«Und jetzt, mit 53 Jahren, stoppt es abrupt»

SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin erzählt, wie sehr ihn seine unerwartete Abwahl beschäftigt und weshalb er zögert, die Rente für abgewählte Parlamentarier zu beantragen.

«Und jetzt? Was mache ich?»: Der abgewählte Schwyzer SP-Nationalrat Andy Tschümperlin am Wahlsonntag. (18. Oktober 2015)

«Und jetzt? Was mache ich?»: Der abgewählte Schwyzer SP-Nationalrat Andy Tschümperlin am Wahlsonntag. (18. Oktober 2015) Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Wie fühlen Sie sich heute?
Das krasse Resultat der SVP erstaunt mich schon sehr. Ich bin aber nicht erschüttert. Denn ich kenne meinen Kanton Schwyz, in dem ich zwanzig Jahre lang gradlinige SP-Politik gemacht habe.

Wie haben Sie reagiert, als klar wurde, dass Sie abgewählt werden?
Ich blieb gefasst, was auch mein Umfeld bestätigte.

Am nächsten Morgen ...
... am nächsten Morgen dachte ich im ersten Moment, was für ein merkwürdiger Traum das gewesen ist. Doch es war Wirklichkeit. Ich konnte schlafen. Nicht so gut, aber es ging. Die Abwahl hat mich nicht völlig aus den Socken gehauen. Eigentlich realisiere ich die Abwahl erst schrittweise, seit ich mich damit befassen muss.

Es ist eine neue Situation.
Ja. Da kommt ein Gefühl auf, das sich am besten in Fragen auf den Punkt bringen lässt: «Und jetzt? Was mache ich?» Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben vor einer solchen Situation. Mit 21 Jahren startete ich in den Beruf. Ab diesem Zeitpunkt ging es vorwärts, ich wurde stets gefordert. Immer noch mehr gefordert. Und jetzt, mit 53 Jahren, bin ich erstmals an einem Punkt, an dem es abrupt stoppt.

Sie sind Berufspolitiker und verheimlichen das im Gegensatz zu anderen Parlamentariern nicht im offiziellen Adressregister.
70 Prozent der Ständeräte und 40 Prozent der Nationalrätinnen sind faktisch Berufspolitiker. Aber ich möchte schon betonen: Trotz Abwahl bin ich nicht an einem Nullpunkt angelangt. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie. Mein Vater besitzt einige Immobilien. Meine Frau ist berufstätig. Es gibt für mich schon einiges zu tun. Und finanziell habe ich keine Angst für die Zukunft.

Abgewählte Bundesparlamentarier haben auch die Möglichkeit, eine Überbrückungsrente zu beantragen.
Für eine solche Rente müsste ich mich als Erwerbsloser beim RAV anmelden. Das ist ein Punkt, den ich mir genau überlegen muss. Das würde mich Überwindung kosten. Es war schon deftig, als mir das schriftlich mitgeteilt wurde. Am schweizerischen Milizsystem hält die Politik fest, obwohl das für einige Berufsgruppen nicht möglich ist. Ein Lehrer kann nicht viermal jährlich während der dreiwöchigen Session an der Schule fehlen.

Nun müssen Sie sich neu orientieren.
Ja genau, ich muss mich neu orientieren.

Wissen Sie schon, in welche Richtung?
Nein. Ich werde in den kommenden Wochen diese Frage in einem Führungscoaching reflektieren.

Politik ist für Sie vorläufig kein Thema mehr?
In der Sozialdemokratie im Kanton Schwyz gibt es keine Ämter, die ich übernehmen könnte. Ich sehe keine politische Funktion, in die ich einsteigen könnte. Ausser vielleicht ehrenamtlich. Ich müsste aus diesem Kanton raus, um wieder politisieren zu können, doch das will ich nicht.

Im kommenden Frühling gäbe es Regierungsratswahlen.
Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Nach zwanzig Jahren in der Politik verspüre ich derzeit gar kein Bedürfnis, dafür zu kandidieren. Ich glaube auch nicht, dass es gut wäre. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und muss schauen, was ich in den nächsten zwölf Jahren bis zur Pensionierung mache. Ich sehe für mich derzeit eher eine Tätigkeit im Hintergrund. Aber zuerst muss ich ein wenig Abstand gewinnen.

