Er kämpft gegen 380 Kilovolt Spannung

Adrian Degenmann wehrt sich gegen eine Aufrüstung der Stromleitung über seinem Dorf. Er hat gute Argumente – aber auch einen übermächtigen Gegner.

Die Leute erzählen, er sei ein Macher, der nicht lange fackle: Adrian Degenmann wehrt sich gegen Swissgrid. Fotos: Adrian Moser

Die Leute erzählen, er sei ein Macher, der nicht lange fackle: Adrian Degenmann wehrt sich gegen Swissgrid. Fotos: Adrian Moser

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Sie sind die Menschen unter der Hochspannungsleitung, die Einwohner von Aspi bei Seedorf BE. Und Adrian Degenmann ist ihr Anführer. Mit Händen, in denen alles klein wirkt, und einer pragmatischen Parkiertechnik (der BMW steht quer im Parkfeld). Degenmann hat beim lokalen Fussballclub jahrelang als Präsident und Kassier gearbeitet, dazu Schwingfeste samt Siegermunis organisiert. Er sei ein Macher, der nicht lange fackle, erzählen die Leute hier, und sie sind ihm dankbar dafür.

Man kennt sich hier. Der 58-jährige Degenmann betritt das Restaurant Kreuz (es steht unter der Stromleitung), drückt die Hand des Wirts (lebt gleich nebenan, auch unter der Stromleitung) und beginnt zu erzählen, vom Anfang, von damals im Jahr 2017, als ihm das erste Mal der Zapfen ab ist. Die nationale Netzgesellschaft Swissgrid will die Spannung erhöhen auf der Leitung oberhalb ihrer Häuser, von 220 auf 380 Kilovolt.

Es gab eine Informationsveranstaltung in der Mehrzweckhalle, und die Leute von Swissgrid hätten von Regenwürmern erzählt. Von Regenwürmern! Denen ginge es an den Kragen, weil man die Fundamente der Masten verstärken müsse. Von der Strahlung, vom Elektrosmog, also von den grossen Problemen – kaum ein Wort. «Sie haben es verniedlicht», sagt Degenmann, «so geht man nicht mit uns um. Also habe ich die Leute im Dorf aufgeboten.»

Der Spartenleiter einer Baufirma druckt Flyer und verteilt sie in den Briefkästen, er organisiert eine eigene Infoveranstaltung, um auf die Gefahren für die Gesundheit hinzuweisen, heute unterstützen ihn 38 Haushalte von Aspi, dazu die Gemeinde Seedorf im Kampf gegen Swissgrid, «der Firma da oben», wie sie im Dorf mit seinen rund 300 Einwohner sagen und jeweils zu den Drähten hochzeigen.

Der Winter macht Angst

Der Grund, warum Swissgrid die Spannung erhöhen will, liegt zehn Kilometer südlich. Dort steht das AKW Mühleberg, das in 35 Tagen abgeschaltet wird. Swissgrid rüstet sich für die Zeit danach. Bereits jetzt wird im Sommer Strom ins Ausland verkauft und im sonnen- und niederschlagsarmen Winter eingekauft. Weil das AKW wegfällt, ist die Netzstabilität gefährdet, Swissgrid muss dazu im Winter noch mehr importieren und daher das Netz ausbauen. Zwischen Bassecourt und Mühleberg soll eine Stromleitung mit 380 Kilovolt entstehen, dazu ein neuer Transformator, der den Strom auf die Regionen verteilt (lesen Sie hier, warum mit dem Mühleberg-Ende Notrecht droht).

Degenmann spaziert durch das Quartier. «Eigentlich eine schöne Wohnlage», sagt er, viel Sonne, ruhig. Er schaut zum nahe gelegenen Einfamilienhaus und dann hoch: «Geht voll über die Hütte rein.» Das Ärgernis aus sechs Strängen Kupfer. Degenmanns Haus steht rund 150 Meter neben der Leitung, manchmal hört er es knistern, und wenn er morgens das Schlafzimmerfenster öffnet, sieht er als Erstes Mast Nummer 23. Gross und grau. «Gibt Schöneres», sagt er, «aber das wusste ich, als ich 2014 das Haus baute.»

