Vielfalt macht die Schweiz aus

Hassbotschaften und antisemitische Vorfälle nehmen zu. Alle Schweizer müssen gemeinsam dem Hass den Nährboden entziehen.

Friedliches Miteinander: Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern, Michael Kohn (l.), und sein Vater tragen eine mit dem YB-Logo bestickte Kippa. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Friedliches Miteinander: Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern, Michael Kohn (l.), und sein Vater tragen eine mit dem YB-Logo bestickte Kippa. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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Antisemitismus und die Sicherheit jüdischer Einrichtungen sind und bleiben drängend, weltweit. Diese Geschichte schreibt sich leider fort und fort. Alleine im letzten halben Jahr gab es schreckliche Attentate auf religiöse Einrichtungen und Minderheiten, darunter auf zwei Synagogen in Pittsburgh und San Diego. Für uns in der Schweiz scheint das alles manchmal weit weg. Doch wir dürfen trotz der scheinbar heilen Welt nicht die Augen davor verschliessen, dass die Sicherheitslage kritisch ist. Auch hier gibt es Übergriffe, auch hier gibt es antisemitische Einstellungen.

Entsprechend haben wir seit Jahren an unseren Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet. Und auch seit Jahren tragen wir diesen Aufwand alleine. Nun endlich sehen wir aber auch ganz konkrete Zeichen, dass Bund, Kantone und Städte unsere Bemühungen anerkennen und Wege finden, uns zu unterstützen.

Viele sagen, wir bewegen uns hier ja in einem Bereich der Extreme. Dem möchte ich widersprechen. Hass und Ablehnung müssen bekämpft werden, heute und überall. Wir müssen uns aber auch um die Grundlagen unserer Gesellschaft kümmern. Die Werte und das Selbstverständnis einer Gesellschaft können dem Hass seinen Nährboden entziehen. Wenn negativ besetzt, können sie dem Hass aber auch einen Nährboden bieten.

Eine offene Gesellschaft?

Wir beobachten in der Schweiz zunehmend, dass das Verständnis für Religion und besonders für Minderheitsreligionen abnimmt. Dies hat einerseits mit der fortschreitenden Säkularisierung zu tun. Darüber hinaus scheint es auch fast so, dass sich schleichend ein Menschenbild verfestigt, das festlegt, wie jemand zu leben und zu sein hat. Den Lebensweisen, die nicht dem Mainstream entsprechen, wird wenig Platz eingeräumt. Mit Vielfalt hat das wenig zu tun, obwohl dabei sehr oft von einer offenen und liberalen Gesellschaft gesprochen wird.

Dies führt zum Beispiel dazu, dass die Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen von immer mehr Menschen als inakzeptabler Eingriff in die Souveränität des Kindes und von einigen sogar als Kindesmissbrauch angesehen wird. Dabei herrscht oft die Meinung vor, dass sich das Menschenrecht auf freie Religionsausübung stets hinter alle anderen Menschenrechte einreihen müsse.

«Es sind die Unterschiede, welche die Vielfalt und das Schöne dieses Landes ausmachen.»

Gleichzeitig sehen wir auch eine wachsende Ablehnung ganz allgemein von Minderheiten. In der Politik werden immer häufiger auf populistische Weise Minderheiten als Sündenböcke für jegliche Probleme missbraucht. Damit im Zusammenhang steht die schon fast unglaubliche Zunahme von antisemitischem und allgemein rassistischem Hate Speech, besonders in den sozialen Medien.

Zurück zu Gotthelfs Zeiten

Ich denke darum, es ist berechtigt, sich die Frage zu stellen: Ist unsere Schweiz immer noch das Land der Vielfalt, als das wir Schweizer es so gerne sehen? Ein Land, in dem auf sehr kleinem Raum Menschen verschiedener Sprachen, Konfessionen, Religionen und Kulturen friedlich miteinander leben? Ich habe auch oftmals das Gefühl, dass viele Menschen gar nicht unbedingt ein vielfältiges und buntes Land wollen. Sie sehnen sich eher nach einem Land wie zu Gotthelfs Zeiten, mit Bewohnern, die christlich, weiss und heterosexuell sind.

Doch was bedeutet dies für uns Minderheiten, ja für alle Menschen in der Schweiz? Es kann eigentlich nur eines bedeuten, nämlich dass wir uns tagtäglich dafür einsetzen müssen, dass die Schweiz ein Land geeint in der Vielfalt bleibt. Dies kann aber nur funktionieren, wenn wir miteinander reden und uns nicht hinter Unwissenheit und Misstrauen verstecken.

Vor allem müssen wir aber auch akzeptieren, dass wir nicht alle gleich sind. Es sind die Unterschiede, welche die Vielfalt und das Schöne dieses Landes ausmachen. Dafür müssen wir Sorge tragen und es auch manchmal aushalten, dass wir nicht alle gleich aussehen, uns gleich verhalten oder gleich denken. Trotzdem sind wir alle Teil der Schweizer Bevölkerung, und nur zusammen bringen wir uns und dieses Land weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2019, 10:49 Uhr

Zur Person

Herbert Winter ist der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. Der Text ist eine gekürzte Version einer Rede, die er am 19. Mai in Zürich gehalten hat. Foto: PD

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