Unheilige Allianz bedroht BDP-Präsident Martin Landolt

Politiker von SVP und FDP unterstützen im Kampf um den Glarner Nationalratssitz den SP-Kandidaten Marti.

Unerwartete Konkurrenz: Die Kanidatur von Jacques Marti bringt Landolt in eine ungemütliche Lage. Foto: Steffen Schmid

Unerwartete Konkurrenz: Die Kanidatur von Jacques Marti bringt Landolt in eine ungemütliche Lage. Foto: Steffen Schmid

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Lange Zeit hat es nach einer Wiederwahl im Schlafwagen ausgesehen. Doch nun droht Martin Landolt am 18. Oktober ein böses Erwachen. In letzter Minute ist dem Präsidenten der BDP Schweiz Konkurrenz um den einzigen Glarner Sitz im Nationalrat erwachsen: von Jacques Marti (SP), dem Sohn des ehemaligen Nationalrats und Preisüberwachers Werner Marti. Der 32-jährige Rechtsanwalt politisiert seit 2012 im Kantonsparlament, wo er der SP-Fraktion vorsteht. In der Armee dient er als Major. Marti gilt als emsig, intelligent und zielstrebig.

Vor zwei Wochen hat die Glarner SP Marti einstimmig nominiert. Allein dies würde Landolt wohl kaum ernstlich beunruhigen. Doch pikanterweise geniesst sein linker Gegenspieler im konservativen Bergkanton die Unterstützung namhafter Bürgerlicher, zum Beispiel der beiden Alt-Regierungsräte Kaspar Rhyner (FDP) und Christoph Stüssi (SVP). Letzterer stört sich daran, dass Landolt im letzten Jahr bei der SVP eine «nationalsozialistische Rhetorik» ausgemacht hat. Andere SVPler haben noch nicht überwunden, dass sich nach der Abwahl Christoph Blochers aus dem Bundesrat ein Teil ihrer Partei abgespalten und die BDP gegründet hat. Rhyner und Stüssi stehen an der Spitze eines bürgerlichen Komitees, das in Inseraten für die Wahl des SP-Politikers wirbt. Zwar unterstützen die Glarner FDP und SVP Marti nicht offiziell; doch die SVP hat Stimmfreigabe beschlossen, und die FDP hat sich noch nicht zu einer Parole durchringen können – ein weiteres Indiz für das gestörte Verhältnis zum BDP-Präsidenten. Nebst der BDP hält somit nur die CVP zu Landolt. Politische Beobachter in Glarus sehen daher Landolts Sitz wackeln.

«Taktischer Fehler»

Eine Nichtwiederwahl Landolts wäre für die BDP ein schwerer Schlag. Der Partei werden bei den eidgenössischen Wahlen in zwei Wochen ohnehin schon Verluste prognostiziert. Für die Bundesratswahlen im Dezember könnte dies Konsequenzen haben: Ob Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf nochmals antritt, ist offen – und dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wie sich ihre Partei am 18. Oktober schlägt. Zöge sich die BDP-Bundesrätin zurück, käme dies der SVP zupass, aspiriert sie doch auf einen zweiten Sitz im Bundesrat. Mit Martis Kandidatur eröffnet sich ihr somit die Chance, den ungeliebten BDP-Präsidenten aus dem Nationalrat zu verbannen und so die BDP zu schwächen.

Dass die SVP auf den Sturz Landolts hinarbeitet, zeigen Äusserungen von Toni Brunner. Der Präsident der SVP Schweiz mischt sich in den Glarner Wahlkampf ein. Via «Basler Zeitung» liess er unlängst verlauten: «Unter diesen Umständen, wie sie im Kanton Glarus herrschen, würde ich das erste Mal in meinem Leben einem Sozialdemokraten meine Stimme geben.» Bereits ist in Glarus die Rede von einem Pakt zwischen der SVP und SP – was jedoch beide Kantonalparteien bestreiten.

Der Zwist wirft Wellen bis ins Bundeshaus. Von Tagesanzeiger.ch/Newsnet befragte BDP-Politiker zeigen sich verärgert über den Gang der Dinge: «Dass der Präsident der SVP faktisch zur Wahl eines SP-Politikers aufruft, ist jenseits von Gut und Böse», sagt BDP-Vizepräsident und Nationalrat Lorenz Hess. Der SP hält er vor, einen «taktischen Fehler» zu begehen. Hess warnt vor einer Schwächung der politischen Mitte – jener Mitte, dank der die SP in den letzten vier Jahren wiederholt Siege feiern konnte, etwa bei der Energiestrategie 2050 oder im Kampf um einen sauberen Finanzplatz. Auch BDP-Nationalrat Bernhard Guhl hält es für «sehr ungeschickt», seine Partei ­«matchentscheidend schwächen» zu wollen. Zwar sei jeder Sitz wichtig, doch werde der Parteipräsident abgewählt, so habe dies «eine ganz andere Strahlkraft». BDP-Ständerat Werner Luginbühl findet es ebenfalls «schade, dass die SP das Risiko eingeht, uns zu schwächen».

SP: Kein «Artenschutz» für BDP

Luginbühl vermutet, die SP habe die möglichen Folgen ihres Angriffs nicht zu Ende gedacht. In der Tat gibt es in der SP Bedenkenträger; keiner von ihnen will sich jedoch zitieren lassen. Offiziell tönt es in der SP so: «Wir sind nicht dazu da, die BDP unter Artenschutz zu stellen», sagt Fabian Molina, Juso-Präsident und einer von fünf Vizepräsidenten der SP. Martis Kandidatur begrüsst er. Als falsch bezeichnet Molina die These, wonach eine Abwahl Landolts die Position von Eveline Widmer-Schlumpf gefährden würde. Die SP habe Widmer-Schlumpf ihren Support zugesichert, sollte die BDP-Bundesrätin zur Wiederwahl antreten, stellt Molina klar. «Auch Herr Marti würde Frau Widmer-Schlumpf wiederwählen.» Marti selber war wie Landolt für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi findet, die BDP müsse «ihren Weg selber machen». Die SP habe sich zum Ziel gesetzt, in möglichst allen Kantonen anzutreten. Dass dies mit Marti auch in Glarus glücke, sei deshalb erfreulich, dies umso mehr, als Marti keine Alibikandidatur sei.



Erstellt: 02.10.2015, 19:27 Uhr

Jacques Marti.

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