«Uns blieb nur die Eizellenspende»

Wenn die einzige Chance auf ein Kind im eigenen Land verboten ist – ein betroffenes Schweizer Paar erzählt.

Die Erfolgsrate liegt bei rund 60 Prozent: Eizellen werden im Kryotank in flüssigem Stickstoff eingefroren gelagert. Foto: Maria Conradi (Keystone)

Die Erfolgsrate liegt bei rund 60 Prozent: Eizellen werden im Kryotank in flüssigem Stickstoff eingefroren gelagert. Foto: Maria Conradi (Keystone)

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Familie Ammann (Name geändert) lebt in einer kleinen Gemeinde am Hallwilersee. Eine Gegend, wo man nach der Geburt eines Kindes ein grosses Holzschild mit Namen und Geburtsdatum ans Haus hängt. Alle sollen sehen, dass hier ein freudiges Ereignis ­stattgefunden hat. Am Haus der Ammanns sieht man nichts dergleichen. Erst wer schon vor der Tür steht, erblickt einen dezenten, blauen Schriftzug. Dominik. Denise Ammann hat bewusst auf ein grosses Schild verzichtet. Niemand soll traurig sein müssen, weil hier ein Neugeborenes lebt. Zu oft ist ihre eigene Welt zusammengebrochen, wenn sie an einer solchen Anzeige vorbeigehen musste. Oder an einem Kinderwagen, einer Schwangeren, einem Babygeschäft.

Denise Ammann war 36 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie keine Kinder bekommen kann. Eine Endometriose, bei der die Gebärmutterschleimhaut ausserhalb der Gebärmutter wuchert, hatte ihre Eierstöcke so stark beschädigt, dass sie keine Eizellen mehr produzierten. Die Diagnose traf die heute 44-Jährige wie ein Schlag. Gerade erst hatte sie Daniel kennen gelernt. Den Mann, mit dem sie Kinder haben wollte.

Geschlechtsverkehr nach Zeitplan

Es folgten viele Untersuchungen. Das Paar probierte es mit Geschlechtsverkehr nach Zeitplan; immer in der Hoffnung, da springe doch noch ein Ei. «Eine höchst unromantische Sache», erzählt ­Denise Ammann und lacht. Heute, mit einer zweijährigen Tochter im Kinderzimmer und dem neugeborenen Dominik im Arm, kann sie wieder lachen. Die beiden Kinder sind durch Eizellenspenden entstanden. Eine Methode, die in der Schweiz verboten ist und mit bis zu 100'000 Franken Geldstrafe geahndet wird.

Ihr Kinderwunsch war allumfassend, irgendwann konsumierte er ihre ganze Freude.

Daniel Ammann begleitete seine Frau zu verschiedenen Ärzten und ins Kinder­wunschzentrum, obwohl er eigentlich gar keinen Nachwuchs haben wollte. «Durch Fachliteratur wurde mir klar, wie plötzlich ein Kinderwunsch auftauchen und wie elementar er für ­Menschen werden kann», sagt er. Bei seiner Frau war der Wunsch allumfassend, irgendwann konsumierte er ihre ganze ­Freude. Sie wurde depressiv. Er, der Psychiater, und sie, die Psychologin, hatten einen Punkt erreicht, an dem es nicht mehr ging.

Sie begann eine Therapie, und beide ­nahmen sich ein Jahr Auszeit vom Kinderwunsch. «In dieser Zeit wollte ich mir vorstellen, wie ein Leben ohne Kinder wäre, und umgekehrt Daniel sich, wie es mit wäre», erklärt Denise Ammann. Am Ende blieben Perspektiven für eine Zukunft zu zweit, aber auch eine letzte Möglichkeit, eine Familie zu gründen. «Die Ärzte sagten uns klar, dass sie ­keine künstliche Befruchtung versuchen werden, da die Chancen zu gering seien», sagt Denise Ammann. «Eine Adoption wäre sehr kompliziert, und wir wären dafür fast schon zu alt gewesen. Uns blieb nur die Eizellenspende.»

Heikle ethische Fragen

In der Schweiz gab es immer wieder Bestrebungen, die Eizellenspende zu ­legalisieren. Die Schweizerische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM) spricht sich schon länger für eine Legalisierung aus. «In der Schweiz ist die ­Samenspende legal, nicht jedoch die ­Eizellenspende, was medizinisch nicht nachvollziehbar ist», sagt Michael von Wolff, Präsident der SGRM. Bereits 2013 stellte auch die Nationale Ethikkommission das Verbot erstmals infrage.

