Vertrauter des Zentralrats steht auf US-Terrorliste

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Die Kontakte zwischen dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) und al-Qaida-nahen Rebellen in Syrien sind eng. Gegenseitig unterstützen sie sich bei der Propaganda.
Von Johannes Saal*

Abu Ahmad mag 45 Jahre alt sein. Er trägt einen akkurat geschnittenen, imposanten roten Bart, weisses Hemd und Regenjacke, das Nike-Baseballcap ins Gesicht gezogen. Die tiefen Falten und der sorgenvolle Blick lassen erahnen, dass der syrische Rebellenführer zuletzt einiges durchgemacht hat. Abu Ahmad ist Protagonist in «No Regrets – Die syrische Revolution geht weiter».

Der Film wurde kürzlich auf der Website des umstrittenen Islamischen Zentralrats Schweiz (IRZS) aufgeschaltet. Hergestellt hat ihn Naim Cherni, Departmentsleiter für Kulturproduktion beim Salafistenverein. Ein ähnlich aufgemachter erster Propagandastreifen mit dem Titel «Die wahrhafte Morgendämmerung» hat dem IZRS Probleme mit der Justiz eingetragen. Die Bundesanwaltschaft hat bereits vor fast einem Jahr ein Strafverfahren gegen Cherni eingeleitet. Gestern nun wurde publik, dass diese Ermittlungen auf den Zentralratspräsidenten Nicolas Blancho und Pressesprecher Qaasim Illi ausgedehnt wurden. Bei ihnen wie bei Cherni geht es um den Verdacht auf Verstösse gegen das IS- und Al-Qaida-Gesetz. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe und verweigern die Aussage.

Das verräterische Graffiti

Im Strafverfahren geht es um das ältere Video, aber auch das neuere könnte das Interesse der Terrorermittler wecken. Es zeigt, wie Abu Ahmad durch Felder läuft, Früchte pflückt und kocht. Es wirkt friedlich, fast idyllisch. In anderen Einstellungen reinigt der Syrer seine ­Kalaschnikow oder hält mit Kampfgefährten Wache. Auch erzählt der Rebellenführer von seinem Leben. Sein Vater sei Prediger gewesen, hätte jedoch aufgrund der Kontrolle durch die Staats­sicherheit nicht den Jihad predigen ­dürfen.

Nicht verraten wird, welcher Rebellengruppe Abu Ahmad angehört. Der Protagonist schildert aber, dass er bei der Eroberung des Gouvernements Idlib dabei war. Im Frühjahr 2015 hatte dort das islamistische Rebellenbündnis Jaish al-Fatah der syrischen Armee die Kontrolle entrissen. Zu der von der Türkei und Saudiarabien unterstützten Jaish al-Fatah gehören gemässigtere Gruppen, aber auch die al-Qaida-nahe Nusra-Front (heute Jabhat Fatah Ash-Sham). Zum Zusammenschluss der Assad-Gegner gehörte auch die ebenfalls radikale Ahrar Ash-Sham. Ihr ist Abu Ahmad zuzurechnen. Darauf deutet der neue IZRS-Film hin. Dort posieren Abu Ahmad und seine Kameraden vor einem Graffiti. «Ahrar Ash-Sham, Islamische Bewegung», ist zu lesen.

Viele Führungsmitglieder von Ahrar Asch-Scham gehörten laut Terrorismus-Experte Charles Lister zuvor zum Al-Qaida-Netzwerk. In Deutschland wurden Mitglieder der Rebellengruppe bereits wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation verurteilt.

Erfolgsstory mit Kindersoldaten

Die Bundesanwaltschaft hat ihr IZRS-Verfahren wegen Cherni-Interviews mit dem ideologischen Führer von Jaish al-Fatah, Abdallah al-Muhaysini, eröffnet. Die Gespräche sind Teil des älteren IZRS-Films. Muhaysini ist eine umstrittene ­Figur. Jüngst hat das US-Finanzministerium den saudischen Gelehrten auf seine Liste internationaler Terroristen gesetzt. Das «Long War Journal» rechnet ihn dem globalen Al-Qaida-Netzwerk zu. Als Mitbegründer von Jaish al-Fatah gehört er zu den zentralen integrativen Autoritäten unter radikalen Rebellengruppen in Syrien. Er scheiterte jedoch bei dem Versuch, die Nusra-Front und den IS zu versöhnen.