Beat Bachmann, Ihnaber eines Veloladens, lebt direkt unter der Leitung.

Degenmann betritt den Laden von Mechaniker Beat Bachmann, der Velos, Töffs und Motorsägen flickt und jedem Kunden einen Spruch nachwirft, dabei aber nie den Zahnstocher im Mund verliert. Die Leitung verläuft direkt über dem Haus, in dem Bachmann wohnt und arbeitet. Er stützt sich auf dem Tresen ab und erzählt, wie er 2001 das uralte Bauernhaus kaufte und nie an die Leitung über ihm gedacht habe.

Ähnlich erging es der Bevölkerung, als die Leitung 1978 gebaut wurde, Degenmann war gerade in seinem zweiten Lehrjahr als Landwirt, im Dorf galten die neuen Masten als Zeichen des Fortschritts. Aspi kam zwischen Mast 23 und 24 zu liegen, und niemand mochte sich daran stören.

Mechaniker Bachmann spürt den Strom nicht, sagt er, seine Frau hingegen schon. Ihr stelle es die Haare auf, wenn sie unter die Leitung stehe. «Ah ja?», fragt Degenmann. «Wirklich!» Und dann sei noch die Sache mit der Neonröhre. «Du nimmst eine 1,20 Meter lange Röhre und stehst um zehn Uhr nachts direkt unter die Leitung», sagt Bachmann, «dann beginnt die zu leuchten.»

Degenmann erklärt, dass dies nichts mit der ungesunden elektromagnetischen Strahlung zu tun habe, sondern vom elektrischen Kraftfeld herrühre, was ungefährlich sei. Jahrelang wussten die Seedorfer wenig darüber, es interessierte sie nicht. Das Swissgrid-Projekt hat sie nun geweckt. Mit der geplanten Spannungserhöhung haben sie eine ­juristische Chance erblickt, um zu klagen. Aber wenn man es genau wissen wolle, sagt Degenmann, dann müsse man nach Schwarzenburg, zum Jakob, eine Koryphäe, die Aspi berate.

Sie nannten ihn Sektenbruder

Jakob ist ein 81-jähriger Mann mit schlohweissem Haar, buschigen Augenbrauen und heisst Hans-Ulrich mit Vornamen. Er hat sein Leben den Strahlen verschrieben. Kommunist haben sie ihm schon nachgerufen, Rechtsextremer auch, Sektenbruder sowieso. Das kommt davon, wenn man mit piepsenden Messgeräten durch die Schweiz läuft und es mit den grossen Strombetreibern aufnimmt. «Kommen Sie in mein Reich», sagt Jakob und führt in den Keller in sein Büro, Dutzende farbige Ordner stehen dort im Regal, aufgereiht nach Alphabet – alles Fälle, die er berät.

Im Ordner von Aspi sind Briefwechsel, Zeitungsartikel und Planungsgenehmigungen. Jakob kennt die Leute von Aspi. «Denen hab ich Angst eingejagt», sagt er und kichert. Er sprach bei der von Degenmann organisierten Infoveranstaltung und erzählte von den Gefahren elektromagnetischer Strahlung. Diese Strahlung nimmt wegen des Voltzuwachses nicht zu, hat er den Seedorfern erzählt, es werde also nicht ungesünder mit den 380 Kilovolt – es sei jetzt schon wahnsinnig ungesund: Seine Messtour durch das Dorf ergab Werte bis 7 Mikrotesla. Studien zeigten, dass das Risiko für Leukämie und Alzheimer bei 0,4 Mikrotesla bereits um das Vierfache steigt. Die Leute von Aspi staunten.

Studien zeigten, dass das Risiko für Leukämie und Alzheimer bei 0,4 Mikrotesla bereits um das Vierfache steigt: Stromleitung über Aspi.

