Ein Spielsüchtiger erzählt von den Tricks der Onlinecasinos

Das Suchtrisiko von Glücksspielen im Internet ist nachweislich grösser: Beratungsstellen führen inzwischen Wartelisten.

Der Spielsüchtige T. zeigt eines seiner bevorzugten Online-Glücksspiele. Foto: Sabina Bobst

Der Spielsüchtige T. zeigt eines seiner bevorzugten Online-Glücksspiele. Foto: Sabina Bobst

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Und das alles nur wegen «Romeo und Julia»: T. hat einen hohen fünfstelligen Betrag verspielt. Schulden bedrängen ihn. Er kann die Miete nicht zahlen, hat sich mit Freunden und Verwandten zerstritten. Nun sitzt er im Büro seines Therapeuten in Zürich und erzählt, wie ihn ein Online-Glücksspiel, das mit Motiven aus Shakespeares Tragödie illustriert ist, wieder einmal das letzte Geld gekostet hat. T. ist seit vielen Jahren spielsüchtig. Einst zockte er an klassischen Spielautomaten, heute greift er zum Smartphone.

Die Spiele funktionieren on- und offline nach dem gleichen simplen Prinzip wie die Automaten: Auch auf dem Bildschirm blinkt und scheppert es. Das Suchtrisiko ist online jedoch nachweislich grösser, denn «Romeo und Julia» und ver­gleichbare Spiele wie «Buch des Todes» oder «Phantom der Oper», von denen T. nicht loskommt, sind stets verfügbar. Die Spieler müssen keinen Schritt nach draussen machen. Im privaten Raum kommt es schneller zum Kontrollverlust, die Einsätze steigen rascher, man spielt häufiger.

«Wenn ich Geld und Zugang zu einem Spiel habe, zocke ich», sagt T. Bis zu 100 Euro können bei «Romeo und Julia» mit einem Klick verspielt werden. Und bei einem Klick bleibt es bei T. meist nicht: «Wenn ich spiele, bin ich wie in einem Tunnel und vergesse alles um mich herum.» Vor allem dann, wenn er Verluste macht. Die versucht T. mit hohen Einsätzen auszugleichen, über Stunden, allein bei sich zu Hause.

Er habe häufig mit Fällen wie T. zu tun, sagt sein Therapeut Franz Eidenbenz vom Zürcher Zentrum für Spielsucht Radix. Der junge Mann um die 30, der in der Gastronomie arbeitet, hat sich hier selber angemeldet. Die Anfragen hätten stark zugenommen, sagt Eidenbenz. Über 70 Prozent seiner Klienten spielen nur oder auch Online-Glücksspiele. Rund 150 Fälle von Glücksspielsucht betreut das Zentrum im Moment.

Auch Suchtberater aus Basel, dem Aargau und Bern bestätigen, dass sie immer häufiger mit Klienten zu tun haben, die vor allem online spielen. «Wir bauen laufend aus und stossen trotzdem an Grenzen», sagt Renanto Poespodihardjo von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Sowohl in Basel als auch in Zürich haben die Beratungsstellen inzwischen Wartelisten. «Die Schweiz hat hier ein Problem», sagt Suzanne Lischer, Dozentin an der Hochschule Luzern und Spezialistin für das Thema Spielsucht.

Onlinecasinos nutzen die Schwäche der Zocker aus: Sie zahlen Gewinne verzögert aus.

Das Problem könnte sich verschärfen: Im Juni wird über das neue Geldspielgesetz abgestimmt. Bislang sind Online-Glücksspiele in der Schweiz verboten. Wer spielen will, weicht auf Anbieter im Ausland aus. Neu sollen die Betreiber der hiesigen Casinos eine Onlinelizenz erhalten. Davor warnte gestern Sucht Schweiz in einem Bericht. Nadia Rimann, Glücksspiel-Expertin der Stiftung, sagt: In anderen Ländern habe die Legalisierung dazu geführt, dass Spieler gewonnen werden konnten, die vorher auf anderen Kanälen spielten – vor allem, weil legale Onlinespiele beworben werden dürften. Das Resultat sei klar: mehr Süchtige.

Auch im Onlinecasino gilt die Regel: Am Ende gewinnt die Bank. Im Fall von «Romeo und Julia» ist das eine Gesellschaft auf Malta. Die Insel ist bekannt für ihre lasche Aufsicht. T. erzählt von einer Methode, die die Schwäche von Spielsüchtigen ausnutzt: Gewinne werden nur mit zeitlicher Verzögerung ausbezahlt. Er habe mehrmals einige Tausend Euro gewonnen. Die Auszahlungen seien aber limitiert auf 2000 Euro pro Monat, und selbst bei kleineren Beträgen müsse mehrere Tage gewartet werden. «Das habe ich nie geschafft. Ich habe das Geld jedes Mal vorher verspielt», sagt T. Dieses Phänomen beo­bachtet Therapeut Eidenbenz bei den meisten Süchtigen.