Naim Cherni erklärte auf einer vorweihnachtlichen Pressekonferenz im vergangenen Jahr, man sei sich «keiner Schuld bewusst». Der Film hätte Jugendliche vom IS abhalten wollen. In seinem ersten Streifen hatte Cherni die Terrormiliz kritisiert, aber zugleich die Scharia-Gesetze gelobt. Für ihn bot ein zerstörter Alkoholladen, den er mit Muhaysini besuchte, einen «eindrücklichen Anblick». Zu bedauern schien er, dass das «Übel» Rauchen weiterhin erlaubt war. Muhaysini versicherte ihm, dass die Implementierung der Scharia ein Prozess sei. Körperstrafen gehörten dazu. Muhaysini schildert zudem die Erfolgsgeschichte Jaish al-Fatahs. Zu dieser zähle auch die Rekrutierung von 600 Jugendlichen aus Idlib für den Jihad.

In den Interviews fällt keine kritische Frage, im dazugehörigen Beitrag kein kritisches Wort über Jaish al-Fatah. Unerwähnt bleibt, dass Muhaysini gelegentlich Selbstmordattentäter verabschiedet. So schickte er persönlich einen britischen Nusra-Kämpfer in den Tod. Trotzdem behauptete Cherni Ende 2015 auf der IZRS-Pressekonferenz: «Muhaysini ist nicht al-Qaida.»

Neben Chernis fehlender ideologischer Distanzierung ist seine persön­liche Nähe zu islamistischen Rebellen augenfällig. Als das IZRS-Vorstandsmitglied im Herbst 2015 von der Türkei nach Syrien reist, holt ihn Muhaysini persönlich an der Grenze ab. Die Begrüssung fällt herzlich aus. Cherni hat als Geschenk Schweizer Schokolade mitgebracht. Muhaysini nimmt den Ankömmling freundschaftlich in den Arm. Cherni spricht ihn ehrvoll als «Scheich» an und lauscht ihm wie ein gelehrsamer Schüler. Abends sitzt man bei guter Laune in Gesellschaft zu reichlich gedecktem Tisch zusammen.

Blumenstrauss vom Jihadisten

Cherni hatte bereits im Ramadan 2014 Bekanntschaft mit islamistischen Rebellen gemacht. So taucht in Aufnahmen von einer IZRS-Verteilaktion von Hilfs­gütern nahe Idlib ein rothaariger Helfer auf, der Abu Ahmad täuschend ähnlich sieht. Vermutlich begleitete er danach bewaffnet Cherni nach Aleppo, wo beide Zeugen eines Grossangriffs der «Mujahedin» der «Islamischen Front» wurden, zu denen auch Ahrar Ash-Sham nominell gehört. Der Mann heisst auf Facebook Ahmad K. und gibt an, aus Ariha, einer Hochburg Jaish al-Fatahs nahe ­Idlib, zu stammen. Neben Abu Ahmad war Cherni bei Facebook mit mindestens zwei Dutzend Syrern, insbesondere aus Ariha, befreundet. Den Online-Profilen zufolge sind manche dieser Personen offensichtlich aktiv aufseiten islamistischer Rebellen in den Bürgerkrieg involviert.

Da ist zum Beispiel Abu Hajr, den Cherni in «Die wahrhafte Morgendämmerung» interviewt. Auf einem Foto taucht er mit einer Flagge der «Islamischen Front» auf. Man kennt und schätzt sich. Der Mann aus Bern und die syrischen Kämpfer liken gegenseitig Beiträge, es werden Nettigkeiten ausgetauscht und unter Chernis Profilfoto Blumenstrauss-Emoticons hinterlassen. Teilweise mischt auch IZRS-Pressesprecher Qaasim Illi mit. Zwar behauptet er, der Zentralrat ergreife «Deradikalisierungs-» und «Präventionsmassnahmen». Doch der Verein mit Sitz in Bümpliz lehnt den Jihad in ­Syrien nicht per se ab. Vielmehr positioniert er sich aufseiten radikaler Gruppen, die im Konflikt mit dem IS stehen.

