Wer länger lebt, soll auch länger arbeiten

Statt Deals zu schliessen, muss über ein höheres Rentenalter geredet werden – für Frauen und Männer.

Ein höheres Rentenalter für Frauen wird in der Schweiz zum politischen Tabu stilisiert, obwohl Frauen im Schnitt älter werden als Männer. Foto: Urs Jaudas

Ein höheres Rentenalter für Frauen wird in der Schweiz zum politischen Tabu stilisiert, obwohl Frauen im Schnitt älter werden als Männer. Foto: Urs Jaudas

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Es ist nicht einfach ein Deal, es ist ein «Mega-Deal», um den es nächste Woche im eidgenössischen Parlament geht. Der Ständerat debattiert am Donnerstag über ein Paket, das die dringliche Steuerreform mit der AHV-Sanierung verknüpft. Die Bürgerlichen erhalten eine Steuervorlage nach ihrem Gusto. Die Sozialdemokraten im Gegenzug mehr Geld für die Altersvorsorge.

Die «Dealmaker» sind bereits in Feierlaune. SP-Präsident Christian Levrat jubelt: «Die Leute können aufatmen. Das höhere Rentenalter für Frauen ist vom Tisch.» Auch Ideen für eine stufenweise Erhöhung des Pensionsalters, wie sie Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet präsentierte, würden damit obsolet. Wenn sich Probleme doch nur so einfach lösen liessen!

So arbeitnehmerfreundlich, wie Levrat uns weismachen will, ist der AHV-Steuer-Deal nämlich nicht. Die Beschäftigten müssen die Finanzspritze für die Altersvorsorge mitfinanzieren. Und vor einem höheren Rentenalter bewahrt sie der umstrittene Kuhhandel erst recht nicht.

Zwei Erwerbstätige auf einen Rentner

Der AHV geht das Geld aus. Sie gibt mehr für Renten aus, als sie an Lohnbeiträgen einnimmt. Dreieinhalb Erwerbstätige finanzieren heute einen Pensionär. Weil wir immer älter werden, wird das Verhältnis bald zwei zu eins sein. Ohne grundlegende AHV-Reform sind die Reserven von 44 Milliarden Franken im Jahr 2015 bis 2030 aufgebraucht.

Das politische Spiel auf Zeit geht auf Kosten der Jungen – auch den Frauen ist damit langfristig nicht gedient. Statt ihr Rentenalter durch alle Böden zu verteidigen, sollte man unser patriarchales Vorsorgesystem lieber den Realitäten in Arbeitswelt und Gesellschaft anpassen. Nicht nur in Sachen Lohngleichheit, sondern auch bei der Altersvorsorge besteht nämlich Nachholbedarf.

Frauen sind keine Schwächlinge. Doch es gab Zeiten, da hielt man sie für besonders schutzbedürftig: In der Botschaft zur AHV-Reform von 1957 konstatierte der Bundesrat, dass die Frau physiologisch betrachtet trotz höherer Lebenserwartung dem Mann gegenüber im Nachteil sei. Ihre Körperkräfte würden früher nachlassen. Oft sei sie deshalb vorzeitig zum Rückzug aus dem Erwerbsleben gezwungen. In der Folge senkte die Schweiz das Rentenalter für Frauen auf 63 Jahre.

«Teilzeitarbeit wird in der beruflichen Vorsorge bestraft.»

Seither ist beim AHV-Alter wenig passiert. Zwar gab es Anpassungen nach unten und oben. Die Differenz zwischen dem gesetzlichen Rentenalter der beiden Geschlechter aber blieb bestehen. Frauen treten hierzulande heute mit 64, Männer mit 65 Jahren in den Ruhestand.

Die Arbeitswelt indes ist eine andere geworden. Fast nur noch Bauern oder Bauarbeiter schuften heute unter vollem Körpereinsatz. In den Fabrikhallen dominieren die Industrieroboter. Die Erwerbstätigen selbst sitzen in der Wissensgesellschaft mehrheitlich vor dem Computer. Arbeiten war – zumindest physisch – schon anstrengender.

