«Vermutlich würden dann Stellen abgebaut»

SRF-Kadermann Urs Leuthard warnt davor, das Berner Radiostudio nicht nach Zürich zu verlegen.

Einst war Urs Leuthard «Arena»-Moderator, heute ist er Chef der «Tagesschau» und Projektleiter des neuen Newsroom.

Einst war Urs Leuthard «Arena»-Moderator, heute ist er Chef der «Tagesschau» und Projektleiter des neuen Newsroom. Bild: Paolo Dutto

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Die SRG gerät zunehmend unter Druck, weil sie Teile des Berner Radiostudios nach Zürich verlegen will. Betroffen sind rund 170 Stellen. Politiker aus allen Lagern wie Adrian Amstutz, Kurt Fluri oder Christian Levrat kritisieren die Pläne. Selbst die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr setzt sich für den Standort Bern ein. Am Donnerstag findet eine Protestaktion auf dem Bundesplatz statt. Der SRG-Verwaltungsrat befindet im September oder spätestens Ende Jahr über den Umzug.

Herr Leuthard, halten Sie trotz des enormen Widerstandes am Umzug des Radiostudios fest?
Der Entscheid des SRG-Verwaltungsrats ist noch nicht gefallen. Wenn es ein Nein gibt, bricht für mich keine Welt zusammen. Ein Ja fände ich jedoch besser. Der Umzug ist aus ökonomischer und publizistischer Sicht sinnvoll.

Wird die SRG durch den Umzug nicht noch mehr als reines Zürcher Medium wahrgenommen?
Ich habe Verständnis für diese Ängste. Für den Föderalismus innerhalb der SRG spielt es aber keine Rolle, ob die Auslandberichterstattung aus Bern oder Zürich kommt. Viel wichtiger ist, wie wir aus den Regionen berichten. Wir wollen die Regionalredaktionen überall aufstocken und die Berichterstattung ausbauen. Zudem bleiben die Bundeshausredaktion sowie die Radio-Inlandredaktion in Bern, selbst bei einem Umzug des Studios. Ein kleiner Teil der neuen Zürcher Inlandredaktion soll auch noch nach Bern kommen. Zürich als Standort wird keineswegs aufgebläht. Im nächsten Jahr, mit der Eröffnung des neuen Kulturstandortes, werden 170 Stellen von Zürich nach Basel verlagert.

Warum ist der Umzug der Radioleute für Sie so wichtig?
Wir müssen bei den News die digitale Entwicklung weiter vorantreiben. Dies geht nur gemeinsam. Das Radio steht mit Podcasts und Smartspeakers ohnehin vor einer grossartigen Zukunft.

Smartspeakers?
Das sind Geräte wie Alexa oder Google Home, mit denen man sprechen kann. Ich kann etwa sagen: Alexa, spiel mir die letzten SRF-Radionachrichten ab. Und dann wird das vom Gerät ausgeführt. Das eröffnet bei der digitalen Nutzung des Radios neue Möglichkeiten.

Dafür braucht es in Zürich Techniker und keine Journalisten.
Es braucht beides. Wir wollen die Entwicklung Hand in Hand vorantreiben. Mit dem Newsroom, den wir derzeitig planen, sollen Journalisten, Digitalentwickler und die Experten für Grafik, Gestaltung oder Dokumentation enger zusammengeführt werden.

Was haben die Konsumenten davon?
Sie werden schneller und kompetenter informiert, insbesondere im digitalen Bereich.

Dadurch wird die SRG im Internet noch stärker die Verlage konkurrenzieren.
Wir wollen im Digitalbereich besser werden. Aber wir werden uns auf Audio- sowie Video-Inhalte konzentrieren und die Textanteile massiv reduzieren. Die Konkurrenzsituation zu den Verlagshäusern wird dadurch sogar kleiner.

Sie brauchen die Berner Radioleute doch einfach in Zürich, weil sie den besseren Ruf haben.
Mich ärgert, dass immer wieder behauptet wird, am Leutschenbach sei die publizistische Qualität schlechter. Das ist, entschuldigen Sie den Ausdruck, Blödsinn. Wir arbeiten alle nach den gleichen publizistischen Richtlinien und Qualitätsstandards. Zudem können wir gegenseitig voneinander lernen. So haben wir bei den neuen Newsroom-Strukturen mit Fachredaktionen die Organisation unserer Radio-Kollegen in Bern als Vorbild genommen: Heute arbeiten die Redaktionen von «Tagesschau», «10 vor 10» oder «Schweiz aktuell» grösstenteils autonom. Künftig werden die Leute für verschiedene Sendungen und den Digitalbereich produzieren.

Werden Radioleute künftig Fernsehbeiträge machen?
Die Auslandredaktion des Radios wird sicher nicht für die «Tagesschau» arbeiten, auch wenn sie nach Zürich käme. Es ist ohnehin nicht geplant, die Fach- und die Senderedaktionen in den Newsroom zu integrieren. Die interne Konkurrenz zwischen Radio und Fernsehen ist uns nach wie vor wichtig.

Warum ist der Umzug dann so wichtig? Geht es nicht einfach ums Sparen?
Nicht nur, aber neben den publizistischen Überlegungen ist der Umzug auch ein Sparprojekt. Dazu hat die SRG einen Auftrag des Bundesrats, der die Gebühren gesenkt und unseren Anteil plafoniert hat. SRF alleine arbeitete ein Immobiliensparprogramm im Umfang von 12 Millionen Franken aus. 7 Millionen entfallen auf Zürich, 5 auf Bern.

Das ist wenig in Anbetracht der 100 Millionen, die die SRG pro Jahr sparen will.
Das ist ein Drittel der rund 30 Millionen, die SRF einsparen muss. Und aus unserer Sicht ist es besser, bei den Immobilien zu sparen als bei den Menschen. Wenn das Radiostudio in Bern bleibt, muss das Geld anderswie eingespart werden. Vermutlich würden dann auch Stellen abgebaut. Im Falle eines Umzuges würden aber weiterhin über 500 SRG-Leute in Bern arbeiten, darunter 170 Journalisten.

Sollte der Nachfolger von SRF-Direktor Ruedi Matter nicht sagen können, ob er die Umzugspläne unterstützt?
Sparen muss die SRG so rasch als möglich. Und das Newsroom-Projekt wird seit Jahren vorangetrieben. Dabei spielt es keine Rolle, wer neuer Direktor wird.

Haben Sie sich beworben?
Nein. Meine Kinder sind noch zu klein. Meine Vaterrolle, wie ich sie verstehe, verträgt sich nicht mit dem Job des SRF-Direktors. Zudem sehe ich mich nicht voll im Anforderungsprofil, wie es von der SRG definiert wurde.

Braucht es einen Journalisten oder einen Manager?
Ich bin Journalist mit Leib und Seele. Ich glaube, dass mit der Neudefinition des Service Public und mit der Umbruchsituation in der Medienlandschaft die Fragen der publizistischen Ausrichtung und der journalistischen Qualität entscheidend sind. Deshalb wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, wenn jemand mit journalistischem und publizistischem Hintergrund die Stelle erhalten würde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.08.2018, 11:07 Uhr

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