«Und trotzdem sind Sie dagegen, mehr Leute aufzunehmen?»

Projektleiterin Petra Nöthiger (27) und Grafologin Doris Aerne (66) trennen Generationen – und sie verstehen sich blendend.

Die Schweiz spricht: Doris Aerne (66) und Petra Nöthiger (27) im Gespräch. Video: Sarah Fluck

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Zürich – Sie habe noch gar nichts gefrühstückt, sagt Petra Nöthiger, lächelt und streicht sich die schwarzen Haare hinter die Ohren. «Die haben hier auch etwas zu essen», sagt Doris Aerne – kurze braune Haare, knallroter Lippenstift – dreht sich nach einem Kellner um.

Nöthiger und Aerne kennen sich erst seit wenigen Minuten. Überschneidungspunkte gibt es in ihrem Leben wenige: Nöthiger ist 27, Projektleiterin für Kältemaschinen und Wärmepumpen. Die 66-jährige Aerne selbstständige Grafologin, erstellt Persönlichkeitsprofile aufgrund von Handschriften. Unbeirrt vom Kindergeschrei und den Elektrobeats im Zürcher Kafi für Dich dreht sich das Gespräch gleich zu Beginn um das kritischste Thema: die Flüchtlinge.

Man müsse mehr aufnehmen, findet Nöthiger bestimmt. Sie könnte nicht damit leben, in 20 Jahren zurückzuschauen und zu merken, dass sie es so gut in der Schweiz gehabt habe, während dies anderen verwehrt geblieben wäre. Beim Besuch in einer Schweizer Flüchtlingsauffangstation habe sie gesehen, wie die Leute dort lebten.

Sorgen ums Sozialsystem

«Ich bin keine SVP-Wählerin», sagt Aerne leise und nimmt einen Schluck Kaffee. «Aber ich bin dafür, zwischen Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen zu unterscheiden.» Vor vielen Jahren habe sie selbst mit Flüchtlingen gearbeitet. Damals seien es noch Kurden und Türken gewesen. «Ich habe mich beim linksalternativen Radio Lora dafür starkgemacht, dass Flüchtlinge eine eigene Sendung bekommen.»

Verstanden sich gut, ohne sich zu einigen: Petra Nöthiger (links) und Doris Aerne. Foto: Urs Jaudas

Die Typen, meistens Männer, seien zwar oft polterig und etwas raubeinig gewesen. Aber es sei gut, etwas getan zu haben. Ausserdem habe sie mit Vietnamesen Deutsch geübt. «Und trotzdem sind Sie dagegen, mehr Leute aufzunehmen?», fragt Nöthiger. Ihr bereite vor allem die Frage Sorge, ob sich die Menschen hier in der Schweiz integrieren könnten, erwidert Aerne. Und ob es genügend Jobs für alle gebe, oder ob die Neuen unsere Sozialsysteme belasteten.

«Ich bin im AHV-Alter, da bemerke ich in meinem Umfeld immer wieder die Panik um die Frage, ob wir uns das leisten können.» Überall würden doch Leute gesucht, sagt Nöthiger. Aerne ist nicht überzeugt. In Gedanken hängend, reibt sie sich die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger.

«Ich muss noch 40 Jahre arbeiten. Ich habe keine Lust, so lange für Gleichberechtigung zu kämpfen.» Petra Nöthiger

Ein lautes Klirren reisst die beiden aus dem Gespräch: Ein Löffel ist auf den Boden gefallen. Neben dem Tisch tobt der Kampf ums Brunchbuffet. Schreiende Kinder, kläffende Hunde. Aus den Lautsprechern über dem Tisch plärrt weiter Musik. «Das ist ja fast wie im Ausgang», lacht Nöthiger.

