Verschnaufpause im Sprachenstreit

Das Stimmvolk im Kanton Nidwalden sagt Ja zu zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Für die kantonalen Erziehungsdirektoren geht die Zitterpartie trotzdem weiter.

Die Nidwaldner Schülerinnen und Schüler lernen weiterhin ab der 5. Klasse Französisch. Foto: Valerie Chetelat

Die Nidwaldner Schülerinnen und Schüler lernen weiterhin ab der 5. Klasse Französisch. Foto: Valerie Chetelat

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Das Frühfranzösisch hat einen ersten Demokratietest bestanden. Gestern lehnte das Nidwaldner Stimmvolk mit 61,7 Prozent der Stimmen die Fremdspracheninitiative der SVP ab. Die Schülerinnen und Schüler in Nidwalden lernen weiterhin ab der 3. Klasse Englisch und ab der 5. Klasse Französisch. Die Sprachenstrategie «3/5» der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) bleibt so unangetastet. Die kantonale Initiative hatte verlangt, eine der beiden Fremdsprachen nicht mehr in der Primarschule zu unterrichten. Die Nidwaldner Regierung hatte das Volksbegehren unterstützt und bereits einen Vorschlag zur Umsetzung präsentiert: Sie hätte den Französischunterricht auf die Sekundarstufe verschieben wollen.

Das sorgte in der Westschweiz für Empörung und löste sogar im eidge­nössischen Parlament Diskussionen aus. Entsprechend genau verfolgte man ­gestern die Abstimmung in der Westschweiz. Nidwalden habe einen sehr schweizerischen Entscheid gefällt und respektiere die Minderheiten, schrieb der Waadtländer SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab auf Twitter. Und Anne-Catherine Lyon, Präsidentin der Konferenz der Erziehungsdirektoren der Westschweiz und des Tessins, war «beeindruckt von der Deutlichkeit des Entscheids». Enttäuscht zeigte sich der Nidwaldner Regierungspräsident Res Schmid (SVP): «Mir ging es nie um eine Schwächung des Französischunterrichts.» Er habe erreichen wollen, dass Primarschüler mehr Lektionen in ­Mathematik und Deutsch erhielten.

«Wirklich erleichtert»

Die grösste Last dürfte gestern Christoph Eymann, dem Präsidenten der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, von den Schultern gefallen sein. Er sei «wirklich erleichtert», sagte er. Weil es in mehreren Deutschschweizer Kantonen Bestrebungen gibt, den Französischunterricht aus der Primarschule zu streichen, droht der Bund einzugreifen. Das will die EDK unbedingt vermeiden. Eymann hofft, dass dieses «Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit» auch in den anderen Kantonen ankommt. Nun wolle er erst «in Ruhe» weiterarbeiten; die EDK muss im Juni Bilanz darüber ziehen, ob die in der Verfassung verankerte Harmonisierung der kantonalen Schulsysteme gelungen ist. Dazu gehört auch der Sprachunterricht mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Eine davon soll Französisch oder Italienisch sein.

Bundesrat Alain Berset hat bereits mehrfach angekündigt, der Bund werde einschreiten, sollten die Primarschüler in einem Kanton nur noch Englisch lernen. Auch die Bildungskommission des Nationalrats (WBK) möchte den Kantonen vorschreiben, dass spätestens zwei Jahre vor Ende der Primarschule eine zweite Landessprache unterrichtet werden muss. Sie hat eine entsprechende parlamentarische Initiative verabschiedet. Dieses Druckmittel brauche es weiterhin, sagt WBK-Präsident Matthias Aebischer (SP). Denn der weitsichtige Entscheid der Nidwaldner sei nur ein ­«Zwischenhalt». Spätestens im Ständerat dürfte der WBK-Vorstoss nur eine Chance haben, wenn in nächster Zeit tatsächlich ein Kanton aus dem Sprachenkompromiss der EDK ausschert.

Potenzielle Abweichler

Das ist allerdings in mehreren Kantonen möglich: Zum einen in Luzern und Graubünden, wo ebenfalls Volksinitiativen hängig sind. Im Kanton Thurgau muss die Regierung einen Auftrag des kantonalen Parlaments umsetzen. Dieses hatte bereits im vergangenen August beschlossen, den obligatorischen Französischunterricht aus dem Lehrplan der Primarschule zu kippen.

Im Kanton Zürich hat ein Komitee angekündigt, ab Juni Unterschriften für eine Fremdspracheninitiative zu sammeln. Mit Spannung erwartet wird weiter eine Evaluation des Fremdsprachenunterrichts, den die Zentralschweizer Kantone in Auftrag gegeben haben. Die Resultate sollen im Herbst vorliegen. Darauf zählen auch die Abstimmungsverlierer von Nidwalden. «Das Stimmvolk wollte verhindern, dass unser Kanton vorprescht», sagt Christoph Keller, Mitinitiant und Präsident der Nidwaldner SVP. Er sei deshalb gespannt, wie die Zentralschweizer Studie herauskomme.

Doch selbst wenn alle erwähnten Kantone den Englisch- und Französischunterricht auf der Primarstufe beibehalten, bleibt die Disziplinierungsaufgabe der EDK anspruchsvoll. Im Aargau und in Appenzell Innerrhoden lernen die Kinder bis Ende der fünften Klasse weiterhin nur Englisch. Beide Kantone wollen das Frühfranzösisch erst mit dem Lehrplan 21 einführen. Im Aargau ist dies für das Schuljahr 2020/21 vorgesehen.

Erstellt: 08.03.2015, 21:12 Uhr

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