Südamerika-Fleisch auf Schweizer Tellern: Tierschützer alarmieren

Neue Videos zeigen: Die Zustände in Schlachthöfen sind prekär – obwohl die Importeure Verbesserungen versprachen.

Pferde leben auf den Schlachthöfen unter schrecklichen Bedingungen. Video: Lea Koch

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Das Pferd liegt am Boden. Ist es tot? Oder nur geschwächt? Die Kamera schwenkt auf eine offene Fleischwunde am geschwollenen Bein, aus der Eiter austritt. Es ist ein heisser Sonntag auf dem Gelände des Schlachthofs Clay in Uruguay, und das Tier hat offensichtlich starke Schmerzen. Jetzt hält die Kamera auf die Gebäude im Hintergrund. Der Betrieb scheint verlassen, am Wochenende wird in der Regel nicht geschlachtet. Niemand sieht die Qualen des Pferdes, es ist sich selber überlassen. Dann bricht der Film ab.

Er ist Teil von umfangreichem neuem Videomaterial, das der Tierschutzbund Zürich (TSB) auf den Geländen der südamerikanischen Schlachthöfe Clay und Sarel aufgenommen hat. Zu sehen sind stark abgemagerte Pferde, lahmende Pferde, verletzte Pferde. Die Aufnahmen datieren von Mitte April – und sie dienen den Tierschützern als Beweis dafür, dass sich nichts geändert hat. Dass die Pferde, deren Fleisch auf Schweizer Tellern landen, noch immer leiden, bevor sie geschlachtet werden.

18'000 geschlachtete Pferde für die Schweiz

«Seit 2013 kritisieren wir die unhaltbaren Zustände in den Pferdeschlachthöfen in Südamerika», sagt York Ditfurth, Präsident des TSB Zürich. «Damals versprachen die Schweizer Importeure, die Missstände zu beheben.» Das haben sie auch diesen Februar wieder getan, als die SRF-Sendung «Kassensturz» die Situation vor Ort mit Bildern des TSB Zürich von 2017 dokumentierte. Josef Pittino vom Verband der Pferdefleisch-Importeure (VPI) zeigte sich damals schockiert: «Das ist ­inakzeptabel. Wir handeln sofort.»

Der VPI unterhält Verträge mit den im Beitrag genannten Schlachthöfen Clay und Sarel in Uruguay sowie Lamar in Argentinien, die alle von der EU zertifiziert sind. Die VPI-Mitglieder beliefern Restaurants und Metzgereien in der ganzen Schweiz. Hierzulande wurden 2017 rund 3000 Tonnen Pferdefleisch verzehrt – das ist rund ein Prozent des Gesamtfleischkonsums. 2780 Tonnen wurden importiert, 530 davon aus Argentinien, 102 aus Uruguay. Aus Südamerika stammen also 632 Tonnen oder 23 Prozent der Einfuhren. Da es sich dabei um Edelstücke wie Entrecote handelt, entspricht die Menge rund 18'000 geschlachteten Pferden.

Drohung mit der Waffe

Die aktuellen Aufnahmen zeigen die Schlachthöfe in Uruguay. Nach Argentinien können Ditfurth und TSB-Projektleiterin Sabrina Gurtner eigenen Angaben zufolge derzeit nicht einreisen – es wäre zu gefährlich. Die Schlachthofbetreiber seien lokal gut vernetzt, und beim letzten Besuch habe man ihnen dies mit einer Waffe zu verstehen gegeben, sagt Ditfurth.

Auch in Uruguay erschweren die Produzenten den Aktivisten diesen zufolge die Arbeit; statt in den Tier- hätten sie in den letzten Jahren in den Sichtschutz investiert, um Aufnahmen aus den Gebäuden zu verhindern, so Gurtner. Deshalb zeigen die neuen Videos die Tiere nur auf den Weiden. Zuvor waren den Tierschützern jeweils auch Aufnahmen der Treibgänge gelungen, in denen Schlachthofmitarbeiter minutenlang auf die Köpfe der Pferde einschlugen.

Video – Gewalt in den Treibgängen im Schlachthof Lamar

Gewaltszenen aus den Treibgängen. Video: TSB

Verletzte, kranke, geschwächte Tiere – obwohl der Importverband noch im Feb­ruar umgehend Besserung gelobt hatte? VPI-Präsident Josef Pittino und Verbandssekretär Erwin Stulz wollen die aktuellen Bilder bei einem Treffen in Olten gar nicht sehen. «Ich kann es mir vorstellen», sagt Pittino. Sie bringen einen Stapel Papiere mit – eine Dokumentation der Schritte, die sie seit der Sendung im Februar eingeleitet haben, eine Reklamation bei den Schlachtbetrieben etwa.

«Uns ist das Tierwohl wichtig»

Kernstück der Bemühungen ist ein Qualitätshandbuch. Dieses hat der VPI nach der ersten Kritik der Tierschützer vor fünf Jahren entwickelt und den Schlachthöfen als Vertragsgrundlage abgegeben. Die jüngste Version vom 13. April ist bereits die achte Überarbeitung. Darin sind Verbote («K.-o.-Kriterien») aufgelistet, zum Beispiel das Antreiben mit Elektrogeräten oder Schlagstöcken, Hunde als Treibhilfe, Schläge auf Kopf und Geschlechtsteile oder Drahtseile durchs Maul. Zudem schreibt das Handbuch neu eine Videoüberwachung wesentlicher Anlageteile sowie zweimal täglich eine Kontrolle der Tiere auf den Weiden vor, auf denen sie vor der Schlachtung sind.