Überholt sind auch die Rollenbilder von einst. Frauen bleiben nach Geburt des ersten Kindes immer seltener für immer zu Hause. Sie arbeiten mit tieferem Pensum weiter und versuchen, Familien- und Berufsleben miteinander zu vereinbaren. Mit der Frauenerwerbsquote steigt die Zahl der Teilzeiter in der Schweiz. Jeder dritte Beschäftigte hat heute keine Vollzeitstelle mehr. Drei von fünf Frauen arbeiten Teilzeit.

Taktieren gehört zum Spiel

Neben der Demografie wirkt sich also auch der gesellschaftliche Wandel auf die Renten aus. Doch die Politik lässt sich lieber auf irgendwelche Deals ein, vertagt Reformen und verteilt Geld, das es eigentlich gar nicht mehr zu verteilen gibt. Aufatmen, wie Levrat frohlockt, kann da keiner.

Selbstverständlich ist ein höheres Rentenalter für Frauen (und Männer) nicht per se mehrheitsfähig. Zu taktieren und Kompromisse auszuhandeln – wie dies Levrat meisterlich kann –, gehört mit zum Spiel. Die Abstimmungsgeschichte lehrt auch, dass man mit Sparvorlagen in der AHV beim Volk nicht einfach durchkommt. Steigt das Rentenalter, müssen die Arbeitgeber daher auch den Tatbeweis liefern, dass sie die älteren Arbeitnehmer wollen. Verdrängen aber ist auch in der Politik keine nachhaltige Strategie.

Schweden machts vor

Wenn sich rund die Hälfte aller 35 OECD-Staaten auf ein Rentenalter 67 oder gar 68 verständigen konnte, darf die Schweiz eine Debatte darüber nicht scheuen. Auch ein flexibler Eintritt in den Ruhestand muss diskutiert werden. Das soziale Vorbild Schweden etwa kennt schon seit den Neunzigerjahren kein fixes Rentenalter mehr. Zwischen Frauen und Männern wird dort nicht unterschieden.

Hierzulande aber wird ein höheres Rentenalter für Frauen zum politischen Tabu stilisiert, obwohl Frauen im Schnitt älter werden als Männer und daher schon jetzt eine Umverteilung zu ihren Gunsten stattfindet. 2016 etwa bezahlten sie laut AHV-Statistik nur ein Drittel der Lohnbeiträge, bezogen aber 56 Prozent der Leistungen.

Abschaffung des Koordinationsabzugs

Mehr tun könnte man für die Frauen jedoch in der zweiten Säule. Teilzeitarbeit wird in der beruflichen Vorsorge noch immer bestraft. Wegen des fixen Koordinationsabzugs auf dem Jahressalär und hoher Eintrittshürden beim versicherten Lohn können Frauen mit tiefen Pensen heute oft nicht genug Geld für den Ruhestand ansparen. Sind sie alleinstehend, droht ihnen Altersarmut. Mit einer Abschaffung des Koordinationsabzugs und einer Senkung der Eintrittsschwelle würde dieses Problem entschärft. Teilzeiterinnen könnten mehr in ihre berufliche Vorsorge einzahlen; auch würden neue Anreize geschaffen.

Weil sie früher in Pension gehen, zahlen die Frauen auch ein Jahr weniger in ihre zweite Säule ein. Und weil sie die Männer überleben, wäre es auch gut, sie hätten mehr Geld auf der hohen Kante. Am Ende läuft es deshalb wohl darauf hinaus, dass wir unsere Renten an die Lebenserwartung koppeln. Ökonomen wie der Berner Uniprofessor Aymo Brunetti fordern dies schon länger. Damit bliebe uns auch das politische Seilziehen ums richtige Rentenalter erspart. Bis das so weit ist, dürften die Politiker in Bern aber noch so manchen fragwürdigen Deal aushandeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2018, 10:18 Uhr

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