Und plötzlich wird der Weltuntergang zum Politthema

Die Klimaschützer greifen zu Aktionen, die im Kampf gegen brutale Regimes entwickelt wurden. Das passt zum Problem.

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Kaum waren die Reste des Züri-Fäscht weggeputzt, ging es in der Zürcher Innenstadt wieder um Ernsthaftes: die Rettung der Welt etwa.

Aktivistinnen in Labor-Overalls versperrten am Montagmorgen Eingänge der Grossbanken. Weil sie nicht freiwillig gingen, trugen Polizisten die weissen Gestalten weg – ein perfektes Fotosujet für die Medien. Staats­anwälte sorgten dafür, dass das Ereignis nicht gleich wieder aus der Aufmerksamkeit rutschte. Zwei Tage behielten sie die Aktivisten im Gefängnis.

Manche Beobachter (darunter auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet) fanden: Solcher Krawall schadet der Klimabewegung. Aus Sicht der Beteiligten trifft das Gegenteil zu. Besser hätte es kaum laufen können. Dank der breiten Berichterstattung erfuhren viele Menschen, dass Grossbanken Milliarden in klimaschädliche Branchen stecken. Gleichzeitig standen die Aktivisten am Ende als Märtyrer da. Zwei Nächte in einer Zelle? Eine gar harte Strafe, finden viele.

Video: Die Polizei greift ein

Die Polizei führt am Zürcher Paradeplatz Aktivisten ab. (Video: 20 Minuten/Tamedia)

Es ist nicht das erste Mal, dass Klimaschützerinnen solche Aktionen durchziehen. Als bisher grösste gilt die Oster-Besetzung Londons. Tausende «Klimarebellen» blockierten im April wichtige Plätze, die Polizei verhaftete über 1000 Demonstranten. Organisiert hatte den Aufstand die Bürgerinitiative Extinction Rebellion (XR). Diese beruft sich auf historische Untersuchungen darüber, welche Form von Protesten die grössten Änderungen bewirkt haben. Die so hergeleitete Strategie erläutert XR-Mitgründer Roger Hallam in Videos und Artikeln. Forderungen aufzustellen, bringe nichts, sagt Hallam. Niemand nehme das ernst. Gewalt anzuwenden, nütze noch viel weniger. Das schrecke die Leute ab. Mehr Erfolg verspreche ziviler Ungehorsam, das friedliche, gut gelaunte Lahmlegen von zentral gelegenen Orten. Möglichst viele Leute sollten mitmachen. Im Idealfall gehen die Regierungen auf die Forderungen ein, weil die Blockade zu viel Schaden anrichtet. Ansonsten müssen sie die gewaltfreien Proteste mit Gewalt beenden. Dies bringe viel Aufmerksamkeit und viel Sympathie. Genau das ist diese Woche am Paradeplatz geschehen.

Die drohende Erderhitzung heizt auch das politische Klima auf. Im Angesicht der Grosskatastrophe wird niemand zimperlich sein.

Lange mühten sich Religionen und Fantasten mit dem Weltuntergang ab. Durch den Klimawandel ist er zum Thema der Politik geworden. Der amerikanische Journalist David Wallace-Wells schildert in seinem Bestseller «The Uninhabitable Earth» auf Grundlage des aktuellen Forschungsstands, was uns erwarten könnte, wenn wir weiter so viel Öl verfeuern: überflutete Küsten, sich ausbreitende Wüsten, brennende Wälder, Rezessionen, Hitzetote, Millionen von Flüchtlingen. Je länger wir mit Massnahmen gegen die CO2-Verschleuderung warten, desto schwieriger wird es, diese Folgen noch aufzuhalten. Er sei kein Ökoromantiker, sagt Wallace-Wells. Aber die Beschäftigung mit der Erderhitzung habe ihn alarmiert. Dieses Gefühl gibt sein Buch weiter.

Das CO2-Problem durchdringt fast alle Lebensbereiche, seine Entschärfung wird irgendwann kaum mehr möglich sein. Beides zusammen macht es zu einer extremen politischen Herausforderung.

Die Methoden, welche Organisationen wie Extinction Rebellion anwenden, passen dazu. Sie stammen aus dem Kampf gegen brutale Regierungen, sind abgeschaut von Gandhi und Martin Luther King. In Demokratien wie der Schweiz wirken sie dadurch etwas übertrieben. Man kann hier ja wählen gehen, einer Partei beitreten, Initiativen anreissen. Gleichzeitig versagen die Demokratien (und alle anderen Regierungsformen) dabei, das Klimaproblem anzupacken. Abkommen nützten bisher wenig, der weltweite CO2-Ausstoss steigt und steigt. Verständlich, dass vor allem junge Menschen die Geduld verlieren. Sie finden: Radikal ist nicht, sich vor Bankeingänge zu ketten. Radikal ist, in welchem Tempo die Menschheit gerade ihre Lebensgrundlagen zerstört. Dazu kommt: Ungehorsam nützt. Das beweisen die Schüler-­Klimastreiks. Auch dank diesen haben grüne Anliegen im Zürcher Kantonsrat eine Mehrheit gewonnen.

Es braucht den Klimanotstand

Kritikern graut es vor der Notstandsrhetorik der Klimabewegung. Sie fürchten eine Ökodiktatur, das Kappen demokratischer Freiheiten, die Wiederauferstehung der DDR unter dem Vorwand des Klimaschutzes. Gesetzwidrige Aktionen wie die Bankblockierung deuten sie als Vorboten links-grüner Bevormundung.

Die Klimaschützer sehen es umgekehrt. Wenn wir nicht sofort etwas ändern, kippe die Politik erst recht in den Endzeit-Modus. Die Klimakatastrophe werde zu globalen Verteilkämpfen führen, zur Machtübernahme durch autoritäre Regimes. Um diesen permanenten Ausnahmezustand abzuwehren (in dem es Freiheit und Demokratie schwer haben würden), braucht es den Klimanotstand.

Niemand hätte etwas dagegen, wenn die Notstandskritiker einen besseren Plan vorstellten. Das haben sie bisher nicht getan.

Erstellt: 13.07.2019, 14:51 Uhr

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