Verraten für ein Stück Teig

Wir halten unsere Privatsphäre für heilig. Und handeln so, als sei sie nichts wert. Es ist schwierig, das zu ändern.

Was ist wertvoller? Eine Gratis-Pizza oder die E-Mail-Adressen der besten Freunde? Foto: Elisanth (Stock)

Was ist wertvoller? Eine Gratis-Pizza oder die E-Mail-Adressen der besten Freunde? Foto: Elisanth (Stock)

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Würde das Privatsphären-Paradox nicht gelten, wäre das 21. Jahrhundert anders verlaufen. Es gäbe weder Instagram noch Snapchat. Mark Zuckerberg hätte kaum Milliarden verdient.

Das Paradox geht so: Die meisten Menschen behaupten, dass sie ihre Privatsphäre schützen wollen. Die gleichen Menschen verschenken ihre persönlichsten Daten so gedankenlos, als handle es sich um Altpapier.

Eine neue Studie der kalifornischen Universität Stanford führt dies noch einmal deutlich vor. Die Forscherinnen machten Hunderten von Studierenden folgenden Vorschlag: Sie bekommen eine Gratis-Pizza, dafür müssen sie drei E-Mail-Adressen von Freunden herausgeben. Fast alle Studenten wählten die Pizza.

Die Forscher stellten den Probanden zudem ein Konto der Digitalwährung Bitcoin zur Verfügung. Dabei beobachteten sie, welche der vier angebotenen Einstellungen zur Privatsphäre diese wählten, als sie das Konto einrichteten. Die Mehrheit klickte auf die oberste Option – und nicht jene, die am meisten Schutz versprach.

Den Studierenden wurde auch eine zusätzliche Verschlüsselung nahegelegt. Ein Teil der Probanden stieg darauf ein. Die Hälfte davon brach den Prozess jedoch wieder ab. Sie hatten gemerkt, dass die Umsetzung der Codierung ein paar Minuten beanspruchen würde.

Die Autoren folgern: Die meisten Menschen sind nicht bereit, sich auch nur ein wenig anzustrengen, um ihre Daten zu behüten – auch wenn sie in Gesprächen das Gegenteil behaupten. Andere Studien kommen zum gleichen Befund.

Das erstaunt nicht wirklich. Menschen tun oft das Gegenteil von dem, was sie sagen. Sie setzen sich für Umweltschutz ein und fliegen übers Wochenende nach New York. Sie preisen die Demokratie und verpassen Abstimmungs­termine. Sie feiern Edward Snowden und vertrauen dem Handy ihre Gesundheitswerte an.

Ohne Internet ist man nichts

Aus dem Privatsphären-Paradox kann man zwei gegenteilige Folgerungen ziehen.

Mit der Privatsphäre verhält es sich wie mit der Gesundheit: Erst wenn sie weg ist, merkt man, wie wichtig sie war. Ohne die Kontrolle darüber, wer was über uns weiss, werden wir anfällig auf Druck, büssen unsere Identität ein. Aber die Auflösung läuft schleichend. Abgesehen von Inseraten, die uns durchs Internet folgen, spüren wir noch kaum negative Folgen. Wir müssen wohl erst am eigenen Leib erfahren, was wir alles verlieren, wenn wir unsere Privatheit aufgeben. Erst dann werden wir diese verteidigen – obwohl es vielleicht zu spät sein wird.

Es handelt sich gar nicht um ein Paradox, sondern um Heuchelei. Das Hochhalten der Privatsphäre hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Das Tun der Menschen zeigt: Es kümmert sie kaum, wer Zugriff auf ihre Daten bekommt, solange sie von den Vorteilen des Internets profitieren. Wir haben uns längst daran gewöhnt, unsere Gefühle online und halb-öffentlich abzuhandeln. Die Privatsphäre braucht viel weniger Schutz, als behauptet wird.

Das Problem an dieser Folgerung ist: Sie hat Konsequenzen, die kaum jemand will. Keine Gesellschaftsform, die auf die Bewahrung von Privatsphäre verzichtet, wirkt erstrebenswert. Solche Versuche enden meist in Zwangskonformismus und sozialer Paranoia.

Doch wie lassen sich Menschen dazu bringen, entsprechend ihren Vorlieben zu handeln? Oder sind wir zu faul, zu ignorant und zu internetsüchtig, um Persönliches für uns zu behalten? Nicht nur. Laut den Autorinnen der Studie fördern Internetfirmen freigiebiges Verhalten, indem sie Einstellungen zur Privatsphäre umständlich formulieren und unattraktiv gestalten. Man be–achtet sie kaum, liest die Verträge nicht zu Ende und denkt: Eine Wahl hat man sowieso nicht.

Daher brauche es Regeln, die für Klarheit sorgten, sagen die Forscher, Regeln, dank denen die Nutzer sich rasch entscheiden können – für oder gegen die Speicherung, die Vermarktung oder den Weiterverkauf der eigenen Daten.

Am besten funktionierte das wohl wie in allen komplizierten Bereichen. Man schafft Labels, etwa eine Art Bio-Gütesiegel für Apps: «Garantiert keine Freilandhaltung Ihrer Daten».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2017, 19:45 Uhr

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