Und abends turnen sie auf den Tischen

Das Eidgenössische Turnfest ist auf seine eigene Art ein Abbild der Schweiz. Ein Besuch in Aarau – wo die Turner feiern, trinken und balzen.

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«Schau, einer aus Mostindien. Haben die gute Ärsche? Zeig mal!» Vergesst Tinder, Speeddating oder die Singles in der «Tierwelt». Kommt lieber zum mobilen Bankautomaten gleich neben dem Barzelt im Aarauer Schachen. Der Faustballer aus Dägerlen müsste jetzt eigentlich seinen PIN-Code eingeben, doch stattdessen nestelt er an seiner Trainerhose herum. Die Turnerin aus Roggwil, gleich hinter ihm in der Schlange, schaut ziemlich genau hin und nickt dann anerkennend. Nicht schlecht.

Die Schlange vor dem Bancomaten am Eidgenössischen Turnfest (ETF) in Aarau ist lang und die Gespräche (wenn man sie denn Gespräche nennen möchte) verlaufen alle recht ähnlich. Die Flirts (von Männern und Frauen) sind so offensiv und unverschämt direkt, wie sie nur in einem euphorisierten oder perfekt angetrunkenen Zustand möglich sind. Ein Bier mehr und es würde richtig peinlich.

Der Faustballer aus Dägerlen hat nun endlich seine 100er-Note («Triffst den Schlitz nicht mehr?», hatte einer aus Rorbas von hinten gerufen und dazu dreckig gelacht. Er hatte dieses Bier zu viel offenbar schon getrunken), und nun ist die Frau aus Roggwil an der Reihe. Aus den beiden wird heute wohl nichts mehr, trotz perfektem mostindischem Hinterteil*. Der Faustballer mag nicht warten. Stattdessen ins Barzelt nebenan, da wird man schon noch jemanden finden, ins Hopfenstadl oder die Turnfest-Hütte, ins Wild West Village und dann vielleicht noch auf einen Sprung in die Hosälupf-Bar.

«Viehisches Saufen»

Legt sich die Nacht über das Festgelände des ETF, dann wird gefeiert. Getrunken. Getanzt. Gebalzt. So ist es in den diversen Aarauer Festzelten an diesem ersten Festwochenende, so war es schon immer. Und für einmal war es früher nicht besser, sondern eher schlimmer. 1843, das Fest fand ebenfalls in Aarau statt, beschrieb die «Aargauer Zeitung» ein «andauerndes viehisches Saufen und Brüllen». 1959 gab es am Fest in Basel einen Saubannerzug von betrunkenen Männern, die ihr Unwesen bis ennet der Grenze in Deutschland trieben. Sie hoben parkierte Autos weg, warfen Mist in Cabrios, zerschlugen Bierflaschen auf der Strasse. Um solchen Auswüchsen den Riegel zu schieben, reagierte der Turnverband mit einer noch umfassenderen Organisation, schreibt der Sporthistoriker Hans-Dieter Gerber in einem Text für die NZZ zum Turnfest in Frauenfeld 2007: «Es wurde keine Gelegenheit ausgelassen, den Mahnfinger zu heben und die Verantwortlichen anzuhalten, auch das kameradschaftliche Beisammensein vorzubereiten.»

Die Nacht am Turnfest – so gut organisiert wie der Tag mit seinen Hunderten von Wettkämpfen und Schauplätzen. «Man ist in seinem Verein aufgehoben während des Wettkampfs und man ist aufgehoben im Festzelt, wo die Regeln des moralischen Anstands überschritten werden können – aber nur bis zu einem gewissen Punkt», sagt Gerber.

Ab heute wird man das wieder erleben, das zweite Wochenende eines Eidgenössischen Turnfestes ist grösser und bunter und ausgelassener als das erste. Fast 50'000 Turnerinnen und Turner werden in Aarau erwartet, das Vereinsturnen steht auf dem Programm, der Festumzug, der Schlussakt und natürlich die Tour durch die Festzelte. Das ETF findet nur alle sechs Jahre statt und es ist gigantisch. Der grösste Breitensportanlass der Schweiz, 70'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Eine Schweiz im Kleinen

Umso erstaunlicher, dass das Turnfest in vielen Milieus (vor allem den urbanen) nur sehr am Rande wahrgenommen wird. Als Gedränge am Bahnhof, wo plötzlich Männer und Frauen in farbigen Trainern von Erima oder Kempa mit Trinkhörnern im Gepäck die Perrons besetzen. Als Extrahalt im Schnellzug zwischen Basel und Zürich. Als Beitrag im «Sportpanorama», wo plötzlich Indiaca oder Korbball gezeigt wird.

