Uni-Rektor: Mehr Ärzte gibt es nicht umsonst

Der Bund unterstützt die Ärzteausbildung. Doch wenn nicht auch die Kantone mehr zahlen, werden die Universitäten andernorts sparen müssen, sagt Michael Hengartner.

Zurzeit schliessen rund 900 Personen pro Jahr die Ärzteausbildung in der Schweiz ab: Medizinstudenten in einer Bibliothek.

Zurzeit schliessen rund 900 Personen pro Jahr die Ärzteausbildung in der Schweiz ab: Medizinstudenten in einer Bibliothek. Bild: Axel Heimken/AP

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Herr Hengartner, der Bundesrat stellt 100 Millionen Franken zur Verfügung, um mehr Ärzte auszubilden. Wie rasch können Sie die Zahl der Studienplätze erhöhen?
Genügend Studienplätze bereitzustellen, ist nicht einfach, sonst hätten es die Universitäten schon lange getan. Es ist ja nicht erst seit gestern bekannt, dass wir zu wenige Ärzte ausbilden. Die Zahl der Studienplätze wurde aber bereits erhöht, und bei der Rektorenkonferenz gehen wir davon aus, das Ziel von schweizweit 1200 bis 1300 Masterabschlüssen bis 2025 zu erreichen.

Was macht den Ausbau schwierig?
Zunächst bedeutet ein Ausbau höhere Ausgaben. An zwei Orten ist es aber nicht nur eine Frage der Finanzen: erstens bei den Praktika in der vorklinischen Ausbildung. So wird in der Anatomie heute oft noch an Leichen gearbeitet, und wir können nicht zwanzig Studierende um eine Leiche platzieren. Hier braucht es entweder zusätzliche Unterrichtsflächen oder dann kreative Lösungen wie Unterricht am Samstag oder im Sommer. Zweitens besteht ein Engpass bei der klinischen Ausbildung. Bei den Spitalausbildungsplätzen ist ein Ausbau noch schwieriger. Die Kapazitäten der bestehenden Partnerspitäler sind meist bereits ausgeschöpft. Da bleibt nur noch die Gewinnung neuer Partner.

Wie viele zusätzliche Studienplätze kann die Universität Zürich beisteuern?
Wir haben noch keinen konkreten Antrag an den Universitätsrat gestellt. Realistisch sind mehrere Dutzend neue Plätze, nicht Hunderte.

Wenn Sie an der Universität Zürich neue Studienplätze einrichten, müssen Sie dann anderswo sparen?
Wer meint, dass die Medizinausbildung «selbsttragend» finanziert werden kann, irrt sich gewaltig. Sollte der Kanton seinen Grundbeitrag nicht erhöhen, müssten also in der Tat Finanzen innerhalb der Universität zugunsten der Medizinausbildung umgeschichtet werden.

Mit den nun vom Bund gesprochenen Geldern lässt sich entweder die Kapazität bestehender Medizinstudiengänge erhöhen – oder dann werden neue Kapazitäten geschaffen. Wer sollte die Gelder Ihrer Meinung nach erhalten?
Das Ziel muss es sein, jene zu unterstützen, die am meisten neue Plätze schaffen können. Theoretisch könnte man annehmen, dass die Erweiterung bestehender Kapazitäten günstiger ist als die Schaffung eines neuen Studiengangs. Im Einzelfall kommt es aber darauf an, wie ein Studiengang konzipiert ist, welche Spezialisierungen angeboten werden und wo die kritische Masse an Studenten liegt. Und man muss sich im Klaren sein, dass die einmalige Zahlung keine langfristige Finanzierung ermöglicht. Diese müssen die jeweiligen Träger der Hochschulen sicherstellen.

Was können die 100 Millionen Franken vom Bund überhaupt bewirken, da die definitive Finanzierung sowieso bei den Kantonen liegt?
Die 100 Millionen Franken sind ein Anreiz. Insbesondere dafür, bereits heute neue Studienplätze zu schaffen und damit nicht bis 2020 zu warten, bis sich die finanzielle Situation der Kantone möglicherweise wieder gebessert hat.

Droht ein Verteilkampf zwischen den Universitäten?
Nein. Wir werden zunächst sammeln, welche Universität wie viele Plätze zu schaffen beabsichtigt. Danach wird zu definieren sein, wie viele Plätze wo zu schaffen sind.