Unter Nachrufen auf syrische «Märtyrer», bei denen es sich um Nusra-Kämpfer handelt, finden sich Likes der IZRS-Spitze.

In welchem ideologischen Umfeld sich Cherni und Illi bewegen, doku­mentieren auch ihre Interaktionen mit Online-Kontakten in Syrien. Ein Like ­Illis unter einem Foto, welches neben einer Kaffeetasse Patronen und eine Hand­granate zeigt, mag noch harmlos ­wirken. Es erscheint aber seltsam für den ­Sprecher einer Organisation, die angeblich «Friedenskonferenzen» organisiert. Fragwürdiger sind Likes und Kom­mentare der IZRS-Spitze bei Nachrufen auf syrische «Märtyer», bei denen es sich zum Teil um Nusra-Kämpfer ­handelt.

Lob vom RAF-Terroristen

Chernis und Illis syrische Kontakte loben im Gegenzug die Propagandaarbeit des IZRS. So spricht Muhaysini persönlich Dank in die Schweiz aus für die «Ambitionen, ihnen [den syrischen Sunniten] mit den euch zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen». Videos und ­andere IZRS-Aktionen werden von syrischen Jihadisten in Sozialen Medien ­intensiv beworben.

Auch unter deutschsprachigen Radikalen, die der Nusra-Front nahestehen, fand «Die wahre Morgendämmerung» Beachtung und Anerkennung. Ausschnitte oder Screenshots zierten die Onlineauftritte vieler Islamisten und Jihadisten in Deutschland. So lobten und teilten zum Beispiel auch der radikale bosnische Prediger Izzudin Jakupovic, der in Bonn aktiv war, den IZRS-Film. Ihm gleich tat es der ehemalige RAF-Terrorist Bernhard Falk, der mittlerweile in der islamistischen Gefangenenhilfe aktiv ist. Falk, der in den vergangenen zwei Jahren immer wieder den Kontakt zu Schweizer Islamisten suchte, sprach seine Unterstützung aus, nachdem er von den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen Cherni erfuhr.

«Politischer Schauprozess»

Auch der neue IZRS-Film bekommt Zuspruch von Jihadisten, auch in schwerer zugänglichen sozialen Netzwerken: Chernis Interview mit Abu Ahmad wurde kürzlich von dem Telegram-Kanal Hijra Sham (Ausreise nach Syrien) gelobt: «Möge Allah den Bruder dafür belohnen, dass er regelmässig Syrien besucht, dabei sein Leben riskiert, um den Muslimen vor Ort zu helfen und von der Wahrheit zu berichten.» Hinter Hijra Sham steckt ein deutschsprachiger islamistischer Rebell in Syrien. In seinen Beiträgen ruft er regelmässig deutsche Muslime dazu auf, sich dem Jihad in ­Syrien anzuschliessen. In einem österreichischen Terrorverfahren sagte einer der Angeklagten aus, dass Hijra Sham auch aktiv bei der Übersiedlung nach ­Syrien behilflich sei.

Der IZRS sieht in den Schweizer Ermittlungen einen «politischen Schauprozess», dem man gelassen entgegensehe. Die Bundesanwaltschaft, so liess Zentralratspräsident Blancho verlauten, solle sich «bewusst sein, dass wir ohne Sack über dem Kopf unsere Sache offen und bestimmt vertreten werden». Man lasse sich nicht «in die terroristische Ecke» drängen.

Nachdem bekannt wurde, dass sich die schweizerischen Terrorermittler für die Kontakte der Zentralratsspitze zu ­syrischen Jihadisten interessieren, wurden postwendend einzelne Facebook-Freundschaften aufgekündigt. Auch verschwanden plötzlich Profile und Profilfotos von syrischen Kontakten der ­Berner Salafisten.

* Johannes Saal ist Religionswissenschafter und forscht an der Universität Luzern zu jihadistischen Netzwerken.

Erstellt: 25.11.2016, 23:27 Uhr

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