Dennoch hat der Nationalrat im vergangenen März eine Motion von Rosmarie Quadranti (BDP) zur Legalisierung deutlich abgelehnt. Dies, nachdem der Bundesrat eine Ablehnung empfohlen hatte – mit der Begründung, eine Legalisierung werfe heikle gesellschaftspolitische, ethische, medizinische sowie rechtliche Fragen auf.

 Vorbereitung in der Schweiz, dann rasch über die Grenze, wo eine Eizelle eingesetzt wird. Zurück in die Schweiz zur Nachbehandlung. Fertig, Baby.

Die Schweizer Reproduktionsmedizin hat sich darauf eingestellt. Die ­Ärzte versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ihren Patientinnen zu einem Baby zu verhelfen. Besteht keine Hoffnung mehr, weisen viele von sich aus auf die Möglichkeit hin, sich im Ausland helfen zu lassen. Die Vorbereitungen dazu dürfen von Schweizer Ärzten übernommen werden. Einige Kinderwunschzentren gehen noch einen Schritt weiter: Sie sprechen nicht erst im persönlichen Kontakt über die Eizellenspende, sondern werben von Anfang an damit. Eine Klinik im Tessin schaltete kürzlich entsprechende Zeitungsinserate. Vorbereitung in der Schweizer Klinik, dann rasch über die Grenze nach Italien, wo in Como eine spanische Eizelle eingesetzt wird. Zurück in die Schweiz zur Nachbehandlung. Fertig, Baby.

Gefahr der Ausbeutung

Die grüne Nationalrätin Irène Kälin stört sich an dieser offensiven Praxis. Sie hat den Bundesrat in einer Interpellation gefragt, inwiefern solche Werbung mit dem bestehenden Verbot vereinbar sei. Die Antwort: In der Schweiz ausgeführte Tätigkeiten, die «der ­Vorbereitung eines im Ausland unter Zuhilfenahme von gespendeten Eizellen durchgeführten Fortpflanzungsverfahrens dienen», seien nicht strafbar. Auf die Werbemassnahmen ist der Bundesrat nicht eingegangen. Kälin ist mit dieser Antwort nicht zufrieden. «In der Schweiz wird ja sonst auch nichts beworben, das unseren Gesetzen widerspricht. Meiner Ansicht nach ist das zumindest unlauter.»

Sie finde vor allem bedenklich, dass Frauen in prekären Situationen als Spenderinnen ausgenutzt werden könnten. Ausserdem arbeitet beispielsweise die Tessiner Klinik auch mit Eizellen, die anonym abgegeben werden. Die Kinder werden somit nie die Chance haben, ihre genetische Mutter kennen zu lernen. Dadurch würde das in der Schweiz geltende Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung verletzt.

Werbung für Verbotenes

Maximilian Murtinger ist Ärztlicher Leiter in der Nextclinic IVF Zentren Prof. Zech mit Sitz in Österreich und ­Ablegern in der Schweiz. Auf deren Schweizer Internetseite erscheint unter «Reproduk­tionsmedizin» schon an zweiter Stelle die verbotene Eizellenspende. Für Murtinger kein Problem. «Es ist erlaubt, Paare auf die Möglichkeit hinzuweisen und sie zu beraten», sagt er. Laut Behördenbescheid müsse nur klar hervorgehen, dass die Behandlung im Ausland stattfinde. Für viele sei die Eizellenspende die letzte Chance auf ein Kind. «Das wollen wir niemandem vorenthalten.»

Den Transfer der Zelle führen die ­Ärzte in Österreich durch, wo dies seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte erlaubt ist. Die Samenspende zu erlauben, die Eizellenspende aber nicht, das widerspreche der Gleichbehandlung von Mann und Frau, urteilten die Richter. Die Nachfrage sei trotz Verbot auch in der Schweiz sehr hoch, sagt Murtinger. Laut Schätzungen nehmen jedes Jahr Hunderte Paare den Weg über die Grenze auf sich, um sich den Traum vom eigenen Kind zu erfüllen.