Eine Kandidatur bei den nächsten Nationalratswahlen oder bei den Schwyzer Kantonsratswahlen?
Was in vier Jahren ist, weiss ich noch nicht. Mit dem Kantonsrat habe ich abgeschlossen. Elf Jahre reichen.

Warum?
Es ist hart, im Kanton Schwyz für die SP im Kantonsrat zu politisieren. Von hundert Mandaten sind nur elf in linken Händen. Das ist wirklich hart. Umso mehr war es für mich eine angenehme Erfahrung, in Bundesbern in einer starken Fraktion politisieren zu dürfen. Wir haben in der letzten Legislatur einige anständige Erfolge erzielt. Ein Highlight war die Energiewende. Auch die Abwahl des damaligen Bundesrats Christoph Blocher 2007 ist mir in guter Erinnerung. Damals korrigierte die schweizerische Politik eine Fehlentwicklung.

Worin sahen Sie da eine Fehlentwicklung?
Trotz Regierungsbeteiligung machte die SVP weiterhin auf Opposition und Obstruktion. Das politische System der Schweiz ist sehr stabil. Ich glaube, dass es auch den Rechtsrutsch der eidgenössischen Wahlen 2015 korrigieren wird.

Auch wenn Blocher nicht mehr Bundesrat wird: Die SVP erhält nach dem Rücktritt von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf ziemlich sicher wieder zwei Sitze in der Landesregierung.
Ich hoffe, dass das Parlament dazugelernt hat und diesen Fehler nicht begeht. Wenn es für die SVP einen zweiten Bundesratssitz geben soll, dann muss es eine Person sein, die sich konstruktiv an der Regierungsarbeit beteiligt. Ein Problem bleibt aber so oder so bestehen: Blocher kauft Medien. Das führt zu einem Rechtsrutsch in der Berichterstattung. Wenn es so weitergeht, haben wir in der Schweiz bald italienische Verhältnisse. Meine Nichtwiederwahl in Schwyz hatte auch damit zu tun.

Wirklich?
Unsere Lokalpresse war in der heissen Phase des Wahlkampfs voll mit Inseraten von SVP und FDP. Ganzseitige Werbung während Wochen. Mit unserem bescheidenen Budget hatten wir keine Chance.

Sie sprechen von Inseraten, nicht von redaktionellen Beiträgen.
Wenn gewisse finanzkräftige Leute derart viel für Werbung ausgaben, hat das sehr wohl einen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit. Das muss ich Ihnen nicht sagen, weil sie das aus eigener Erfahrung kennen.

Nein, solchen Druck kenne ich nicht.
Dann ist es bei Ihnen in der Hauptstadt vielleicht anders. In unserer Region haben wir mit dem «Boten der Urschweiz» eine einzige Zeitung. Diese hat zum Beispiel mit mir kein einziges Mal ein solches Interview geführt. Die fehlende Konkurrenz verschärft das Problem – als Politiker hat man keine Ausweichmöglichkeiten. Das ist ein grosses Problem der Zentralschweiz.

Ist es das einzige?
Nein, ein weiteres ist die Flüchtlingspolitik. Was hier in der vergangenen Session im Kantonsrat zu hören war, ist bedenklich. Der Vergleich mit einem braunen Teig drängt sich auf. Diese Stimmung war immer schon da. Ich habe bei Migrationsfragen immer schon klar Position bezogen.

Wie?
An der Gemeindeversammlung in Schwyz bin ich zum Beispiel vor fünfhundert Leuten aufgetreten, als es darum ging, dass jemand nicht eingebürgert werden sollte. Ich habe ganz knapp gewonnen.

Erhielten Sie darauf vom gegnerischen Lager gehässige Reaktionen?
Es gab Drohungen. Dauernd.

Massiv?
Massiv. Immer schon. Ich war stets für viele Einheimische eine negative Projektionsfläche.

