«Um das Englisch mache ich mir keine Sorgen»

Lehrerverbandspräsident Beat W. Zemp erklärt, warum er gleichzeitig die Zürcher Fremdspracheninitiative als auch den Sprachenkompromiss unterstützt.

«Französisch lernen Kinder nur in der Schule», sagt Beat W. Zemp. Foto: Keystone

«Französisch lernen Kinder nur in der Schule», sagt Beat W. Zemp. Foto: Keystone

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Sie unterstützen sowohl den Sprachenkompromiss mit zwei Fremdsprachen auf Primarstufe als auch die Zürcher Initiative, die nur eine will. Wie passt das zusammen?
Der Lehrerverband unterstützt alle Vorlagen, welche die Landessprachen stärken wollen. Da die Zürcher Bildungsdirektion bei einer Annahme der Initiative am Sonntag Englisch auf die Oberstufe verschieben will, würde Französisch gestärkt. Aber Sie haben recht: Das widerspricht dem interkantonalen Sprachenkompromiss. Das ist die Krux.

Nicht nur das: Die Kantone sind per Verfassung verpflichtet, die Schule zu harmonisieren. Dagegen würde Zürich bei einem Ja verstossen.
Wenn Zürich die Initiative aus der Lehrerschaft annähme, müsste die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) nochmals über die Bücher, um eine neue Formel für die Harmonisierung zu finden, die für alle Kantone gilt. Würde aber die zweite Landessprache und nicht Englisch auf die Oberstufe verschoben, dann müsste der Bund eingreifen.

Ihr Engagement für die Zürcher Initiative wirkt lauwarm; Ihr Verband unterstützt sie auch nur mit einem symbolischen Betrag.
Der Eindruck täuscht nicht ganz: Stünde im Initiativtext bereits, dass Englisch verschoben werden soll, hätten wir wohl mehr Geld gesprochen. Doch diese Entscheidung wird der Politik überlassen – mit ungewissem Ausgang. Das schmälert unsere Zustimmung deutlich.

Wenn Französisch in die Oberstufe käme, wäre die rote Linie überschritten.

Ihr Verband stand in medialer Kritik, weil er sich nicht genug für die Lehrer einsetze. Unterstützt er die Initiative auch deshalb?
Diese Berichte halten wir für falsch; wir haben keine entsprechenden Rückmeldungen. Im Gegenteil: Unsere Mitgliederzahl nimmt zu. Zudem unterstützt die Mehrheit unserer Kantonalsektionen das Fremdsprachenkonzept der EDK.

Der Bund droht, in den Streit um die Sprachen einzugreifen, wenn sich die Kantone nicht einigen. Nehmen Sie das mit dem Einsatz für die Zürcher Initiative in Kauf?
Ich erwarte bei einer Annahme der Initiative ein politisches Seilziehen, ob tatsächlich Englisch verschoben werden soll. Deshalb würde der Bund noch abwarten. Das würde sich aber ändern, falls doch Französisch in die Oberstufe käme. Dann wäre die rote Linie überschritten.

Wenn der Bund eingriffe, würde wohl einzig Französisch in der Primarschule verankert – ein Rückschritt. Ist das Konzept zweier Fremdsprachen gescheitert?
Das lässt sich noch nicht sagen. Bleiben Zürich und der Thurgau beim Sprachenkompromiss mit zwei Fremdsprachen, können die Kantone ihre Koordination fortsetzen. Spricht sich aber die Bevölkerung dagegen aus, muss die EDK einen neuen Kompromiss aushandeln. Mit Französisch auf Primarstufe beginnen und es bis zum Ende der Schulzeit durchziehen, wäre ein solcher Kompromiss. Das machen in Europa die meisten mehrsprachigen Länder so: Die Schüler lernen zuerst eine zweite Landessprache.

Ich bin enttäuscht, dass es so lange gedauert hat, bis unsere Anliegen von der Politik ernst genommen werden.

Die Lehrer kritisieren die schlechten Rahmenbedingungen für Französisch in der Primarschule. Was müsste verbessert werden?
Um auf Primarstufe erfolgreich zwei Fremdsprachen einzuführen, braucht es mehr Wochenlektionen, kleinere Klassen oder Halbklassenunterricht, spezielle Unterstützung sprachschwacher Schüler und mehr Austausch mit der Romandie. Ich bin enttäuscht, dass es so lange gedauert hat, bis unsere Anliegen von der Politik ernst genommen werden. Da hat sich viel Frustration in der Lehrerschaft aufgebaut.

Die Schulen müssen sparen. Ihre Bedingungen sind unrealistisch.
Das glaube ich nicht. Im Thurgau will die Erziehungsdirektion nun wichtige Bedingungen erfüllen – kurz bevor das Parlament definitiv über die Abschaffung des Frühfranzösisch befindet. Das zeigt: Es wäre machbar.

In welchen Fächern würde abgebaut, wenn eine Fremdsprache auf die Oberstufe geschoben würde?
Die Oberstufe würde sehr sprachen­lastig. Zu Beginn der Pubertät mit Französisch zu beginnen, ist nicht sinnvoll. Um das Englisch mache ich mir keine Sorgen: Es erreicht Kinder und Jugendliche auf allen Kanälen – Handy, Games, Musik, Chats. Französisch hingegen lernen sie nur in der Schule.

Die Wissenschaft gibt keine eindeutige Antwort darauf, mit welcher Sprache wir beginnen sollten – und ob eine oder zwei Fremdsprachen besser sind.

Studien beurteilen das allerdings unterschiedlich. Wann ist aus pädagogischer Perspektive der beste Zeitpunkt, um mit dem Französisch zu beginnen?
Die Wissenschaft gibt keine eindeutige Antwort darauf, mit welcher Sprache wir beginnen sollten – und ob eine oder zwei Fremdsprachen besser sind. Gemeinsam ist den Studien eine Erkenntnis: je intensiver der Unterricht, desto besser die Resultate. Wir brauchen also bessere Bedingungen – oder müssen die Ansprüche an die Leistung herunterschrauben.

Wenn der Bund diese Frage klären wollte, gäbe es einen wüsten Abstimmungskampf. Wäre das eine Zerreissprobe für das Land?
Ich glaube, dass sich die Schweiz als Willensnation durchsetzen wird, wenn es zu einer Abstimmung käme. Die anderen Landesteile sind uns näher als das umliegende Ausland – wir wollen zusammengehören. Ich hoffe aber, dass sich die Kantone vorher einigen. Insofern ist der Sonntag in Zürich eine Weichenstellung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2017, 23:06 Uhr

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