Und sie schämen sich doch

Neue Zahlen aus Schweden zeigen, dass die Flugscham-Debatte dort nicht nur Hype ist. In der Schweiz sieht es anders aus.

Die Flugscham – eine «Bedrohung für Fluglinien in Europa»?

Die Flugscham – eine «Bedrohung für Fluglinien in Europa»? Bild: Keystone

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Weihnachtsflug nach Bangkok schon gebucht? Oder doch lieber auf die Hütte in deen Schweizer Bergen? Angeblich ist das ja jetzt ein Ding, die Flugscham. Kommt wie Greta Thunberg auch aus Schweden und heisst dort Flygskam. Es wurde einiges geschrieben über die offenbar wachsende Bewegung der Schweden, die dem Fliegen abschwören und stattdessen in den Zug steigen.

Unklar war, wie viel an der Berichterstattung Hype war und wie viel tatsächliche Verhaltensänderung. Nun, da das Jahr sich dem Ende zuneigt, kommen aus Schweden Zahlen, die zeigen: Da passiert tatsächlich etwas. Etwas, das aus Sicht der Nachrichtenagentur Bloomberg die Flugscham «zu einer wachsenden Bedrohung für Fluglinien in Europa» macht.

Um acht Prozent sank seit Beginn dieses Jahres die Zahl der Passagiere auf schwedischen Inlandsflügen, meldet der Flughafenbetreiber Swedavia, es sind jetzt so wenige wie seit der Finanzkrise 2008/2009 nicht mehr. Mit einer 2018 eingeführten Flugsteuer und steigenden Ticketpreisen lasse sich die Entwicklung teilweise begründen, schreibt die Tageszeitung Dagens Nyheter, vor allem aber sei es «die anhaltende Klimadebatte, die viele Schweden dazu bringt, auf Inlandsflüge zu verzichten».

Die Zahlen bestätigen einen Trend, der sich schon anderswo zeigte: Die schwedischen Eisenbahnen hatten schon im ersten Halbjahr gut acht Prozent Zuwachs bei verkauften Tickets gemeldet. Im Sommer sahen die heimischen Campingplätze einen Ansturm von Schweden, die offenbar beschlossen hatten, im eigenen Land Urlaub zu machen statt ins Ausland zu reisen. Auch Firmen machen mit: Das Finanz-Start-up Klarna etwa schickte seine 600 Stockholmer Mitarbeiter im September mit Bahn und Bus zu einer Betriebsfeier nach Berlin. Auch Nordea, der grösste Finanzkonzern Skandinaviens, streicht Kurzstreckenflüge.

Der Anteil des Flugverkehrs am weltweiten CO2-Ausstoss liegt Schätzungen zufolge im Moment zwischen zwei und fünf Prozent. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bei anhaltendem Wachstum der Flugverkehr die Energieerzeugung als grösster CO2-Verursacher überholen könnte. Für die Fluggesellschaften ist das ein enormes Imageproblem.

Mit hochroten Ohren im Flieger

Die skandinavische SAS etwa versucht sich einen grünen Anstrich zu geben, setzt zum Beispiel auf die Entwicklung von Biokraftstoff. Allerdings musste sich der Konzern gerade von einem Luftfahrtexperten vorhalten lassen, dass die Berechnungen zum CO2-Ausstoss eine Täuschung der Kunden seien: Wo SAS jedem einzelnen Passagier für den Flug nach Bangkok und zurück einen CO2-Ausstoss von 1,1 Tonnen zuschreibt, kommen unabhängige Rechenmodelle auf eine Zahl, die drei oder vier Mal so hoch ist.

Die Schweizer übrigens scheinen sich noch nicht zu schämen. Oder aber sie sitzen alle mit hochroten Ohren im Flieger. Denn während Flugscham als Begriff auch hierzulande Karriere macht, meldet zum Beispiel der Flughafen Kloten in diesem Jahr steigende Zahlen. Bis Ende September erhöhte sich die Zahl der abgefertigten Passagiere im Vergleich zur Vorjahresperiode um 1,6 Prozent auf 24 Millionen. Bei den 17 Millionen Lokalpassagieren beträgt das Plus 0,5 Prozent.

Erstellt: 23.10.2019, 15:04 Uhr

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