Kurz: Das Handbuch soll in den südamerikanischen Schlachthöfen Schweizer Standards durchsetzen. «Auch uns ist das Tierwohl wichtig, Quälerei dulden wir nicht. Wir sind doch keine Unmenschen», sagt Pittino, der die Betriebe mehrfach besucht hat – zuletzt 2017. Sogar die Veterinärbehörde Uruguays habe Interesse an den Richtlinien gezeigt. In Südamerika sind die Tierschutzbestimmungen schwach. Mit dem Handbuch will der VPI diese Lücken schliessen. ­Allerdings hält er dort nur fest, er ­«erwarte», dass die Lieferanten die Richtlinien «als Standard übernehmen».

Mit der Überprüfung der Regeln hat der VPI die Zertifizierungsstelle SGS beauftragt. Diese führt jährlich unangemeldet Kontrollen in den Betrieben durch. Fragen dazu beantwortet sie mit Verweis auf den VPI nicht. Unangemeldet heisst laut Pittino: Die SGS gibt ein dreimonatiges Zeitfenster bekannt, in dem sie den Betrieb einmal besuchen wird. Genügt das? In einem Schreiben an den VPI, das dieser Zeitung vorliegt, hält die SGS fest, dass eine unangemeldete Kontrolle immer eine «Momentaufnahme» bleibe, die nicht sicherstelle, dass sich eine Firma «auch während unserer Abwesenheit fehlerfrei verhält».

Verstösse gegen das Handbuch

Stellt die SGS Verstösse gegen die ­K.-o.-Kriterien fest, führt dies laut VPI-Handbuch «umgehend» zur Suspendierung – die allerdings bei einer Nachkontrolle «aufgehoben werden kann». Pittino spricht von einer «zweiten Chance», versichert aber: «Sehen wir, dass sich die Situation nicht bessert, beenden wir die Geschäftsbeziehung.» Kriterien, wann dieser Abbruch zwingend erfolgen muss, fehlen jedoch. Dem VPI zufolge ist dies noch nie geschehen.

Für die Tierschützer führen die Massnahmen zu wenig weit. Das Handbuch sei eine «reine Wunschliste», die Toleranz bei Verstössen zu gross. Der VPI fordere im Handbuch seit 2015 tierwohlgerechte Transporte, Nottötungen von verletzten Tieren und ausreichend Witterungsschutz. «Nichts von all dem wurde umgesetzt: Wir sehen heute sogar mehr verletzte Pferde auf den Schlachthofgeländen», sagt Gurtner.

Pittino räumt ein, dass eine Lücke im Handbuch bestanden habe. Neu müssten die Weiden zweimal pro Tag kontrolliert werden. Abends und an Wochenenden dürften zudem keine neuen Pferde angenommen werden. Die Ankündigung vom Februar, sofort zu handeln, relativiert er: «Geben Sie uns ein Jahr Zeit! Neue Standards im Tierschutz lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen.»

Imageschaden wegen Skandal

Der VPI fühlt sich von den Tierschützern zu Unrecht an den Pranger gestellt, zumal die Branche seit dem Pferdefleischskandal 2013 mit einem Imageschaden kämpft. Damals machte zusätzlich zu Südamerika die Produktion in Kanada und Mexiko Schlagzeilen. In der Folge haben die Grossverteiler Pferdefleisch aus Übersee aus den Regalen genommen und beziehen es seither aus EU-Staaten. Trotzdem ist der Absatz in der Schweiz rückläufig. Die Importe aus Südamerika haben mittlerweile aber wieder zugenommen – nicht zuletzt wegen der Bemühungen des VPI.

Der Verband zeigt sich nun bereit, auch die Zusammenarbeit mit diesen Schlachthöfen zu beenden, sollten sich bei den Kontrollen in einem Jahr Verstösse zeigen. Einen vorschnellen Rückzug aus dem Südamerika-Geschäft fände Pittino aber falsch: «Wer hält dann den Finger auf den Tierschutz?»

Der Wille der Betreiber, die Schweizer Standards einzuhalten, scheint sich indes in Grenzen zu halten: Dieser Zeitung liegen Schreiben von Lamar und Sarel vor, in denen die Schlachthöfe weitgehend in Abrede stellen, Probleme mit dem Tierwohl zu haben. Sarel schreibt, man akzeptiere keine verletzten oder geschwächten Tiere für den Transport zum Schlachthof. Verletze sich ein Pferd währenddessen, gebe es ein «Protokoll», wie damit umzugehen sei. Und Lamar hält fest, «Hinken» oder «alte Wunden» bedeuteten nicht, dass die Tiere «extrem leiden».

Die lange Fassung der Dokumentation über das qualvolle Geschäft mit Pferdefleisch. Video: TSB

Erstellt: 28.05.2018, 06:56 Uhr

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