«Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut»

In der ganzen Schweiz streikten Schüler, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Innert Wochen hat sich eine Bewegung gebildet, die immer lauter Forderungen stellt.

Für das Klima auf die Strasse. In der gesamten Schweiz demonstrierten Schülerinnen und Schüler wie hier in Basel. Foto: Florian Bärtschiger

Für das Klima auf die Strasse. In der gesamten Schweiz demonstrierten Schülerinnen und Schüler wie hier in Basel. Foto: Florian Bärtschiger

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Ein pinkes Plastikröhrchen schwankt in der Luft. Am unteren Ende umklammern es Kinderhände. «Das ist meine Welt», steht auf dem Pappstück am oberen Ende in Kinderbuchstaben. Das Mädchen umklammert seine Weltkugel, steigt mit ihrer Mutter aus der Polybahn, verschwindet in der Schülermenge auf der Terrasse der ETH Zürich. «Uf de Erde isches heiss, Klimawandel isch en Scheiss», rufen die Schülerinnen. Ein Mädchen hat sich einen Eisbär aus Plüsch um die Schultern gelegt. «The Oceans are rising and so are we», schreien 2000 Schüler im Chor. «Die Ozeane erheben sich und wir tun es auch.»

Zur gleichen Zeit in Bern, vor dem Gymnasium Kirchenfeld. Dutzende Schülerinnen und Schüler haben sich versammelt, strecken Schilder in die Höhe. Am Morgen findet eine erste Demonstration statt, am Nachmittag eine zweite, grössere, auf dem Waisenhausplatz. «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.»

Jugendliche Ohnmacht, dargebracht an einem strahlenden Freitagmorgen in der Schweiz. Nicht nur in Zürich und Bern wurde gestern gestreikt. Auch in Basel gingen Schülerinnen und Schüler auf die Strasse, in Luzern, St. Gallen, Genf, Lausanne, Neuenburg, Freiburg oder in Aarau. Mehr als 20'000 Jugendliche mit dem gleichen Anliegen, den gleichen Zielen.

Mehrere Tausend Schüler sind in Zürich, Lausanne, Bern, Luzern, Biel und weiteren Städten auf die Strasse gegangen. Video: SDA

«Das Thema war in unserer Schule immer schon präsent. Es brauchte nur einen Funken, um diese Bewegung zu starten.» Philippe Kramer besucht das Leonhard-Gymnasium in der Altstadt von Basel, diesen Sommer macht er die Matur. Als er via Instagram vom ersten Klimastreik in Zürich erfuhr, fragte er nach, wie man das Ganze nach Basel bringen könnte. Fünf Tage später streikten 1500 Basler Schülerinnen und Schüler.

Der Funke

Die meisten von ihnen haben auf Youtube die Rede der 15-jährigen Greta Thunberg gesehen, die an der letztjährigen Klimakonferenz in Polen der Politik ins Gewissen redete. Thunberg war der Funke, der alles zündete.

Die Schwedin, zunächst nicht gross beachtet im eigenen Land, ist verantwortlich dafür, dass man den Kindern und Jugendlichen tatsächlich zuhört. Jugendlichen wie Jonas Kampus. Am Morgen eine Englischprüfung, am Nachmittag Interviews mit Journalisten im Foyer der Kantonsschule Zürcher Oberland. «Wir wollen, dass die Klimakrise endlich wie eine Krise behandelt wird», sagt er und beisst in sein veganes Sandwich. Seit vier Jahren isst der 17-Jährige keine tierischen Produkte mehr. Auf seinem Laptop blinken Nachrichten im Sekundentakt auf, 35 neue Nachrichten, 47 neue Nachrichten, 50, 200. Kampus ist Mitglied von Dutzenden Whatsapp-Gruppen, die sich für den Streik organisieren. «Klimastreik Züri», heissen sie, «Clima Strike CH», «Grève du climat Genève», «Coordination Group CSCH».

Die Diskussionen im Chat sind zivilisiert, jeder ist als Admin registriert, nur Admins dürfen schreiben – ein gutes Mittel gegen Chat-Trolls. Die jungen Menschen benutzen konsequent den Gender-Stern, die Schüler*innen beraten über das Angebot eines Fashionlabels, ihnen Logo-Vorschläge zu schicken: «Wir lassen uns auf keinen Fall vermarkten», schreibt jemand. «+1», schreiben die, die das Votum unterstützen. Jonas Kampus weist die Chat-Teilnehmer darauf hin, immer von Netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2030 zu sprechen: «NETTO. Ist wichtig. Sonst müssten wir alle aufhören zu atmen. ;)»