Die Universität der italienischen Schweiz bietet ab 2019 einen Masterstudiengang in Medizin an, die ETH plant einen Bachelorstudiengang in Medizin. Hilft dies, den Ärztemangel zu beheben?
Entscheidend ist, ob die neuen Programme Plätze für Studenten schaffen, die sonst nicht Medizin studieren können. Ohne Erhöhung der Studienplätze auf Bachelorstufe würde das Masterprogramm im Tessin keinen zusätzlichen Zugang zum Medizinstudium eröffnen, sondern lediglich zu einer Verschiebung von Masterstudenten ins Tessin führen. Für das Tessin ist das Programm aber wichtig, denn es soll einen Beitrag leisten, um den dortigen Ärztemangel zu entschärfen. Man nimmt an, dass wer im Tessin studiert hat, dort eher Wurzeln fassen wird. Auch ein alleinstehendes Bachelorprogramm an der ETH ohne Anschlussmöglichkeiten auf Masterstufe wäre nicht hilfreich. Solche Entwicklungen müssen also aufeinander abgestimmt sein. Eine wichtige Aufgabe der Rektorenkonferenz wird sein, sicherzustellen, dass die Zahl der Studienplätze auf Bachelor- und Masterstufe schweizweit koordiniert erhöht wird.

Der ehemalige Rektor der Universität Basel, Antonio Loprieno, hat in einem Bericht an den Bundesrat vorgeschlagen, die Medizinausbildung auf die Masterstufe zu konzentrieren, und dazu auch Bachelorabsolventen anderer naturwissenschaftlicher Studiengänge zuzulassen. Ist ein solcher Umbau der Medizinausbildung eine Lösung im Kampf gegen den Ärztemangel?
Die Idee ist interessant. In den USA ist das Medizinstudium eine Graduiertenausbildung. Es können also auch Personen Medizin studieren, die einen Bachelorabschluss in einem ganz anderen Fach aufweisen, zum Beispiel Absolventen eines Ingenieurstudiengangs. Dies ergibt eine reichere Zusammensetzung der Ärzteschaft, was wertvoll sein kann. Die Umstellung würde aber einen grundlegenden Systemwechsel bedingen, dem eine längere Diskussion vorausgehen müsste. Ein akuter Ärztemangel lässt sich damit nicht beheben. In kleinerem Rahmen ist die Idee aber bereits aufgenommen worden. In der Romandie können Bachelorabsolventen eine Passerelle-Ausbildung absolvieren, und danach ins medizinische Masterstudium einsteigen. Die Lösung bewährt sich, ist jedoch nicht beliebig ausdehnbar, denn die Passerelle muss auf die Studenten individuell abgestimmt werden.

Eine grosse Sorge im Gesundheitswesen gilt dem Mangel an Hausärzten. Wie lässt sich verhindern, dass die zusätzlich ausgebildeten Ärzte die Hausarztmedizin links liegen lassen?
Das lässt sich nicht verhindern. Darauf weisen wir die politischen Behörden immer wieder hin. Mehr Ärzte kann auch nur mehr Radiologen oder Urologen in Zürich oder Genf bedeuten. Die Bildung kann hier nur einen kleinen Beitrag leisten. So erachten wir es als wichtig, dass die angehenden Ärzte den Hausarztberuf während des Studiums in der Praxis kennen lernen. Eine Spezialisierung zu erzwingen, ist jedoch unmöglich. Entscheidend sind auch etwa die Anreize, die das Vergütungssystem setzt. Möglich wäre vielleicht die Schaffung eines neuen Berufes ähnlich des Nurse Practitioner in den USA, der einfachere Konsultationen selber erledigt und nur schwierigere Fälle an den Arzt verweist. Doch auch dies bedingte eine längere Diskussion.

Andere Studiengänge kommen ohne Numerus clausus aus. Ist es denkbar, dass die Universitäten bei der Medizin je wieder davon abkommen?
Eine Erhöhung der Studienplätze liesse sich dadurch jedenfalls nicht bewirken. Genf und Lausanne kennen keinen Numerus clausus beim Medizinstudium. Doch da die Plätze in der klinischen Ausbildung genauso beschränkt sind, muss die Hälfte der Studierenden den Studiengang nach der Präklinik wieder verlassen. Ein solches System wäre theoretisch in der Deutschschweiz auch möglich. Die Frage ist, ob es besser wäre. Der Vorteil einer guten Vorselektion ist die hohe Abschlussquote. In Zürich beträgt diese 90 Prozent. Und es kommt billiger, wenn man nicht doppelt so vielen Studenten zwei Jahre lang eine teure Ausbildung bezahlen muss. Man könnte aber erwidern, dass die Westschweizer Lösung vielleicht fairer ist. Hier gilt es, eine Güterabwägung vorzunehmen. Es ist eine Diskussion, die geführt werden kann. In Stein gemeisselt ist die jetzige Lösung nicht.

Erstellt: 04.02.2016, 21:22 Uhr

Michael Hengartner ist Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz (Swiss Universities) und Rektor der Universität Zürich. (Bild: Keystone )

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