Anders als das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, das seit der Jahrtausendwende rigoros eventisiert und damit auch für Städter anschlussfähig wurde, ist das Turnfest das Turnfest geblieben. Im Aufbau und Inhalt nicht weit entfernt von seiner allerersten Austragung in Aarau im Jahr 1832 (auch wenn damals die Städter noch aktiver teilnahmen). Das Fest fand zur Gründung des Schweizerischen Turnverbands statt, des Zusammenschlusses von verschiedenen patriotischen Turnvereinigungen, in denen die Körper von jungen Männern wehrhaft gemacht werden sollten. «Der patriotische Charakter zieht sich durch die Geschichte der Turnfeste», sagt Historiker Gerber. Bis heute, wo die Turner am Bahnhof Aarau mit den Kantonswappen empfangen werden. Immer sei es an den Eidgenössischen Turnfesten auch um das eigene Land gegangen, um den Stolz auf die Schweiz, um die Rechtschaffenheit ihrer Bewohner. Und immer schon wurde das Turnwesen vom Bund finanziell unterstützt. Als Massnahme des Nation Building. «Die Feste mit ihren immer gleichen Ritualen und fix vorgeschriebenen Übungen suggerierten eine übergeordnete Gemeinschaft. Einen inneren Zusammenhalt.»

Eine Schweiz im Kleinen, eine Schweiz von damals. Homogen, ländlich, etwas konservativ und immer perfekt organisiert. Die Träger dieser Identität, das sind die Turnvereine. An ihnen, so scheint es, ging die Zeit spurlos vorbei. Andere klagen über das zusammenbrechende Milizsystem und das fehlende Engagement der Leute. Über die Vereinzelung im digitalen Zeitalter. Die Turnvereine aber, die funktionieren.

Ein Beitrag zur Integration

«Turnvereine sind fest in ihren Dörfern verwurzelt und spielen darum bis heute eine grosse Rolle. Die Nachwuchsrekrutierung ist viel einfacher.» Thomas Beugger ist seit 18 Jahren Leiter des Sportamts Baselland, Ehrenmitglied des TV Zeglingen und half mit, das Eidgenössische Turnfest 2002 im Baselbiet zu organisieren. Ein Turner durch und durch. Gerade auf dem Land würden die Vereine eine wichtige Rolle in der Integration spielen. Nirgends sei es einfacher, als Zuzüger Anschluss zu finden als in einem Turnverein.

«Im Turnverein und am Turnfest werden Werte verkörpert, die für die Schweiz stehen», sagt Beugger. Die Pflege von Traditionen, sich Ziele setzen, gemeinsam anpacken. Und sich an einem grossen Fest mit anderen Menschen austauschen, die die gleichen Werte besitzen. «Das alles hat etwas sehr Verlässliches.»

Im Leben eines Turnvereins ist das Eidgenössische der Höhepunkt eines sechsjährigen Zyklus. Bezirksturnfest, Regionalturnfest, kantonales Turnfest – und dann das Eidgenössische. Über Monate trainieren die Vereine für den Anlass – auch wenn sie wissen, dass die meisten von ihnen nicht in die Nähe der Besten kommen. «Man will einfach eine gute Figur machen – auch wenn man keine Chance hat», sagt Sandra Strüby. Sie ist Mitglied der Turnerinnen- und Frauenriege Buckten und sie erlebt in Aarau ihr sechstes ETF.

Seit März, später als gewöhnlich, üben die Buckter die Disziplinen, den Fachtest Allround, den Fachtest Korbball und hoffen, in Aarau irgendwo um die Note 8 herum (von 10) zu landen. Am Freitag geht es los, das Programm für das ETF hat jemand im Verein liebevoll als PDF gestaltet. Gemeinsame Abfahrtszeiten, Lagepläne, gute Hinweise, Ermahnungen. Es ist wie jedes Mal. Wie in Luzern 1991 oder in Biel 2013. Wettkämpfe am Freitag und Samstag, gemeinsames Essen, Festumzug durch Aarau, ab ins Festzelt, schlafen im eigenen Zelt (vielleicht), gemeinsame Heimkehr. Am Bahnhof wird am Sonntagabend die Dorfmusik warten und die Bevölkerung. Der Gemeindepräsident wird, wie in hundert anderen Dörfern in der Schweiz, ein paar erbauende Worte sagen, der Präsident oder die Präsidentin des Vereins werden sich genau so nett bedanken. Dann geht es ins lokale Restaurant, in den Mond oder die Sonne oder den Löwen, die erste Runde: offeriert.

* Wir wissen natürlich, dass Dägerlen nicht im Kanton Thurgau liegt. Aber das war in diesem Moment am Bankautomaten auch nicht wirklich zentral.

Erstellt: 20.06.2019, 18:00 Uhr

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Superlative

350'000 Wettkampfminuten und an die 200'000 Menschen – Turnerinnen und Turner, Besucher, Funktionäre, Helfer.Das zweite Wochenende des Eidgenössischen Turnfests in Aarau weist gigantische Proportionen auf. Im Zentrum stehen die Wettkämpfe im Vereinsturnen, der Festumzug durch Aarau, ein Faustball-Länderspiel zwischen der Schweiz und Deutschland und die grosse Schlussfeier auf dem Brügglifeld. (los)

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