Unerträglich moderat

Simonetta Sommaruga und ihre Mitstreiter kämpfen hartnäckig für die Lohngleichstellung. Das ist ehrenvoll – doch es bringt nichts.

Die Bürgerlichen werden die Gleichstellungspläne ohnehin ablehnen: Simonetta Sommaruga in der Wintersession 2017 im Ständerat. Foto: Keystone

Die Bürgerlichen werden die Gleichstellungspläne ohnehin ablehnen: Simonetta Sommaruga in der Wintersession 2017 im Ständerat. Foto: Keystone

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Die beiden Vorlagen von Bundesrätin Simonetta Sommaruga sorgten schon in der Vernehmlassung für einen Aufschrei im bürgerlichen Lager: Massnahmen gegen die Lohndiskriminierung sowie eine sanfte Frauenquote. Wenn sie nun in den nächsten Wochen in die vorberatende Kommission und ins Parlament kommen, wird eine bürgerliche Mehrheit die Vorlagen mit grosser Wahrscheinlichkeit ablehnen.

Und offen gestanden: Das ist in Ordnung. Denn die Massnahmen wären ohnehin unerträglich moderat gewesen. Bei den Löhnen hätten mittlere und grosse Unternehmen alle vier Jahre eine Analyse machen müssen, die extern begutachtet worden wäre. Ursprünglich hätten die fehlbaren Unternehmen auf eine Pranger-Liste gesetzt werden sollen, doch darauf verzichtet das Departement nach Kritik in der Vernehmlassung.

Die Quote soll «Richtwert» heissen, um die Kritiker zu besänftigen und sie nicht mit dem Unwort abzuschrecken.

Ebenso scheu kommt die Quote daher: Sie soll «Richtwert» heissen, um die Kritiker zu besänftigen und sie nicht mit dem Unwort abzuschrecken. Der Geschlechter-«Richtwert» soll also besagen, dass in Verwaltungsräten von börsenkotierten Firmen 30 Prozent Frauen sitzen müssen und in Geschäftsleitungen 20 Prozent. Erreichen die Firmen den Richtwert nicht, passiert – gar nichts. Den Hauch einer Chance hat diese Gesetzesänderung nur, weil die kreative Nationalrätin Christa Markwalder (FDP) die Idee hatte, den gesetzlichen Richtwert auf zehn Jahre zu beschränken.

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Politikerinnen wie Simonetta Sommaruga und Christa Markwalder gebührt Anerkennung, weil sie sich um Gleichstellung bemühen. Auch dem BDP-Ständerat Werner Luginbühl gebührt sie für das ehrliche Argumentesuchen: Einerseits sei bei diesem Thema bisher kein Fortschritt erreicht worden, sagt er; anderseits erreiche auch die öffentliche Hand die Lohngleichheit nicht, also sei es unfair, dies von privaten Firmen zu verlangen.

Was für ein lustiges Argument. Es ist ein Armutszeugnis, dass nicht einmal die Verwaltung Lohngleichheit erreicht, und ein Grund mehr, sie per sofort und radikal zu verordnen. Wie Island das mit Erfolg macht, das Land, das den globalen Gender-Gap-Index anführt.

Es ist ein Armutszeugnis, dass nicht einmal die Verwaltung Lohngleichheit erreicht, und ein Grund mehr, sie per sofort und radikal zu verordnen.

Trotz aller Bemühungen: Wenn das Parlament um Gesetzesänderungen ringt, die den Frauen im besten Fall ein Fünftel der Plätze in Geschäftsleitungen zugestehen, aber auch nur dann, wenn die Firmen Lust dazu haben, muss man sagen: Nein danke, dann lieber gar nichts. Gleichstellungsmassnahmen, die diesen Namen verdient haben, wären 50-Prozent-Quoten für alle Gremien, gern auch weitere Diversitätsvorgaben etwa für Secondos, Alte, Junge et cetera. Je gemischter die Teams, desto besser arbeiten sie, desto repräsentativer sind sie.

Dasselbe bei den Löhnen: Wozu die Analysen, eine bürokratische Riesenübung? Als Folge davon sind eine Handvoll Firmen zur Erkenntnis gelangt, dass sie den weiblichen Angestellten gleiche Löhne zahlen könnten wie den männlichen. Das ist zu viel Aufwand für zu wenig Ertrag, es ist der Mühe nicht wert. Ein geradezu lächerlich kleiner Schritt, der Satirepotenzial aufweist angesichts der immensen Arbeit, die Verwaltung und Parlament dafür auf sich nehmen.

Verständlich, dass die SP ihrer Bundesrätin nicht in den Rücken fallen will und deshalb die Vorschläge unterstützt. Ehrlicherweise müsste sie zugeben, dass sie eine Farce sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2018, 10:25 Uhr

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