Und Ihre Familie, Ihre Geschwister, blieben sie verschont, wenn Sie sich in Bern als SP-Politiker exponierten?
Nein, nein. Sie mussten mich oft in Schutz nehmen. Einzelne verzichteten sogar darauf auszugehen, weil sie die Sticheleien nicht ertrugen. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Am Anfang war es auch schlimmer. Die Leute haben sich nicht mehr so getraut, nachdem ich mich in Bern hatte durchsetzen und das Fraktionspräsidium übernehmen können. Das wurde zur Kenntnis genommen, ohne es je zu loben. Seit ich jedoch die Wiederwahl nicht geschafft habe, hat es wieder zugenommen.

Können Sie das an einem Beispiel beschreiben?
Am vergangen Freitag ging ich durchs Einkaufszentrum. Da hat mich einer angebrüllt: «Das geschieht Ihnen recht! Das haben Sie nun davon!» Und so weiter. Ich fragte ihn, ob er noch ein Fünklein Anstand habe. Da bekam er einen hochroten Kopf und begann sogar noch mehr zu wettern.

Gewisse Leute scheinen Mühe zu haben, andere politische Meinungen zu akzeptieren.
Ich will nicht alle Menschen im Kanton Schwyz dem gleichen Haufen zuordnen. Nur eine Minderheit reagiert so. Aber es gibt schon Leute, die Demokratie anders auslegen. Ich denke, es braucht verschiedene Positionen, damit die Politik eine gute Lösung finden kann. Wenn die Machtverhältnisse derart ungleich verteilt sind und eine Seite derart dominiert wie in Schwyz, dann schadet das einem Kanton. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Inwiefern kann das einem Kanton schaden?
Zum Beispiel bei der Dividendenbesteuerung. In Schwyz beträgt der Abzug für Unternehmer 75 Prozent. So viel wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Das lockte viele Firmen in den Kanton, worauf der Ressourcenindex stieg. Nun zahlt Schwyz deutlich mehr in den Finanzausgleich. Wir haben davor gewarnt und hatten auch den Finanzchef von der CVP auf unserer Seite. Vergeblich. Es gibt Treuhänder, die mit der Schwyzer Steuerpolitik jahrelang gut Geld verdient haben. Sie haben grosse Macht im Kanton.

Parteikollegen bezeichnen Sie als «liebe Siech». Wie kommt es, dass gewisse Leute Ihnen aggressiv begegnen?
Ich bin sicher ein Teamplayer und ein guter Kumpel. Dass mich andere so einschätzen, liegt aber auch an meinem Körperbau. Ich bin klein, untersetzt und zu schwer (lacht). Aber ich wäre nicht Nationalrat geworden, wenn ich nicht auch andere Seiten hätte. Ich kann schon dezidiert linke Positionen vertreten. Was ich nicht ertrage, sind soziale Ungerechtigkeiten. Da stehe ich hin. Zudem provoziere ich gerne.

Sie provozierten unter anderem mit der Forderung, die Wahl Ueli Maurers zum Bundespräsidenten zu verhindern, und verärgerten damit auch eigene Fraktionsmitglieder.
Mir war schon bewusst, dass ich es nicht hätte sagen sollen. Doch es hat mich gereizt. In meinen Augen hat Ueli Maurer auch heute noch nicht das Format zum Bundesrat. Er betreibt zu viel Parteipolitik, anstatt sich für das Wohl des Landes einzusetzen. Im zurückliegenden Wahlkampf war er überraschend oft in Schwyz anzutreffen und liess sich mit Einwohnern fotografieren. Das ist eigentlich nicht Aufgabe eines Bundesrats. Vielleicht war es auch eine Retourkutsche gegen mich.

Aus Sicht des Schwyzer Stimmvolks haben Sie sich da womöglich mit dem Falschen angelegt.
Das kann schon sein. Auch mein Engagement für Flüchtlinge und meine Forderung nach einem EU-Beitritt sind hier alles andere als mehrheitsfähig. Aber ich stehe offen zu meiner Haltung.

Wie wird man im Kanton Schwyz SP-Politiker?
(lacht) Das hat stark mit meinem Beruf zu tun. Ich war Primar- und Reallehrer. Da hatte ich praktisch veranlagte junge Menschen, die danach meist in eine Berufslehre gingen. Als Lehrer stiess ich auf soziale Missstände. Ich wollte etwas ändern. So begann ich mich in der Jugendkommission zu engagieren und pushte eine Initiative für betreutes Wohnen. Über diesen Weg kam ich in die Politik.

