahrer 250 Franken – viermal so viel wie Velofahrer. Nun fordern 70 Nationalräte eine Angleichung.

Velofahrer verursachen im Schnitt jährlich 594 Unfälle: Eine kontrollierte Unfallsimulation für eine Schulklasse in Renens. (Symbol)

Velofahrer verursachen im Schnitt jährlich 594 Unfälle: Eine kontrollierte Unfallsimulation für eine Schulklasse in Renens. (Symbol) Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Velofahrer foutieren sich oft um bestehende Verkehrsregeln. Das belegt eine kürzlich publizierte Studie der Axa-Winterthur. So geben 80 Prozent der Befragten an, teils auf dem Trottoir zu fahren. Rund die Hälfte der Studienteilnehmer setzen sich unter Alkoholeinfluss aufs Fahrrad, obwohl sie das selbst als gefährlich einstufen.

Systematische Kontrollen gibt es kaum, und wenn, dann resultieren meist drastische Resultate. Wie etwa in Winterthur, letzten November: Innerhalb von 90 Minuten büsste die Polizei 73 der 178 kontrollierten Velofahrer. Der Deliktkatalog reichte von Fahren ohne Licht in der Dunkelheit über Missachtung des Rotlichts bis hin zu Fahren auf dem Trottoir.

Die Anzahl der Unfälle steigt

Solches Fehlverhalten schlägt sich in der Unfallstatistik nieder: 2016 wurden auf Schweizer Strassen 854 Velofahrende schwer verletzt, 24 starben. Oft sind die Velofahrer selbst die Unfallverursacher.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) hat für diese Zeitung die entsprechenden Daten aufbereitet. Demnach verursachen Velofahrer im Schnitt jährlich 594 Unfälle. 514 Velofahrende pro Jahr werden selber schwer verletzt durch einen Unfall, den sie selbst verschulden, 17 sterben pro Jahr an einem selbst verursachten Unfall. 62 andere Verkehrsteilnehmende werden pro Jahr schwer verletzt, weil ein Velofahrer einen Unfall bewirkt. Und ein ­anderer Verkehrsteilnehmer stirbt pro Jahr, weil ein Velofahrer einen Unfall provoziert.

Infografik: Bussenkatalog

Gerade ältere Menschen würden oft Opfer von Velorowdys, ist der Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann überzeugt. Um diese wieder auf den rechten Weg zu bringen und zur Abschreckung möchte er die Bussen für Radfahrer erhöhen. «Die lachen sich doch kaputt ob der lächerlichen Bussen, die sie bei Fehlverhalten in Kauf nehmen müssen», sagt Portmann.

Die Missachtung eines Rotlichts kostet einen Autofahrer 250 Franken, Velofahrer zahlen nur 60 Franken. Das Loslassen der Lenkvorrichtung kostet Velofahrer 20 Franken, das unerlaubte Befahren des Trottoirs schlägt mit 40 Franken zu Buche. Letztmals wurden laut dem Bundesamt für Strassen (Astra) die Bussen für Radfahrer im Jahre 1996 angepasst: Radfahrer-Tatbestände wurden damals ausgeweitet und die Bestrafung im Mittel verdoppelt, im Einzelfall vervierfacht.

Breite Unterstützung

Über 70 Nationalräte aus FDP, SVP und CVP unterzeichneten Portmanns parlamentarischen Vorstoss, der die Gleichbehandlung aller Benützer von Verkehrsmitteln bei Verletzung der Verkehrsregeln fordert. Die grosse Kammer behandelt das Geschäft voraussichtlich diesen Donnerstag. Dabei werden zwei unversöhnliche Fronten aufeinandertreffen. Die Autolobby auf der einen Seite, die Velolobby auf der anderen Seite.

Umfrage

Deutlich höhere Strafen für fehlbare Velofahrer gefordert: Richtig so?




So berichtet Portmann, dass er bei der Einreichung seiner Motion mit kritischen bis beleidigenden Kommentaren via Mail oder Briefen eingedeckt worden sei: «Viele davon schienen von Veloverbänden orchestriert.» Pro-Velo-Präsident Matthias Aebischer hat kein Verständnis für diesen «Autolobbyvorstoss». Das Problem sei vielmehr, dass Radfahrer insbesondere in den Städten zu wenig für sie ausgeschilderten Platz im Strassenverkehr hätten: «Es braucht bessere Infrastrukturen für Velofahrer.» Zudem gebe es bei allen Gattungen von Verkehrsteilnehmern Rowdys, die sich nicht an die Regeln halten würden. Eine Bussenerhöhung sei reine Schikane und bringe gar nichts.

Selbstüberschätzung

Wie wirkungsvoll Bussen und deren ­Erhöhung sind, ist umstritten. Der Verkehrspsychologe Markus Hackenfort hat vor ein paar Jahren eine Studie zu delinquenten Velofahrern erstellt. Dabei stellte der Verkehrs- und Unfallforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) den Faktor Mensch in den Vordergrund. Seine Erkenntnisse sind erhellend: Velofahrer schätzen die Gefährlichkeit von neuralgischen Stellen oft falsch ein.


Video: Rasante Fahrt durch Zürich, frustrierendes Fazit

Was passiert, wenn sich Velofahrer an die Regeln halten? Zwei Redaktoren haben es ausprobiert. Video: Tamedia


Und weil bei ihnen die Meinung vorherrsche, dass sie sich gar nicht gefährlich verhalten würden, hätten sie auch wenig Verständnis für eine Bestrafung. Hinzu komme, dass Bussen nur eine Wirkung erzielen würden, wenn sie auch konsequent ausgesprochen würden, sagt Hackenfort: «Das ist bei den Velofahrern nur selten der Fall, da Vergehen schwer zu kontrollieren sind und die fehlbaren Radfahrer oft entwischen.»

Auch die BFU teilt diese Einschätzung. «Für die Unfallverhütung ist bei Sanktionen am wichtigsten, dass diese rasch ausgesprochen werden, ein Mindestmass an Kontrollen stattfindet und diese kommuniziert werden», betont Marc Kipfer von der Beratungsstelle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 11:42 Uhr

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