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Viktor allein in Moskau

Der Privattrip eines Schweizer Ermittlers nach Moskau ist heikel – auch für seine Chefs.

MeinungThomas Knellwolf
Gefährliches Pflaster für Schweizer Polizisten: Der Rote Platz in Moskau. Foto: Getty Images
Gefährliches Pflaster für Schweizer Polizisten: Der Rote Platz in Moskau. Foto: Getty Images

Natürlich hätte er nicht auf eigene Faust nach Moskau reisen dürfen. Natürlich hätte er sich dort nicht während seiner Ferien mit der Generalstaatsanwaltschaft austauschen dürfen. Natürlich hätte er sich auch nicht mit Anwälten treffen dürfen in – wie er selber sagt – «sehr sensiblen Fällen». Und erst recht nicht hätte er sich die Nächte im Moskauer Luxushotel von den Russen bezahlen lassen dürfen.

Doch all dies tat Viktor K. (Name geändert) auf seinem privaten und doch sehr geschäftlichen Trip in die russische Hauptstadt. Der langjährige Russlandexperte der Bundeskriminalpolizei und der Bundesanwaltschaft weilte in der Altjahrwoche 2016 drei Tage in Moskau, obschon ihm sein Vorgesetzter die Reise untersagt hatte. Deshalb hat der Bund Viktor K. wegen Amtsmissbrauchs und Bestechung angezeigt. Deshalb wurde er entlassen. K. wehrt sich dagegen. Doch nun hat das Bundesverwaltungsgericht den Rausschmiss für rechtens erklärt.

Es scheint ein verständlicher Entscheid zu sein. Ein Njet des Chefs ist ein Njet, über das sich ein Untergebener keinesfalls hinwegsetzen darf. Selbst wenn die verbotene Reise noch so wichtig ist und «in jedem Moment im vollen, wohlverstandenen Interesse der schweizerischen Strafverfolgung», wie Viktor K. in einer schriftlichen Rechtfertigung betont. Und selbst wenn die Begründung des Vorgesetzten («zahlreiche Überstunden und Ferienguthaben») noch so kleinlich scheint.

Verdacht auf Führungsmängel

Wer als Polizist nicht spurt, handelt eigenmächtig und gefährdet Ermittlungen. Der Entscheid, K. zu entlassen, wirkt unumgänglich. Doch er ist es nicht. Der Geschasste kann ihn anfechten. Und er hat dabei nicht die schlechtesten Karten, sofern zusätzliche Beweise erhoben und Zeugen angehört werden. Beides hat das Bundesverwaltungsgericht nicht getan. Für die Chefs des Rausgeworfenen könnte es peinlich werden, wenn sie zu Aussagen antraben müssen. Dann wird sich zeigen, wo es Führungsmängel gab. In internationalen Untersuchungen von Geldwäsche und organisierter Kriminalität, bei denen Abermillionen verschwanden und es Tote gab, hat Viktor K. über Jahre mehr oder weniger unkontrolliert gearbeitet. Seine Freiräume waren wie seine Fälle: gigantisch. Weil er zwischen der Bundeskriminalpolizei und der Bundesanwaltschaft – zwei getrennten Behörden mit gemeinsamen Aufgaben – hin- und herpendelte, fühlte sich niemand so richtig für ihn zuständig.

Formell war K. einem Kommissariatsleiter der Polizei unterstellt, der sich gemäss seinen Einlassungen weit mehr für Bürokratie als für die Russlandfälle interessierte. Faktisch arbeitete er oft direkt für Staatsanwalt Patrick Lamon. Lamon ist ein Mann mit Vorgeschichte. Aufgefallen ist er beispielsweise, als er gegen die Tamil Tigers mit falschem Anfangsverdacht operierte (was er bestreitet). Nicht aufgefallen ist er hingegen vor Gericht. Obwohl er seit Jahren prestigeträchtige Fälle untersucht, hat er kaum eine Anklage zustande gebracht. Neuerdings darf er sich «Verantwortlicher Geldwäsche» der Bundesanwaltschaft nennen. Aber durch allzu grossen Tatendrang fiel er in den Russlandfällen nicht auf.

Weder faul noch passiv

Viktor K. kann man weder Faulheit noch Passivität vorwerfen. Vielleicht aber Naivität. In Moskau wurde er ernster genommen und sicher zuvorkommender behandelt als in Bern. Die russische Generalstaatsanwaltschaft zahlte ihm nicht nur das Dach über dem Kopf, sondern fädelte für ihn auch gleich noch ein Treffen mit Anwältin Natalia Weselnizkaja ein, die knallhart für russische Interessen lobbyiert – sogar bei Donald Trumps Sohn und Schwiegersohn.

Hat K. deshalb in seinen Untersuchungen in der Schweiz diese Interessen über Gebühr einfliessen lassen? Ist er gar ein russischer Maulwurf beim Bund, wie es ein geschädigter amerikanisch-britischer Russlandinvestor insinuiert? Oder ist K. ein aufrechter, aber übereifriger und unkontrollierter Anti-Beamter? Die Antworten auf diese Fragen hängen auch von der Bewertung des Verhaltens weit höherer Strafverfolger des Bundes ab. Das muss nun untersucht werden. Viktor K. war zwar allein in Moskau. Aber für ihn und für die Verfahren, die nun bedroht sind, sind andere verantwortlich.

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