Hat Sie auch das Elternhaus politisch geprägt?
Nein, meine Eltern sind bürgerlich, mein Vater wählte FDP. Schön ist, dass er immer noch lebt und heute die SP wählt.

Sie sind ein Vollblut-Maschgerad, also ein eingefleischter Fasnächtler.
Ich habe auch schon viermal ein Preisnüsseln gewonnen. Das ist eine Art Tanz mit der Maschgerad, also der Maske.

Sie sind stark verwurzelt in Schwyz und bleiben hier, obwohl Sie angefeindet werden.
Ich bin hier sogar sehr stark verwurzelt. Die ganze Familie wohnt hier, alle meine vier Geschwister. Wissen Sie, wie der Wahlkampf im Kanton Schwyz funktioniert?

Wie?
Meine Ehefrau arbeitet überall mit und schreibt unter anderem gemeinsam mit mir nächtelang Couverts an. Insgesamt 10'000 Stück, die wir als Briefe verschickt haben. Der älteste Sohn stellt die ganze Zeit Plakate auf. Jedes Wochenende werden meine Plakate eingesammelt, versprayt oder heruntergerissen. Zum Wochenanfang beginnt er mit seiner Arbeit von vorn. Der dritte Sohn ist Informatiker und betreut meine Internetseite. Die Tochter hilft mir, soziale Medien zu bewirtschaften. Und die jüngste Tochter springt auch überall ein. Die ganze Familie ist also während mehrerer Wochen voll eingespannt. Dabei habe ich die Mitarbeit von meinen Eltern und Geschwistern noch gar nicht erwähnt.

Haben Sie den Eindruck, dass vor allem Ihre Plakate heruntergerissen wurden?
Ja. Es gab auch Inserate, mit denen Schwyzer Persönlichkeiten gegen mich mobilisierten. Vor vier Jahren wurde ich in Inseraten sogar anonym kritisiert.

Das muss man aushalten können.
Das gelang mir bisher recht gut. Die Wiederwahl zu schaffen, wäre aufgrund solcher Anfeindungen für mich eine Genugtuung gewesen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.11.2015, 09:36 Uhr

Jähes Ende einer politischen Karriere

Wahlverlierer stehen nur kurz im medialen Schlaglicht, bevor es sehr schnell sehr ruhig um sie wird. Diese Erfahrung macht derzeit Andy Tschümperlin – er ist nur noch bis zum Beginn der kommenden Session für die SP im Nationalrat. Als Präsident der zweitgrössten Fraktion im Bundeshaus war er politisch stark exponiert. Tschümperlin spricht offen darüber, wie er nun mit seiner neuen Situation umgeht. Er wirkt gefasst und kann gelegentlich lachen. Wobei das eine oder andere Lachen einen bitteren Nachgeschmack zu haben scheint.

Die Gesprächskulisse des Rathauses Schwyz widerspiegelt den übermächtigen politischen Gegner, mit dem sich Andy Tschümperlin jahrelang angelegt hat. Ein Gemälde zur Schlacht von Morgarten ziert die Aussenwand, Hellebarden schmücken Innenräume des mehr als 350 Jahren alten Gebäudes: Hier werden Traditionen und konservative Ideale hochgehalten. Es ist nicht die Heimat, in welcher der SP-Politiker und EU-Beitritt-Befürworter Tschümperlin Mehrheiten hinter sich hat.
Während des Interviews tagt unten im Ratssaal das Kinderparlament, das Tschümperlin ins Leben gerufen hat. Aus dreissig Gemeinden sind Mädchen und Jungen angereist, die sich vorstellen, in Gruppenarbeiten mit Kinderrechten auseinandersetzen und debattieren. Obwohl der Schwyzer Kantonsrat diesem Projekt die finanzielle Unterstützung entzogen hat, findet es mittlerweile bereits zum neunten Mal statt. Das bereitet Tschümperlin sichtbar Freude.(ki)

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