Und wieder trifft es die «besten Kunden»

GA-Besitzer finanzieren günstigere Einzelbillette. Warum diese Taktik funktioniert.

Die Preise für Einzelfahrten werden auf den 1. Juni gesenkt: Bahnpassagiere am Hauptbahnhof Zürich. Foto: Thomas Egli

Die Preise für Einzelfahrten werden auf den 1. Juni gesenkt: Bahnpassagiere am Hauptbahnhof Zürich. Foto: Thomas Egli

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Wer einer Firma besonders viel Geld einbringt, wird von ihr hofiert, umworben, gepflegt. Gemäss dieser Logik müsste für die Inhaber eines Generalabonnements (GA) eigentlich alles zum Besten stehen. Die Betriebe des öffentlichen Verkehrs (ÖV) erzielen mit ihnen rund 40 Prozent ihres Umsatzes, zwischen 1,4 und 1,5 Milliarden Franken pro Jahr. Doch nun zeigt sich: Die GA-Besitzer sollen schlechtergestellt werden, damit die Bahn- und Busbetriebe attraktivere Angebote für Freizeit- und Gelegenheitsfahrer finanzieren können.

Konkret geht es um den Mehrwertsteuersatz, der neu bei 7,7 statt wie bis anhin 8 Prozent liegt. Die ÖV-Unternehmen sparen dadurch gesamthaft 9 Millionen Franken. Dieser Preisvorteil wird jedoch nicht linear an die Kunden weitergereicht. Vielmehr soll der Sparbetrag ausschliesslich für die Verbilligung von Einzelbilletts verwendet werden, wie der Branchenverband CH-Direct am Montag mittelte. Die neuen Preise gelten ab 1. Juni. Die GA bleiben gemäss jetzigem Stand gleich teuer wie bisher: 3860 Franken für die zweite, 6300 Franken für die erste Klasse. Faktisch haben die GA-Käufer damit einen getarnten Preisaufschlag hinzunehmen – dies entgegen der Verlautbarung von CH-Direct, wonach die Branche auf Preisaufschläge «verzichtet».

«Nach wie vor vorteilhaft»

Die Benachteiligung scheint auf den ersten Blick verschmerzbar. Die Weitergabe des Steuervorteils hätte bei einem GA zweiter Klasse je nach Berechnungsmethode eine Ermässigung von 8 bis 12 Franken ausgemacht, für die erste Klasse einige Franken mehr. Allerdings fügt sich der aktuelle Entscheid der SBB und ihrer Tarifpartner ausgesprochen stimmig in deren langfristige Strategie ein: Die Preise für das GA steigen im Vergleich mit anderen Billetten seit Jahren überproportional. Bei der letzten Preisrunde Ende 2016 zum Beispiel wurde es um 4,2 Prozent verteuert, wohingegen man sich bei den Einzelbilletten mit einem Plus von 2,5 Prozent begnügte. Es setzte öffentliche Kritik ab, und die zuständige SBB-Managerin Jeannine Pilloud gestand ein, es seien «keine guten Nachrichten für unsere besten Kunden».


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Von digitalen Billetten, langen Schalter-Wartezeiten bis zum Gastroangebot: Jeannine Pilloud, Chefin des SBB-Personenverkehrs, im grossen Interview. (Abo+)


Trotzdem werden die «besten Kunden» nun erneut benachteiligt. Der Schritt ist insofern nachvollziehbar, als die Taktik für die ÖV-Betriebe bis­lang aufzugehen scheint: Ungeachtet der Preisentwicklung nutzen laut An­gaben von CH-Direct derzeit rund 480 000 Menschen ein GA, so viele wie noch nie. «GA-Besitzer reisen in der Schweiz nach wie vor sehr vorteilhaft – in der zweiten Klasse für etwas mehr als 10 Franken pro Tag», betont Thomas Ammann, Sprecher von CH-Direct. Wäre das GA linear an der Preissenkung beteiligt worden, «hätte man fast keine Mittel mehr gehabt, um den Normalpreis zu senken». Gleichzeitig wäre die Preissenkung beim GA «in einem Bereich gewesen, den die Kunden kaum wahrgenommen hätten», so Ammann.

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Ob Kunden und Öffentlichkeit diese Sichtweise teilen, wird sich weisen. Beim Verein Pro Bahn Schweiz jedenfalls dringt schon mal Skepsis durch. «Wir haben die neuen ÖV-Preise noch nicht im Detail studieren können», sagt Präsidentin Karin Blätter. «Für uns ist aber klar: Die Mehrwertsteuer ist eine nationale Steuer, und der tiefere Satz soll flächendeckend auf alle Billette angewendet werden.» Dies dürfe man umso mehr erwarten, als der ÖV zum Service public gehöre.

«Völlig widersinnig»

Kritik kommt auch von Daniel Müller-Jentsch, Verkehrsexperte der Denkfabrik Avenir Suisse – freilich aus einem anderen Blickwinkel. Für ihn ist die Ver­billigung der Einzelbillette das eigentliche Problem: «völlig widersinnig», wie er sagt. Die Nutzer des Schienenverkehrs kämen für gerade mal 40 Prozent der Kosten auf, die sie verursachten. Im Strassenverkehr liege diese Quote bei fast 100 Prozent. «Und jetzt nutzt die Bahn nicht einmal die sich ergebenden kleinen Spielräume, um den Eigenfinanzierungsgrad zu verbessern», kritisiert Müller-Jentsch. «Gleichzeitig sind Milliardeninvestitionen in den Ausbau der Kapazitäten geplant.» Die Kluft zwischen Kosten und Einnahmen werde sich dadurch weiter vergrössern.

Nachfrage sinkt

Neueste Zahlen deuten in der Tat härtere Zeiten für den ÖV an. Die SBB verzeichneten 2017 im Personenverkehr eine stagnierende Nachfrage. Und just gestern machte der Informationsdienst für den öffentlichen Verkehr (Litra) publik, dass sich der Trend offenbar akzen­tuiert: Im ersten Quartal 2018 gingen die von Bahnpassagieren gefahrenen Kilometer um 1,6 Prozent gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahrs zurück. Erklärt wird die Entwicklung mit zusätzlichen Wochenenden und Feiertagen: Dadurch seien weniger Pendler unterwegs gewesen.

Fehlen Pendler, wird das für Bahn- und Busbetriebe sogleich spürbar. Viele Pendler nutzen das GA. Noch.

Erstellt: 25.04.2018, 06:26 Uhr

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