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Projers unnötige Selbstinszenierung

Der «Arena»-Moderator wird im Netz mit dem Tod bedroht. Seine Reaktion schadet jedoch vor allem ihm selbst.

MeinungGregor Poletti
Die besten Szenen aus der Abstimmungs-«Arena» zu No Billag vom Freitagabend. (Video: Tamedia/SRF)

Hasskommentare in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Co. gehören heute zum Alltag. Aber ist das Phänomen wirklich neu? Nein.

Neu sind nur der Kanal, den aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger wählen, und die öffentliche Sichtbarkeit dieser Unmutsäusserungen. Früher machte man die Faust im Sack oder liess am Stammtisch Dampf ab. Unflätigkeiten und undifferenzierte Meinungsäusserungen gehören zur Bewältigungsstrategie vieler, wenn sie sich mit einem realen oder subjektiv empfundenen Missstand konfrontiert sehen.

In einer solchen Situation dergestalt Dampf abzulassen, ist nicht nur schlecht. Es handelt sich um eine nicht zu unterschätzende Ventilfunktion. Sie kann unter Umständen sogar Leben retten. Denn im Netz findet man immer ein paar Gleichgesinnte, die ins gleiche Horn stossen. Man merkt: Ich bin nicht allein mit meiner Wut. Im besten Falle sieht man sich weniger versucht, mit einer Gewalttat Frust abzulassen.

«Justiziabel ist der Hass im Netz fast immer.»

Doch bei Morddrohungen hört der Spass auf. Diese müssen in jedem Fall ernst genommen werden. Jüngstes Beispiel ist der unsägliche Affront an die Adresse von Jonas Projer. Nach der hoch emotionalen und schlecht moderierten «Arena»-Sendung vom vergangenen Freitag zur No-Billag-Initiative hagelte es Protest, Kritik und Anfeindungen an die Adresse des Moderators. Diese gipfelten in der Morddrohung eines anonymen Twitterers, die selbst die Kinder von Projer ins Visier nahm: «Mitten in der Nacht werden wir kommen und dich richten.»

Projer reagierte ebenfalls mit einem Tweet. Zuerst bedankte er sich artig bei seinen Followern fürs inhaltliche Mitdiskutieren, aber auch für Feedback und Kritik. Dann nahm er direkt Bezug auf den Droh-Tweet: «Soll man das der Polizei melden, oder wäre das überreagiert?»

Kein spontaner Reflex

Nun ist ja Projer nicht erst seit vorgestern als medial exponierter «Arena»-Dompteur tätig. Zudem leitete er letzten Frühling selbst eine Sendung über genau solche Hasskommentare. Dabei empfahlen mehrere Experten, strafrechtlich Relevantes konsequent zu melden. Doch was macht Projer? Er tut so, als wäre er ein Unwissender in solchen Angelegenheiten, und bittet seine Follower um Rat.

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Mit Verlaub, da kokettiert Jonas Projer mit seiner Bekanntheit als Fernsehpersönlichkeit. Er fordert Hilfe ein, nicht etwa um sachdienliche Hinweise zu erhalten, sondern vielmehr um seiner Eitelkeit zu frönen. Denn SRF hat eine stattlich ausgerüstete Rechtsabteilung, die ihm zur Seite steht in solchen Fragen. Und die Sachlage ist eindeutig, wie der auf solche Fragen spezialisierte Anwalt Martin Steiger dieser Zeitung sagte: «Der Tweet ist offensichtlich rechtswidrig, er erfüllt voraussichtlich den Straftatbestand der Drohung, allenfalls auch jene der Ehrverletzung und der Nötigung.» Das ist inzwischen auch SRF und Projer klar geworden: Sie haben bei der Polizei eine Strafanzeige wegen Drohung eingereicht. Und als spontanen Reflex nach einer turbulenten Infoshow kann Projer seinen Tweet nicht abtun. Schliesslich reagierte er erst am Samstagnachmittag, kurz vor 15 Uhr.

«Nicht viel besser hat sich No-Billag-Initiant Olivier Kessler verhalten.»

Mit einer Selbstinszenierung nach Projers Muster ist Hasskommentaren und Morddrohungen nicht beizukommen. Nicht viel besser hat sich No-Billag-Initiant Olivier Kessler verhalten. Er sei übrigens auch mit heftigen Drohungen konfrontiert worden nach der Attacke auf den «Arena»-Moderator, natürlich via Facebook.

Ein nachahmenswertes Gegenbeispiel ist die ehemalige SP-Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot. Im Fall einer wiederholten Todesdrohung reichte sie Strafanzeige ein, ohne das öffentlich zu machen. Die Polizei ging beim Angezeigten vorbei und fand ein beachtliches Waffenarsenal, unter anderem zwei Pistolen in seinem Auto.

Gefragt ist also ein nüchternes und pragmatisches Vorgehen. Denn justiziabel ist der Hass im Netz fast immer. Das Einschalten von Polizei und Justiz gibt Betroffenen nicht nur das Gefühl, diesem Übergriff nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Sie können damit mithelfen, solchen Tätern das Handwerk zu legen – im Netz und in der realen Welt.

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