Viele Asylmillionen fliessen nach Zürich

Zwei Organisationen mit Sitz in Zürich teilen sich in der Schweiz einen lukrativen Markt: die Betreuung von Asylsuchenden.

Spärliche Unterkunft: Blick auf das Asylzentrum Juch, betrieben von AOZ, in Zürich Altstetten. Bild: Keystone

Spärliche Unterkunft: Blick auf das Asylzentrum Juch, betrieben von AOZ, in Zürich Altstetten. Bild: Keystone

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Manchmal kommt es anders, als man denkt. Das passiert auch erfolgreichen Geschäftsmännern. So sagte Eric Jaun, ehemaliger Direktor der Firma ORS, vor 15 Jahren: «Für uns ist es kein primäres Ziel, in die Flüchtlingsbetreuung einzusteigen.» Damals setzte sein Unternehmen im Jahr 10 Millionen Franken um – und Jaun bezeichnete es gegenüber der «Handelszeitung» als «kleinen Fisch». Heute hat sich die Welt des ORS verändert. Die Firma aus Zürich hat sich zum Asylgiganten entwickelt. Sie führt Unterkünfte für den Bund, für Kantone und Gemeinden. In Österreich ist sie praktisch alleinige Markt-Playerin und führt auch in Deutschland ­bereits zwei Asylzentren.

Ein kleiner Fisch ist die ORS heute nicht mehr – mit einem Umsatz von 65 Millionen Franken im Jahr. Jaun ist inzwi­schen pensioniert, bleibt aber am Ge­winn und am Geschick der Firma ­beteiligt: Er ist Verwaltungsratspräsident der ORS und der Holding dahinter – der OX Holding AG mit Sitz im steuergünstigen Baar. Jaun selbst wohnt in der Steueroase Pfäffikon SZ. Laut der «Welt­wo­che» besitzen er und der heutige Chef, Stefan Moll-Thissen, selbst einen Teil der ORS. Diesen sollen sie sich ­mithilfe der Beteiligungsgesellschaft Equistone gekauft haben. ORS bestätigt lediglich, dass Equistone ihre Haupt­aktionärin ist.

Bund verdoppelt Ausgaben

Nicht nur die Gegenwart, auch die Zukunft des Unternehmens sieht rosig aus. Das Geschäft mit den Asylunterkünften wird lukrativ bleiben. Mehr als 150 Millionen Franken jährlich gibt der Bund in den nächsten Jahren für den Unterhalt von Asylzentren aus – ungefähr doppelt so viel wie bisher. So hoch schätzt er die Ausgaben, die anstehen, sobald er 5000 Plätze zur Verfügung hat. Und die Asylbewerber, so der Plan, im Schnellzugstempo durch die Verfahren geschleust werden. Diesen Markt teilen sich heute mehrheitlich zwei grosse Anbieter mit Sitz in Zürich, eben die ORS und die halbstädtische Asylorganisation Zürich (AOZ). Dazu kommen Sicherheitsfirmen wie die Securitas.

Im Auftrag des Bundes werden die ORS und die AOZ in den Zentren die Asylbewerber betreuen, wie sie es bereits heute im ersten Testzentrum des Bundes in der Stadt Zürich oder im Asylzentrum Altstätten SG tun. Diese Aufträge haben sie sich zumindest bis Ende 2019 gesichert. Das Staatssekretariat für Migration bestätigt: Sie werden die «heutigen und künftigen Asylzentren des Bundes führen». An welchen Orten diese stehen werden, wird erst nach und nach bekannt. Dennoch sind die Aufträge befristet vergeben.

Wie viel von den budgetierten 150  Millionen Franken die Firmen erhalten, ist noch unbekannt. Es gibt lediglich Anhaltspunkte, die Schätzungen erlauben – auch in Bezug auf den Gewinn. Allein der einjährige Testbetrieb des Zürcher Zentrums Juch hat sich auf die Bücher der Asylorganisation Zürich gut ausgewirkt: Sie machte 2014 einen Gewinn von 2 Millionen Franken. Vom Bund erhielt sie für alle Aufträge 18,3 Millionen Franken. Die ORS verschweigt ihren Gewinn. Zu­mindest jenen, den sie in der Schweiz ­erwirtschaftet.

Umstrittene Geschäfte

Sowohl die Tatsache, dass im Asyl­bereich Geld verdient wird, als auch die Art und Weise führen immer wieder zu Kritik – wie zurzeit in Österreich. Politiker und NGOs werfen der ORS vor, Asylbewerber schlecht zu betreuen. Anders als die Mutterfirma hat die österreichische ORS ihre Zahlen offengelegt: 2013 hat sie 22'000 Flüchtlinge betreut, hat vom österreichischen Staat dafür knapp 21 Millionen Euro erhalten und laut dem österreichischen TV-Sender ORF rund 540'000 Euro Gewinn gemacht. Die grüne Politikerin und Nationalratsabgeordnete Eva Glawischnig stört grundsätzlich, dass gewinnorientierte Unternehmen überhaupt Asyl­zentren führen.

Diese Kritik ist in der Schweiz auch zu hören – vor allem hinter vorgehaltener Hand. Viel mehr wird aber hier infrage gestellt, ob eine Organisation wie die Asylorganisation Zürich (AOZ) im grossen Stil ins Geschäft mit den Asylzentren einsteigen soll. Der Stadtzürcher FDP-Gemeinderat Marc Bourgeois sieht nicht ein, weshalb eine halbstädtische Or­ganisation wie die AOZ mit dem Kapital der Steuerzahler Risiken eingehen soll, um allenfalls Gewinne zu erzielen. Er fordert: «Wenn die Organisation schon gegen private Anbieter antreten will, sollte sie privatisiert werden.» Ansonsten zweifelt er daran, dass hier ein fairer Wettbewerb spielt. Um den Wettbewerb im Asylgewerbe ist auch der Bündner SVP-Nationalrat Heinz Brand besorgt. Er verlangte vor Jahren, dass die Betreuungsaufträge öffentlich ausgeschrieben werden. Noch heute ist er überzeugt: «Das ist ein grosses Geschäft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2015, 08:51 Uhr

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