«Man stelle sich vor, das kommt dann irgendwie raus. Etwa, weil die Blutgruppe nicht zu der der Mutter passt.»Daniel Ammann, zweifacher Vater dank Eizellenspende

Den Ammanns war wichtig, dass ihre Kinder die Spenderin später kennen lernen dürfen. Sie anzulügen, kam nicht infrage. «Man stelle sich vor, das kommt dann irgendwie raus. Etwa, weil die Blutgruppe nicht zu der der Mutter passt», sagt Daniel Ammann. Im Büchergestell der Familie stehen mehrere ­Bilderbücher zum Thema. Die Geschichten zeigen den Kindern, welchen Weg ihre Eltern gegangen sind. Ein Weg, der die Ammanns schliesslich nach Finnland geführt hat, wo Spenderinnen eine Aufwandsentschädigung von 250 bis 600 Euro erhalten. Und wo eine offene Spende mit späterem Kennenlernen möglich ist.

Nur Grösse, Haar- und Augenfarbe bekannt

Während eines Kurzurlaubs setzten die finnischen Ärzte Denise Ammann für rund 10'000 Franken eine Eizelle ein, die sie zuvor mit dem Sperma ihres Mannes befruchtet hatten. Zwei Wochen später hielten die beiden einen ­positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Die Erfolgsrate einer Eizellenspende liegt bei rund 60 Prozent pro Versuch. Sie ist deutlich höher als bei einer künstlichen Befruchtung mit den eigenen Eizellen der Frauen, die zum Zeitpunkt der Behandlung meist schon älter sind.

Grösse, Haar- und Augenfarbe. Mehr haben die Ammans nicht erfahren über die Spenderin. Nach ihrer Geburt hat die Mutter die Tochter oft ganz lange angeschaut. «Hat sie Ähnlichkeiten mit meinem Mann, oder kommt das alles von der Spenderin?», fragte sie sich. Wenn das Baby nicht aufhörte zu schreien, sagten sie lachend: «Das hat sie nicht von uns, sondern von der Spenderin.» Beim kleinen Bruder war das ­Prozedere bereits Normalität, die Fragen der ­Eltern nicht mehr drängend. «Die Gene sind nicht alles. Die Kinder sind in mir gewachsen, von meinem Blut genährt, von meinen Hormonen beeinflusst. Es sind zwar nicht meine genetischen, aber meine leiblichen Kinder», sagt sie.

«Hat sie Ähnlichkeiten mit meinem Mann, oder kommt das alles von der Spenderin?»Denise Ammann, zweifache Mutter dank Eizellenspende

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kinder wie Dominik künftig auch in der Schweiz gezeugt werden dürfen. In ­anderen Bereichen der Fortpflanzungs­medizin hat die Schweiz ebenfalls erst mit Verzögerung umgesetzt, was in anderen Ländern längst Standard war.

Vielen Paaren fehlt jedoch die Zeit, auf eine Anpassung der Schweizer Gesetze zu warten. Manche von ihnen tauschen sich im Internet aus. Seit diesem Jahr besteht in der Schweiz auch die Möglichkeit, andere Betroffene direkt zu treffen. Die Ammans haben nach der Geburt ihrer Tochter eine Selbsthilfegruppe gegründet für Paare, die vor einer Behandlung stehen, mitten­drin stecken oder – wie sie selbst – bereits Eltern geworden sind. Für Denise Amman ist es eine Herzenssache, über die Gruppe zu sprechen. «Sie hilft vielen Menschen weiter.» Als sich Dominik im Tragetuch bewegt, ist sie dennoch ­sofort still. Unwillkürlich senkt sie ihr Gesicht, um an seinem Köpfchen zu riechen. Sie sieht erschöpft aus in diesem Moment, und glücklich. Wie das bei frischgebackenen Eltern eben so ist.

Erstellt: 11.01.2020, 18:27 Uhr

Wenn Ärzte nachhelfen

Rund jedes siebte Paar hat Probleme, ein Baby zu zeugen. Zu den Möglichkeiten gehören Hormonbehandlungen, kombiniert mit Geschlechtsverkehr nach Plan. Bei der Insemination, die bei schlechter Spermienqualität angewendet wird, wird der Samen über eine Kanüle in den Uterus der Frau eingeführt. Bei der In-vitro-Fertilisation findet die Befruchtung ­ausserhalb des Körpers im Labor statt. Eine Stufe weiter geht die Icsi, bei der der Samen nicht einfach zur Eizelle gegeben, sondern ein Spermium in die Eizelle injiziert wird. Dabei darf jeweils Spendersamen ver­wendet werden. Die Eizellenspende ist hingegen illegal in der Schweiz. (ni)

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