Der Grenzwert für neue Freileitungen liegt in der Schweiz seit 2000 bei einem Mikrotesla, für alte wie jene in Aspi noch bei 100. Nun stellt sich die Frage, ob eine Leitung mit neuem Transformator und modifizierten Masten neu oder alt ist. Degenmann und Jakob finden «neu» und führen ein weiteres Argument ins Feld. Das Klima. Es gebe immer mehr Orkanstürme, immer stärkere Temperaturunterschiede.

Sind nun Leitungen stärker gespannt, steige das Risiko, dass ein Mast umknickt. «Gopferdeckel, bei 380 Kilovolt bist du innert Sekunden ein Brikett, wenn du darunter stehst», sagt Jakob. Dieses Risiko könne man heute nicht mehr eingehen. «Ich hoffe auf den gesunden Menschenverstand der Richter», sagt Degenmann.

«Eine Verschiebung des Trassees oder ein Teilneubau der Leitung ist aus dieser Perspektive nicht zu rechtfertigen.»Irene Fischbach, Swissgrid-Sprecherin

Bei Swissgrid reagiert man gelassen, man ist geübt im Umgang mit Einsprachen. «Wir nehmen die Sorgen der Beschwerdeführer ernst», sagt Sprecherin Irene Fischbach. Sie betont indes, die Schweiz habe sehr strenge Richtlinien, wenn es um den Schutz der Bevölkerung vor gesundheitlichen Risiken gehe. Und Swissgrid halte diese strikt ein.

Fischbach signalisiert Verständnis für die Gemeinden, die eine Verschiebung der Leitungsmasten fordern. Sie relativiert aber auch hier umgehend: Die bestehende Leitung sei bereits für den Betrieb auf 380 Kilovolt gebaut. Die notwendige Anpassung erfordere nur eine Erhöhung der Masten; so lasse sich beim Betrieb auf der höheren Spannungs­ebene die heutige Gesetzgebung im Bereich der nichtionisierenden Strahlung einhalten. «Eine Verschiebung des Trassees oder ein Teilneubau der Leitung ist aus dieser Perspektive nicht zu rechtfertigen», so Fischbach.

Verlochen, nicht verschieben

Genau das aber will Degenmann, der Chef des Widerstands. Verlochen, nicht verschieben. Also in die Erde mit der Leitung. «Sonst haben das Problem wieder andere», sagt er und erzählt, wie ihm bei den Schlichtungsverhandlungen Swissgrids Leute gesagt haben, dass es ihnen nur darum gehe, möglichst billig Strom von A nach B zu bringen.

Geld ist auch bei Degenmann ein Thema. Wer es mit Swissgrid und deren 900 Millionen Franken Umsatz aufnimmt, braucht selbst eine gefüllte Kriegskasse. Kürzlich hat er ein Konto eröffnet und seinen Mitstreitern Rechnungen geschrieben. 500 Franken verlangt er für den Anwalt und den Kampf vor Bundesverwaltungsgericht. Die Zahlungsmoral sei gut. Die braucht es, denn Degenmann ist es ernst. Er denkt bereits an den Gang vor das Bundesgericht.

Lesen Sie mehr über das AKW-Mühleberg-Ende.

Erstellt: 15.11.2019, 09:08 Uhr

Der Bund prüft das Notrecht

Eigentlich wäre es ganz einfach, Swissgrid könnte den Schalter umlegen und im 45 Kilometer langen Abschnitt zwischen Mühleberg und Bassecourt die Leitungen mit 380 statt 220 Kilovolt betreiben.

Nur ist das Projekt durch Einsprachen blockiert, damit steigt gerade im Winter das Risiko für Stromausfälle. Darum prüft der Bund, wie man im schlimmsten Fall per Notrecht die Leitungskapazität erhöhen kann.

Diese Sachlage ist juristisch noch nicht klar definiert. Offene Fragen sind: Wer entscheidet im Ernstfall? Der Bundesrat? Und wann ist ein Ernstfall ein Ernstfall? Diese Grundlagen werden derzeit vom Bund abgeklärt. (czu)

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