Wegen Hausarzt- und HMO-Modell: Prämien steigen stärker

Die Krankenkassenprämien steigen durchschnittlich 4 Prozent, sagt das Bundesamt für Gesundheit. Doch das stimmt so nicht ganz.

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Seit Einführung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) vor 20 Jahren gehört es zum Herbstritual, dass der Gesundheitsminister die nächstjährige Prämienerhöhung ankündigt. 2016 wird die Standardversicherung für Erwachsene durchschnittlich 4,0 Prozent teurer, jene für Kinder 3,9 und jene für junge Erwachsene 3,6 Prozent. Dieser gesamtschweizerische Schnitt sagt jedoch wenig aus über den Aufschlag für den Einzelnen. Denn mittlerweile sind rund 60 Prozent der Versicherten einem Modell mit eingeschränkter Arztwahl wie dem Hausarzt-, HMO- oder Telmed-Modell angeschlossen. Diese Modelle schlagen wie schon in den letzten zwei Prämienrunden deutlich stärker auf. Der effektive Prämienaufschlag betrage deshalb im Schnitt 5,4 Prozent und nicht 4,0 Prozent, sagt Felix Schneuwly, ­Krankenversicherungsexperte von Comparis. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stütze sich bei seiner Berechnung zu stark auf das Standardmodell mit freier Arztwahl, kritisiert Schneuwly.

Die grössten Kosten im Gesundheitswesen verursachen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Krebs: Herzoperation im Zürcher Stadtspital Triemli. Foto: Doris Fanconi

Dass auch dieses Jahr HMO- und Hausarztmodelle überdurchschnittlich aufschlagen, findet Schneuwly unfair. Zwar seien die Rabatte bisher ein Mittel der Kassen gewesen, um junge und gesunde Versicherte (gute Risiken) anzulocken. Aber im Gegenzug müssten solche Kassen hohe Beiträge in den Risikoausgleich unter den Kassen zahlen. Indem das BAG zusätzlich zu diesen Risikozahlungen auch noch die Prämien für Hausarzt- und HMO-Modelle massiv erhöhe, würden diese Versicherten doppelt bestraft, findet Schneuwly. Das BAG begründet seine Praxis damit, dass der Rabatt der prozentualen Kosteneinsparung gegenüber der Standardversicherung mit freier Arztwahl entsprechen müsse.

Viel Geld für ambulante Medizin

Hart trifft es 2016 auch die Versicherten einzelner Kantone. Laut BAG steigen die Prämien im Kanton Neuenburg mit 8,2 Prozent am stärksten (siehe Artikel links). Die beiden einwohnerstärksten Kantone Zürich (+3,6) und Bern (+2,8) liegen unter dem gesamtschweizerischen Schnitt. Am tiefsten ist der ­Anstieg in Appenzell Innerrhoden mit 2,2 Prozent.

Gesundheitsminister Alain Berset begründete gestern die Prämiensteigerung, die gleich hoch wie 2015 ausfällt, mit dem medizinischen Fortschritt und der Alterung der Bevölkerung. Am stärksten stiegen die Kosten in den letzten Jahren im ambulanten Spitalbereich: laut dem Kassenverband Santésuisse von 2010 bis 2014 um 23 Prozent. Um 15 Prozent stiegen die Behandlungskosten der Arztpraxen. Für die Zunahme in den Spitalambulatorien gibt es mehrere Gründe. Einerseits werden dank des medizinischen Fortschritts immer mehr Eingriffe ambulant durchgeführt, darunter sehr teure Behandlungen wie Chemotherapien. «Dies ist eine erwünschte Entwicklung», sagte Berset. CVP-Nationalrätin Ruth Humbel wirft den Spitälern aber vor, dass sie etwa Röntgenuntersuchungen in den ambulanten Bereich auslagern, um sie separat und damit voll über die Kassen abzurechnen. Würden die Röntgenbilder im stationären Bereich durchgeführt, wären sie in einer Fallpauschale enthalten, die sich Kassen und der Kanton teilen.

Ein weiteres Problem sehen Gesundheitsexperten im Tarifsystem für den ambulanten Bereich. Mit dem Arzttarif Tarmed werden einzelne Leistungen verrechnet, darunter auch die Kosten für das Aktenstudium in Abwesenheit des Patienten. Laut Santésuisse haben die Kosten fürs Aktenstudium von 2010 bis 2014 um 85 Prozent zugenommen. Die Gründe für diese Mengenausweitung sind noch nicht eruiert. Klar ist aber, dass ein Tarifwerk mit fast 5000 Leistungspositionen die Kostenkontrolle erschwert. Laut BAG-Direktor Pascal Strupler könnte ein anderes Abrechnungssystem längerfristig zum Thema werden. Vorerst verhandeln aber die Ärzte und die Krankenkassen über eine Total­revision des Tarmed. Diese Revision darf laut Berset keine Zusatzkosten verursachen. Wenn ein Tarifwerk einmal angewendet werde, sei die Entwicklung nur schwer zu steuern, räumte der Bundesrat ein.

«Hohe Qualität kostet»

Berset verwies auf laufende Projekte, um den Kostenanstieg zu dämpfen. Ein Mittel sei die Zulassungssteuerung für Spezialärzte. Ob die Kantone diese befristete Massnahme künftig dauerhaft anwenden können, berät das Parlament zurzeit. Da der grösste Teil der Kosten durch Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes verursacht würden, müsse zudem die Prävention dieser Krankheiten verstärkt werden. Als Erfolg wertete Berset die 2012 eingeleiteten Preissenkungen bei den Medikamenten. Diese Massnahme zeige aber auch, dass sich der Effekt erst nach einigen Jahren einstelle. Deshalb brauche es Geduld. Und: Das Schweizervolk wolle ein qualitativ hochstehendes Gesundheitssystem. «Und ein solches System kostet», sagte Berset.

Erstellt: 24.09.2015, 22:51 Uhr

Kassenwechsel

Vergleichen lohnt sich

Bis Ende Oktober müssen die Krankenkassen ihren Versicherten die persönliche Prämie für 2016 mitteilen. Sind Sie nicht einverstanden, können Sie bis Ende November die Grundversicherung kündigen oder ein anderes Modell wählen. Dabei gibt es Sparmöglichkeiten: Von einem höheren Rabatt profitieren Sie, wenn Sie eine höhere Franchise wählen oder auf die freie Arztwahl verzichten und ein Hausarzt- oder HMO-Modell wählen. Das Bundesamt für Gesundheit bietet einen Prämienrechner an, mit dem die Prämien der Grundversicherung pro Region und Altersgruppe verglichen werden können. Findet man ein passendes Angebot, kann man eine Offerte anfordern. Die Kassen sind nur in der Grundversicherung verpflichtet, neue Versicherte vorbehaltlos und ohne Wartefrist aufzunehmen. (TA)
Der Prämienrechner des Bundes: www.priminfo.ch

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