Die Rechtsabteilung des Malteser Onlinecasinos schreibt, dass man die Identität des Kunden vor einer Auszahlung verifizieren müsse. Die Dauer dieses Prozesses hänge davon ab, wie schnell der Kunde die verlangten Dokumente vorweise. Ausserdem akzeptiere man «derzeit» keine Spieler aus der Schweiz. T. hatte sich allerdings ohne Probleme mit einer Schweizer Telefonnummer und Adresse angemeldet. Therapeut Eidenbenz bestätigt: «Alle unsere Klienten finden einen Zugang zu ausländischen Anbietern; falls es beim einen Probleme gibt, wählen sie den nächsten.»

Hausverbot für 50'ooo Personen

Gesperrt wurde T. auf Malta nicht, weder wegen seines Wohnsitzes noch wegen der hohen Verluste. Schweizer Casinos dagegen sind gesetzlich verpflichtet, auffällige Spieler frühzeitig zu erkennen und sie auszuschliessen. Dozentin Lischer hat den Umgang mit Spielsperren in der Schweiz untersucht. Die Casinos setzten das Gesetz konsequent um, sagt sie. Über 50'000 Personen wird derzeit der Zutritt zu Schweizer Casinos verweigert. Spezialist Franz Eidenbenz sagt: «Auch in klassischen Casinos zeigen sich Suchtprobleme, doch dank der Schutzmassnahmen lassen sie sich relativ gut bekämpfen.»

Allerdings werden Sperren oft umgangen, indem Spieler ins Ausland ausweichen. Sie besuchen klassische Casinos nahe der Grenze und immer öfter Onlinecasinos. Die Schweizer Casino­betreiber sehen dies als Argument, um selber die Erlaubnis für Onlinespiele zu erhalten. Im Gegenzug würde, wie im neuen Gesetz vorgesehen, der Zugang für Schweizer Internetnutzer zu aus­ländischen Angeboten blockiert. «Heute haben wir beim Online-Glücksspiel ein grosses Problem», sagt deshalb auch Marc Friedrich vom Verband der einheimischen Casinos. Die Zahl der ausländischen Spielangebote sei riesig, Schutzvorkehrungen vor Spielsucht jedoch fehlten fast völlig. Aus seiner Sicht würde das neue Gesetz dieses Problem entschärfen: «Es bringt online ein legales Angebot mit entsprechenden Kontrollen.»

Viel Geld für die AHV

Bislang dominieren zwei Blöcke die Debatte um das neue Gesetz: Mehrere Jungparteien haben, unterstützt von ausländischen Glücksspielanbietern, das Referendum ergriffen. Ihr Motto: «Nein zur Internetzensur». Im Parlament hatten zuvor die einheimischen Casino­betrei­ber gesiegt. Fast jeder zweite Franken, den sie verdienen, fliesst in die AHV oder an die Kantone. Eine grosse Mehrheit der Politiker will sie daher vor ausländischer Konkurrenz schützen. Finanzielle Eigeninteressen wurden im Bundeshaus aber auch höher gewichtet als der Spielerschutz: Eine zusätzliche Suchtabgabe von 0,5 Prozent auf die Online-Erträge der Casinos blieb chancenlos.

Das Zürcher Zentrum für Spielsucht wird wie andere Beratungsstellen auch durch die zweckgebundene Abgabe von 0,5 Prozent der Erträge der Schweizer Lotterien finanziert. «Das Geld reicht angesichts der wachsenden Nachfrage nach Behandlungen nicht mehr», sagt Therapeut Eidenbenz. Der Casinoverband findet hingegen: «Wir tun schon heute so viel gegen Spielsucht, da braucht es keine zusätzliche Abgabe.»

Für T., den Spielsüchtigen, ist das ein Nebenschauplatz. «Komplett verboten werden sollte das Glücksspiel», sagt er. Und wenn nicht, dann müsse überall der Zugang erschwert werden. Er sei bequem, sagt T. «Wird der Aufwand zu gross, verliere ich die Lust am Spiel.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 09:17 Uhr

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Junge Männer und Millionen

Aktuelle Erhebungen zur Zahl der Spielsüchtigen in der Schweiz sind nicht verfügbar. Es fehlt zudem an einem Monitoring, mit dem die Entwicklung über die Jahre verfolgt werden könnte. Grobe Schätzungen aus früheren Jahren gehen von 70'000 bis 80'000 exzessiven Spielern aus. Es sind mehrheitlich jüngere Männer.

Der Bruttospielertrag der Schweizer Casinos beträgt im Jahr knapp 700 Millionen Franken. Davon müssen sie die Hälfte an AHV und Kantone abgeben. Die Lotterien nehmen pro Jahr rund 1 Milliarde ein, wovon zwei Drittel an Projekte in den Bereichen Kultur, Sport oder Soziales fliessen. Demgegenüber stehen die sozialen Kosten der Spielsucht: geschätzt rund eine halbe Milliarde pro Jahr.

Die Schweizer Casinos haben Ein­nahmen verloren: über 300 Millionen Franken innert 10 Jahren. Ihr Verband schätzt, dass pro Jahr Spieleinsätze in der Höhe von 300 bis 400 Millionen Franken aus der Schweiz ins Ausland fliessen. (ldc)

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