«Unkorrekt verhalten» und entlassen

Asylsuchende würden bei Befragungen in den Empfangszentren eingeschüchtert und beschimpft, berichteten Dolmetscher. Jetzt zeigt sich: Ein Befrager verlor deswegen seinen Job.

Asylsuchende sitzen im Innenhof des Bundesasylzentrums Perreux im neuenburgischen Boudry beisammen. Foto: Thomas Egli

Asylsuchende sitzen im Innenhof des Bundesasylzentrums Perreux im neuenburgischen Boudry beisammen. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Du bist dumm» oder «Ich habe die Schnauze voll» seien Sprüche aus dem Mund von Mitarbeitern des Staatssekretariats für Migration (SEM). Zu hören bekämen sie Asylsuchende bei Erstbefragungen in den Empfangszentren, berichtete kürzlich Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Vorwürfe geäussert hatten Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die bei diesen sogenannten Befragungen zur Person als einzige Drittpersonen anwesend sind. Sie sprachen unter der Voraussetzung mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass sie anonym bleiben; zu gross ist die Angst um ihren Job. Auch den Hilfswerken und Rechtsvertretern sind die Probleme zu Ohren gekommen. Zu denken geben ihnen nicht nur die Beleidigungen und Beschimpfungen, die gerade für traumatisierte Flüchtlinge schwierig zu ertragen seien. Sondern insbesondere das Wissen um die Wichtigkeit der Erstbefragung.

Das SEM führt nach eigenen Angaben keine Statistik über Anzahl oder Art der Beschwerden oder Reklamation gegen Befrager. Ob es schon zu Rügen oder gar Entlassungen gekommen sei, beantwortete das SEM auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor der Publikation des Artikels nicht. Generell gelte: «Wenn ein nicht professionelles Verhalten oder eine unangemessene Haltung festgestellt wird, können disziplinarische Massnahmen ergriffen werden», sagte Sprecherin Léa Wertheimer. Diese könnten bis zu einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses gehen.

Klagen eingegangen

Jetzt zeigt sich: Das SEM hat tatsächlich einen Befrager wegen unkorrekten Verhaltens entlassen. Auch in einem zweiten Fall musste ein Mitarbeiter zurechtgewiesen werden, erst dann besserte sich sein Verhalten. Doch das erfuhr Tagesanzeiger.ch/Newsnet trotz konkreter Nachfrage nicht. Erst drei Wochen später, in der Fragestunde des Nationalrats Anfang Juni, sagte Justizministerin Simonetta Sommaruga, in den 12 Monaten vor Erscheinen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Artikels seien 31'000 Befragungen zur Person durchgeführt worden. Im gleichen Zeitraum seien in Bezug auf sieben solcher Befragungen Klagen eingegangen. Die Beanstandungen beträfen 2 von 93 Mitarbeitern. «In einem Fall wurde das Arbeitsverhältnis aufgelöst», so Sommaruga. «Im anderen Fall verbesserte sich das Verhalten des Mitarbeitenden nach einem Gespräch mit dem direkten Vorgesetzten, und seither gab es keine Beanstandungen mehr.»

Wieso erfährt Tagesanzeiger.ch/Newsnet und mit ihm die Öffentlichkeit erst durch die öffentliche Aussage der Justizministerin von der Entlassung eines Befragers? Sprecherin Wertheimer sagt: «Als Sie eine Antwort von uns verlangt haben, hatten wir noch keinen detaillierten Überblick, da dieser nicht standardmässig erstellt wird.» Erst in den Tagen nach der Publikation habe man «eine Zusammenstellung fertigstellen» können. Das SEM sei dezentral organisiert, was bedeute, dass man bei Anfragen «in allen Zentren alle Dossiers und Personaldossiers anschauen» müsse. Man bitte um «Verständnis, wenn innert der jeweils eher kurzen Fristen nicht alle Fakten eruiert werden können». Zwischen der Anfrage des TA und der Antwort des SEM vergingen sieben Tage.

Keine Angaben zu den Vorkommnissen

Am Tag der Publikation ging es dann plötzlich schnell – und gründlich: Wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus gut informierten Quellen innerhalb des SEM weiss, fand noch am gleichen Nachmittag ein Rapport der Abteilung Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) statt. Alle EVZ-Leiter bekamen den Auftrag, dem Abteilungsleiter innert eines Tages «die Anzahl Hinweise und Beschwerden im Sinne des Artikels in den letzten 6 Monaten» zu melden. Ebenso, ob Hinweise zum konkreten Vorwurf vorhanden seien und wie damit umgegangen worden sei. Wieso wurde all das nicht bereits auf die Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bekannt gegeben? SEM-Sprecherin Wertheimer sagt dazu: «Diese Zusammenstellung lag zu diesem Zeitpunkt nicht vor. Wir haben nichts absichtlich verschwiegen.»

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes macht das SEM keine Angaben zum Arbeitsort des entlassenen Befragers sowie den Vorkommnissen, die zu seiner Kündigung führten. Er habe sich «unkorrekt verhalten», heisst es einzig. Das Gleiche gilt für den Mitarbeiter, der von seinem Vorgesetzten zurechtgewiesen werden musste. In der Fragestunde gab Simonetta Sommaruga im Weiteren bekannt, in einem EVZ hätten zwei Dolmetscher vorgebracht, dass «in der grossen Belastungsphase des vergangenen Herbstes ein bis zwei Befrager nicht immer ein korrektes Befragungsklima geschaffen hätten». Doch da die Dolmetscher nicht bereit gewesen seien, konkrete Einzelfälle und Namen zu nennen, habe man diesen Vorwürfen bisher nicht weiter nachgehen können.

Das betont auch Wertheimer: «Jeder Asylsuchende wird bei seinem Eintritt ins Asylverfahren informiert, an wen er sich für Beschwerden wenden kann. Auch Dolmetschende und Mitarbeiter des SEM kennen die Kanäle. Anonymen Vorwürfen kann das SEM nicht nachgehen.» Seit den Äusserungen Sommarugas in der Fragestunde sind gemäss der SEM-Sprecherin keine weiteren Klagen in Bezug auf Befragungen eingegangen. Weitere Entlassungen, Rügen oder Ermahnungen habe es nicht gegeben, so Wertheimer.

Erstellt: 29.07.2016, 22:53 Uhr

Artikel zum Thema

«Du bist dumm!»

Asylsuchende werden bei Befragungen eingeschüchtert, angeschrien und beschimpft. Das sagen Dolmetscher, Hilfswerke und Rechtsvertreter. Mehr...

Alt-Bundesrichter untersucht Vorwürfe gegen Asylzentrum

Um die Missstände in der Asylunterkunft Kreuzlingen zu untersuchen, beauftragte das Staatssekretariat für Migration Michel Féraud. Mehr...

Asylzentrum Kreuzlingen kommt unter Beobachtung

Vorwürfe eines Undercover-Journalisten wurden bestätigt. Bundesbehörden haben eine Untersuchung eingeleitet. Das Video. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!

Never Mind the Markets Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Wettbewerb

Wie du spielend Geld sparen kannst

Energy Hero ist das kostenlose Online-Spiel, mit dem du mit etwas Fingerfertigkeit Preise im Wert von insgesamt 30 000 Franken gewinnen kannst.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...