Hierarchische Strukturen gibt es keine

Kampus hat den ersten Klimastreik-Chat in der Schweiz gegründet, und damit einen Flächenbrand ausgelöst. Die Mitgliederzahl im Chat schwoll von Minute zu Minute an. «Es war, als hätten alle darauf gewartet, endlich aktiv werden zu können», sagt Kampus. Am 14. Dezember zogen die ersten 400 bis 500 Schülerinnen vors Zürcher Stadthaus, eine Woche später waren es 1000, und weitere 3000 in Bern, Basel und St. Gallen. «4000 Schüler ohne eine einzige Sitzung», sagt Jonas begeistert. Der Streik schwappte in die Romandie über, die Klimastreiker organisieren sich international mit Deutschland, Belgien. Anfang Februar wollen die Schüler wieder in Basel, Lausanne, Bern, St. Gallen, Genf und Zürich auf die Strasse. Diesmal für eine Demonstration, und Kampus kann nicht mehr abschätzen, wie viele junge Leute in der Schweiz aktiv mitorganisieren, 1000? 2000?

«Meine Kinder werden nicht mehr wissen, was Korallenriffs sind.»Jonas Kampus, Gründer des ersten Klima-Chats in der Schweiz

Hierarchische Strukturen gibt es keine. Jeder, der will, kann auch. «Das ist eine Bewegung von unten, niemand sagt uns von oben, was gemacht wird», sagt Kampus. Bei der ersten Vollversammlung Ende Dezember entwickelten 120 Jugendliche in der Berner Reitschule ihre drei Hauptforderungen – alles basisdemokratisch. Nach sieben Stunden standen die drei Hauptforderungen der Jugendlichen.

Netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2030, die Ausrufung des Klimanotstands und: einen Systemwandel. «Das Wachstumsparadigma der industrialisierten Welt ist eng mit den CO2-Emissionen gekoppelt», sagt Kampus, «halten wir daran fest, können wir die Klimakrise nie bewältigen.»

Selber handeln

Kampus ist mit den Umweltveränderungen aufgewachsen. «Meine Kinder werden nicht mehr wissen, was Korallenriffs sind», sagt er. Kampus sah die «absurden» Diskussionen in der «Arena»: «Wie kann man darüber diskutieren, wie effizient Elektroautos sein müssen, bis sie sich lohnen?», fragt er. «Lohnen? Was lohnt sich noch, wenn alles kaputt geht?» Jetzt handelt Kampus selber.

Die Schüler drucken in der Schule, Private helfen mit Zustüpfen, NGOs bezahlen mal eine Rechnung für eine Bewilligung. Vereinnahmen lassen wollen sich die Jungen nicht. «Wer unser Anliegen teilt, darf uns unterstützen. Aber das geht immer nur in eine Richtung», sagt Philippe Kramer in Basel.

«Es braucht eine Distanz zu den Parteien», sagt auch Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen. «Das ist ein Protest von unten, das ist Druck aus der Zivilgesellschaft. Der Welt und der Schweiz kann nichts Besseres passieren, als wenn die junge Generation aufsteht und ein Recht auf ihre Zukunft fordert.»

«Es hat sich eindrücklich gezeigt, dass diese Schüler bereit sind, einen Zusatzeffort zu leisten. Das ist respektabel.»Conradin Cramer, Erziehungsdirektor

In der Welt der Erwachsenen kommen die Forderungen nicht überall so positiv an, wie man an den Reaktionen auf ein Mail von Schülern der Kantonsschule Oberland bemerkt, die an alle Zürcher National- und Ständeräte ging. Im Mail üben die Schüler Kritik am Parlament - wegen des gescheiterten CO2-Gesetzes. Das Mail schliesst mit dem Satz: «Und denken Sie daran: Viele von uns werden nächstes Jahr zum ersten Mal wählen – und wir sind gut vernetzt...» FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler spricht von einer «verklausulierten Drohung». Das sei eine schlechte Grundlage, um einen politischen Dialog aufzunehmen.

Ein anderes grosses Thema ist die Regelung der Absenzen der streikenden Schüler, die von Kanton zu Kanton unterschiedlich ist. In gewissen Kantonen drücken die Lehrer ein Auge zu, in anderen wird jeder Streikbesuch mit einer unentschuldigten Absenz gewertet. Eine mögliche Lösung zeichnet sich nun in Basel ab. Dort hat eine Delegation von Jugendlichen Erziehungsdirektor Conradin Cramer besucht – und angeboten, die fehlende Stunde zu kompensieren. Mit einer Stunde gemeinnütziger Arbeit beispielsweise, am besten mit einem Naturschutz-Aspekt. «Es hat sich eindrücklich gezeigt, dass diese Schüler bereit sind, einen Zusatzeffort zu leisten. Das ist respektabel», sagt Cramer. Im Detail sei die Umsetzung allerdings nicht ganz einfach – das Neutralitäts- und Gleichbehandlungsgebot müsse erfüllt sein, auch wenn es sich um einen Einsatz für eine gute Sache handle.

Erstellt: 19.01.2019, 08:49 Uhr

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