Um Rückfallrisiko von Straftätern zu minimieren, fehlt Personal

Seit 2018 versuchen die Kantone das Rückfallrisiko von Kriminellen per Software zu minimieren. Eine erste Bilanz zeigt: Es fehlt das Fachpersonal.

Ein Mann steht am vergitterten Fenster in der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH. Archivfoto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Ein Mann steht am vergitterten Fenster in der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH. Archivfoto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Eine Frau zettelt nach einer durchzechten Nacht eine Schlägerei an. Sie tritt das Opfer gegen Kopf und Bauch, als es längst am Boden liegt. In diesem fiktiven Beispiel erhält die Täterin eine unbedingte Haftstrafe. Bevor sie diese antritt, überprüft die Vollzugsbehörde, wie gross das Rückfallrisiko der Frau ist. Eine Software, das «Fast-Screening-Tool», stuft sie als A-, B- oder C-Fall ein. Dabei gilt ein A-Fall als unbedenklich, bei einem C-Fall wird das Rückfallrisiko vertieft abgeklärt.

Die Unterteilung ist Teil des risikoorientierten Sanktionenvollzugs (ROS). Von ihm erhoffen sich die Kantone eine verbesserte Zusammenarbeit von Behörden und Institutionen und eine engere Begleitung der verurteilten Personen im Vollzug. Das Ziel: Das Rückfallrisiko minimieren. Erstmals zum Einsatz kam ROS 2010 als Pilotprojekt in den Kantonen Zürich, Thurgau, Luzern und St.Gallen. Seit Ende 2018 sind alle Deutschschweizer Kantone dabei.

Fehlende Ressourcen

Die Behörden klären ab, was eine Person dazu bringt, das Gesetz zu brechen. Laut dem Amt für Justizvollzug Zürich, das die Administration von ROS bewältigt, gibt es eine zentrale Frage: Was muss sich ändern, damit diese Person nicht mehr in Konflikt mit dem Gesetz kommt? Dazu gleist die Vollzugsbehörde Gespräche auf, ordnet Lernprogramme oder Therapien an, die das Verhalten der Verurteilten positiv verändern sollen. Um die neue Methode umzusetzen, braucht es Fachpersonal – doch dieses ist nicht überall vorhanden. Angebote wie Lernprogramme seien in Justizvollzugsanstalten nicht einfach Standard.

Das bestätigt Benjamin Brägger, Sekretär des Strafvollzugskonkordats Nordwest- und Innerschweiz. Er sagt, dass es mehr Ressourcen braucht. «Die Anstalten sind bei der Umsetzung der Vollzugsplanung mit ROS weniger frei, viele Vorgänge sind standardisiert.» Um die nötigen Interventionen aufzugleisen, brauche es Fachpersonal, sowohl aus dem juristischen, dem forensischen wie dem sozialen Bereich. Doch daran fehle es gerade in kleineren Kantonen. «Das wird die Anstalten wohl noch eine Weile beschäftigen.»

Zeit- und Personalintensiv

Die beiden Fachpsychologinnen für Rechtspsychologie Leena Hässig und Tanja Gysi begrüssen ROS. Sie geben aber zu bedenken, dass die Umsetzung mit viel Aufwand verbunden sei und es nicht ohne gut ausgebildetes Personal gehe. ROS sieht vor, dass bei einem erhöhten Rückfallrisiko immer gemeinsam entschieden wird, welche Massnahmen für die betroffene Person im Vollzug sinnvoll sind, beispielsweise eine therapeutische Intervention. «Man versucht, die Schutzfaktoren anzuzapfen», sagt Hässig.

Konkret werde nach Faktoren gesucht, die das Verhalten positiv beeinflussten, beispielsweise die Opferempathie. «Dafür, die Anforderungen von ROS zu erfüllen, sind eine differenzierte Ausbildung und klinische Erfahrung notwendig», sagt Hässig. Das Berufsfeld von Psychologen mit einem Fachtitel in Rechtspsychologie und einer Therapeutenausbildung etabliere sich jedoch erst – dementsprechend wenig geeignetes Fachpersonal gebe es.

Heftige Kritik

ROS sorgte schon verschiedentlich für Kritik. Für besonders heftige Reaktionen sorgte diesen Sommer ein SRF-Beitrag, der die intransparente Software des «Fast-Screening-Tool» anprangerte. Auch grundsätzlich wurde Kritik laut: Mit der Risikoanalyse schaffe man eine Scheinsicherheit. Straftäter würden übertherapiert. Die Justiz fokussiere immer mehr auf den Täter und dessen Persönlichkeit und weniger auf seine Tat.

«Die Forderung nach mehr Sicherheit hat an Bedeutung gewonnen.»Benjamin Brägger, Sekretär des Strafvollzugskonkordats Nordwest- und Innerschweiz

Auch Anwalt Stephan Bernard, der sich mit Strafvollzugsrecht beschäftigt, beobachtet diese Tendenz. Es gehe schon länger in diese Richtung. «ROS ist bloss ein weiteres Mosaiksteinchen.» Alles werde evaluiert, die Personen im Vollzug ständig kontrolliert und Fehlverhalten sanktioniert.

Benjamin Brägger verteidigt den risikoorientierten Sanktionenvollzug. Er findet es statthaft, dass die gesamte Kriminalbiografie zur Beurteilung des Risikos herangezogen wird. «Die Forderung nach mehr Sicherheit hat an Bedeutung gewonnen.» Bei der Wiedereingliederung der Straftäter werde stärker auf Rückfallvermeidung hingearbeitet als früher. Das könne teilweise zulasten der sozialen Integration gehen.

Erstellt: 28.10.2019, 18:42 Uhr

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