Die Unterbrechung bleibt kurz – die beiden Frauen wollen weiterreden. Sie verstehen sich gut. Darum fragt Nöthiger Aerne ungläubig: «Warum sind Sie eigentlich gegen die Frauenquote? Sie sind doch eine Frau und selbstständig. Sie müssten dafür sein!» Sie sei für Frauenförderung, antwortet Aerne. «Gleiche Löhne, Vaterschaftsurlaub, all das.» In ihrem Job als Grafologin sei sie aber neutral. Sie empfiehlt Personalchefs Kandidaten. Die ausgewählte Person müsse schliesslich die Anforderung erfüllen, unabhängig davon, ob das nun ein Mann oder eine Frau sei.

«Immer noch Nein»

«Ich war ja lange selber gegen eine Quote», lenkt Nöthiger ein. Dann sei sie aber zum Schluss gekommen: «Ich muss noch 40 Jahre arbeiten. Ich habe keine Lust, so lange für Gleichberechtigung zu kämpfen.» Die Quote sei ein gutes Instrument, diesen Prozess zu beschleunigen. Denn ohne weibliche Vorbilder würde sich wenig in den Unternehmen ändern. Männer beförderten nun mal Männer. «Auch ich arbeite in einem Männerberuf», erklärt Nöthiger. Es gebe immer einen, der bemerke: «Ah Frau Nöthiger, Sie sind die einzige Frau. Wie kommen Sie dazu, so einen Job zu machen?» Dabei ginge es in ihrem Job vor allem um Organisation: Und dies könnten Frauen schliesslich besser. Aerne nickt überrascht.

Nöthiger spricht die Herausforderungen an, die ihr im Männerumfeld begegnen. Sie erinnert sich an eine Situation, in der ein älterer, männlicher Kunde nach der Arbeitszeit per Whatsapp fragte, ob sie einen Kaffee trinken wollte. Gebe es mehr Frauen in höheren Positionen – auch bei den Kunden – würde sich das Arbeitsklima ändern. Aerne ist überrascht: «Das würde mich rasend machen. Ich dachte, das sei heute nicht mehr so.»


Video – Wenn Fremde über Politik reden

Wie wars? Ein «Schweiz spricht»-Pärchen erzählt. (Video: Aleksandra Hiltmann/Mathias Möller)


«Wie würden Sie morgen zur Frauenquote abstimmen, wenn Sie wüssten, dass man damit jahrzehntelanges Abwarten sparen könnte?», hakt Nöthiger nochmal nach. «Immer noch Nein», antwortet Aerne. Beide schmunzeln.

Mittlerweile duzen sich die Gesprächspartnerinnen. Nöthiger nimmt den letzten Schluck ihres Milchkaffees. Gerne würden sie weiterreden. Ihre Meinungen habe sie durch das Gespräch nicht geändert, sagt Aerne. Den Dialog mit Frau Nöthiger – also Petra – wolle sie aber fortsetzen. Nach dem Gespräch schiessen wir einige Fotos im Park neben dem Café, dann verabschieden wir uns und brechen in verschiedene Richtungen auf – Petra Nöthiger und Doris Aerne gehen gemeinsam wieder in Richtung Café. Das Gespräch wird ohne Beobachtung weitergeführt.

Erstellt: 21.10.2018, 22:09 Uhr

«Die Schweiz spricht»

Streitlustige Pärchen bildeten sich am 21. Oktober im ganzen Land, von der Romandie bis in die Ostschweiz. Insgesamt 697 solche Pärchen hatten sich herausgebildet. Man diskutierte über die Frage «Soll sich die Schweiz stärker der EU annähern?». Oder: «Wird in der Schweiz zu viel Land überbaut?»

Über die Webseiten von Schweizer Medien hatten sich Interessierte im Spätsommer angemeldet, ein Algorithmus hatte die Teilnehmer zu Pärchen verkuppelt. Je weiter voneinander entfernt die Meinungen und je grösser die geografische Nähe, desto wahrscheinlicher der «Match». Die jüngsten angemeldeten Teilnehmer waren 18 Jahre alt, die ältesten 77.

Vorlage war «Deutschland spricht», eine Aktion der «Zeit». Letztes Jahr hatte die Wochenzeitung erstmals die Deutschen dazu eingeladen, mit Andersdenkenden zu diskutieren. (lsch)

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