«Unmenschliches Verhalten» – Wörterbuch sorgt für Justiz-Posse

Weil sie an der ETH eine Prüfungsaufgabe nicht verstand, wehrte sich eine Studentin gegen die Hochschule. Jetzt hat das Bundesverwaltungsgericht gegen sie entschieden.

Die 25-jährige Katia Pini wurde nach viereinhalb Jahren Studium von der ETH ausgeschlossen Foto: Claudio Bader

Die 25-jährige Katia Pini wurde nach viereinhalb Jahren Studium von der ETH ausgeschlossen Foto: Claudio Bader

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Wenn es darum geht, ihr Prüfungsreglement durchzusetzen, kennt die ETH Zürich keine Gnade. Das musste die Tessinerin Katia Pini jetzt erfahren.

Am Ursprung des Rechtsstreits zwischen der früheren Biologie-Studentin und der Hochschule steht die Prüfung «Physikalische Chemie II» im Januar 2018. Prüfungssprache war Deutsch. An der Prüfung erlaubt waren vier Seiten Notizen und ein Taschenrechner. Auf dem Deckblatt stand der Hinweis: «Alle Hilfsmittel, die nicht explizit erlaubt sind, sind verboten!» Für Pini war deshalb klar, dass sie kein Deutsch-Italienisch-Wörterbuch verwenden durfte.

Die erste Instanz gab der Beschwerdeführerin recht

Sie verstand einige Aufgaben nicht und erhielt eine ungenügende Note. Um das Studium fortführen zu können, hätte sie den Test bestehen müssen. Einen Monat später schloss sie die ETH vom Bachelor-Studiengang aus.

Die 25-Jährige rekurrierte gegen den Entscheid bei der ETH-Beschwerdekommission: Sie sei von der Hochschule diskriminiert worden, da sie ihr Deutsch-Italienisch-Wörterbuch nicht verwenden ­durfte. Bei Prüfungen in englischer Sprache seien Wörterbücher hingegen immer erlaubt gewesen, machte sie geltend.

Pini erhielt in erster Instanz recht. In ihrem Urteil verweist die Beschwerdekommission auf das Gebot der Rechtsgleichheit in der Bundesverfassung: «Das Verbot, anlässlich der Prüfung Physikalische Chemie II ein Wörterbuch zu verwenden, stellt eine Verletzung von Bundesrecht dar». Dass Pini sich nicht vorgängig beschwert habe, könne ihr nicht zum ­Vorwurf gemacht werden. Zum einen gehe es nicht an, dass fremdsprachige Studenten überhaupt nachfragen müssen, ob Wörterbücher erlaubt seien. Zum anderen sei die Liste der erlaubten Hilfsmittel abschliessend gewesen. Pini müsse die Prüfung wiederholen können.

Die Tessinerin steht jetzt ohne Abschluss da

Die ETH-Leitung akzeptierte den Entscheid der Beschwerdekommission nicht. Die ­Hochschule zog das Urteil vor das Bundesverwaltungsgericht – und erhielt recht. Pini habe sich zu spät gewehrt. Nachträglich gab der für die Prüfung zuständige Professor an, er hätte ein Wörterbuch erlaubt, wenn Pini danach gefragt hätte. Eine Diskriminierung liege deshalb nicht vor. Pini widerspricht dem. Als sie bei einer früheren Prüfung ihr ­Wörterbuch mitnahm, sei ihr die Benutzung verboten worden. Auch habe einmal ein Kollege vorgängig angefragt, ob er ein Nachschlagewerk an einen Test mitnehmen ­dürfe. Er erhielt nie eine Antwort. Umgekehrt seien Wörterbücher bei englischsprachigen Prüfungen immer erlaubt gewesen – sogar wenn diese nicht explizit auf der Liste der erlaubten Hilfsmittel aufgeführt gewesen ­seien.

Die ETH wollte sich nicht konkret äussern, da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Grundsätzlich liege es aber in der Kompetenz der Professoren zu entscheiden, welche Hilfsmittel an Prüfungen zugelassen seien. Dies gelte unabhängig von der Prüfungssprache.

Die Tessinerin kann nicht verstehen, wieso die ETH den erst­instanzlichen Entscheid überhaupt weitergezogen hat, und spricht von einem «unmenschlichen ­Verhalten» der Hochschule. Nachdem sie viereinhalb Jahre studiert hatte, musste sie weitere anderthalb Jahre auf den Entscheid warten – und steht jetzt ohne Abschluss da. Pini überlegt sich, in Italien zu studieren: Wie viele ETH-Vorlesungen sie anrechnen kann, ist noch unklar. Pini: «Ich werde für den Bachelor nochmals ein bis zwei Jahre studieren müssen. Und das alles für einen Abschluss, den ich schon haben müsste.»



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Erstellt: 28.07.2019, 17:26 Uhr

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