Umarm einen Russen heute

Russlands Führung leistet sich Ungeheuerliches. Doch das ist kein Grund, nun alle Russen zu meiden. Im Gegenteil.

Andere Länder, andere Sitten: Gläubige Russen baden nach einer religiösen Prozession im Winter im Zürichsee. Foto: Reto Oeschger

Andere Länder, andere Sitten: Gläubige Russen baden nach einer religiösen Prozession im Winter im Zürichsee. Foto: Reto Oeschger

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Wer Russland und seine Menschen liebt, hat es schwer dieser Tage. Die Regierung um den seit 18 Jahren alles dominierenden Präsidenten Wladimir Putin ist bemüht, Europa gegen Russland und die Russen aufzubringen.

Russische Geheimdienstler setzen in England chemische Kampfstoffe ein. Moskau unterstützt das Regime in Syrien, verlängert den Krieg. Russische Online-Agiteure setzen sich für spaltend-nationale Kräfte in Europa ein. In der Schweiz sind russische Diplomaten so dreist nachrichtendienstlich tätig, dass der Bund murrt.

Giftmord und Sabotage verlangen klare Antworten, Sanktionen. Hier hat die Schweiz noch Handlungsspielraum. Falsch aber wäre es, nun exakt in die Russophobie zu verfallen, die der Kreml dem Westen pauschal vorwirft. Wir brauchen auch in angespannten Zeiten keine antirussische Angstmacherei. Entfremdung zwischen den Menschen Russlands und dem Rest Europas ist genau das, was das System Putin will und stärkt. Der Kreml predigt der Bevölkerung seit Jahren, Russland sei auf sich allein gestellt, unverstanden, ewig anders. In dieser Denkart werden Menschenrechte und Rechtsstaat zu westlichem Schnickschnack, auf den Russland verzichten kann, ja soll. Wer mithilft, Gräben zwischen Russland und Europa auszuheben, stützt nur Putin.

Geringes Engagement der russischen Diaspora

Nein, wir sollten den Austausch mit dem russischen Kulturkreis vermehrt suchen. In der Schweiz sind 14'220 russische Staatsangehörige gemeldet. Sie gehören weder gefürchtet noch gemieden – sondern umarmt, nach Vorbild der proeuropäischen «Hug a Brit»-Kampagne im Brexit-Jahr 2016. 

Klar, es gibt die reichen Russen in der Schweiz, die vor allem Geld parkieren. Eben gab Multimilliardär Roman Abramowitsch zu reden, der sein Wohnsitzgesuch zurückgezogen hat. Doch das Gesamtbild ist vielfältiger. Die Russinnen und Russen hier arbeiten im Coiffeursalon und bei Google, an der ETH und als Künstler. Talentabfluss, Braindrain, ist eines der grössten Probleme des Systems Putin. Die Exilrussen sind mal Putin-Verehrer, mal Flüchtlinge aus Tschetschenien und oft auch völlig apolitisch. Manche leben verschweizert, andere in einer russischen Blase. Sie sind alle verschieden, kein Grund zur Unruhe.

Das heisst nicht, dass man im Austausch das Thema Politik umschiffen sollte. Russlands Führung wird immer wieder neu vom Volk gewählt – aus Angst vor dem Chaos oder Überzeugung. Darüber muss man reden.

Wenn Europa die Exilanten nicht umarmt, tut es Putin. Moskau finanziert orthodoxe Kirchen im Ausland und lädt Expat-Schulkinder zu Ferienlagern in die alte Heimat. Auch dem Kreml fällt auf, was der Ökonom Wladislaw Inozemtsew bemerkte: dass das Engagement der russischen Diaspora daheim einmalig gering ist.

Diaspora-Engagement kann alles sein, national-nostalgisch, progressiv-erneuernd. Europa kann helfen, es zu formen. Am besten ohne Angst.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.10.2018, 18:03 Uhr

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