Viola Amherd, die Anti-Couchepin

Die neue Bundesrätin mag es trocken und emotionslos. Wird sie auf der grossen Bühne bestehen?

Die Wahl von Viola Amherd löste bei den CVP-Frauen grosse Emotionen aus. Video: Tamedia
Video: Alessandro Della Valle/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das wird die spannendste Wahl seit langem. Meinten im Vorfeld viele. Von wegen: Viola Amherd wurde gestern im ersten Wahlgang mit spektakulären 148 Stimmen als neue CVP-Bundesrätin gewählt. Damit übertrumpfte sie sogar ihre Vorgängerin Doris Leuthard, die 2006 mit 133 Stimmen gewählt worden war. Amherds Triumph ist umso imposanter, als ihr die Partei mit Regierungsrätin Heidi Z’graggen eine Konkurrentin zur Seite gestellt hatte, während Leuthard seinerzeit solo antreten durfte.

Hinzu kommt, dass die letzten Wochen für Viola Amherd schwierig waren. Stärker als die anderen Kandidierenden sah sich die 56-jährige Anwältin und Notarin mit negativen Schlagzeilen konfrontiert, unter anderem wegen eines Streits um Notariatsgebühren. Doch weil sie sich nicht nervös machen liess, haben ihr die Angriffe womöglich sogar geholfen. Diverse Parlamentarier zeigten sich beeindruckt, wie offen und sachlich sie auf die Vorwürfe reagierte.

Video: Viola Amherd im ersten Wahlgang zur Bundesrätin gewählt

Die unbekannte Bundesrätin

Nun krönt Amherd ihre Karriere: vom Briger Stadtpräsidium via Nationalrat in die Landesregierung. Was ist von ihr zu erwarten? Gespräche mit Nationalräten, die mit Amherd in Kommissionen zusammengearbeitet haben, lassen einige Schlüsse zu. Zunächst einmal erhält sie links wie rechts viel Lob, aus der eigenen Partei sowieso. Hans Egloff (SVP) zum Beispiel rühmt sie ausführlich, Matthias Aebischer (SP) sowie Karl Vogler (CVP) sind geradezu euphorisch.

Die Stichworte wiederholen sich: stets gut vorbereitet, sattelfest, engagiert, ernsthaft, kooperativ, berechenbar, klar, pragmatisch, überzeugend. Und vor allem: keine Blenderin. Manche freuen sich darüber, dass das Parlament eine Frau gewählt hat, die im Land kaum bekannt ist. Einerseits hat Amherd nie das Scheinwerferlicht gesucht; andererseits hat sie sich in den grossen, umkämpften Themen der letzten Zeit – von Europa über Altersvorsorge bis Migration – nie exponiert.

Vom Hintergrund auf die Bühne

Andere legen diese Zurückhaltung negativer aus. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, Amherd fehle das Charisma, die Ausstrahlung, gelegentlich auch die Empathie, um die Leute zu überzeugen oder gar mitzureissen. Wird sie vor einer Volksabstimmung in der Lage sein, eine umstrittene, komplexe Vorlage anschaulich zu erklären und entschlossen zu verteidigen?

Amherd sagt von sich selber, sie sei eher die stille Schafferin im Hintergrund, eine, die es trocken und emotionslos mag. In Bern sind viele gespannt, wie sie auf der grossen Bühne bestehen wird, die nun auf sie wartet. Augenfällig ist der Kontrast zur Vorgängerin Leuthard, die «Strahlefrau», die schon vor ihrer Wahl populär war und dank ihrer gewinnenden Art mit einem Vorsprung in manche Debatte starten konnte.

Nicht wie Couchepin, nicht wie Cassis

Aufschlussreich ist auch der Vergleich Amherds mit dem letzten Walliser Bundesrat, dem 2009 zurückgetretenen Pascal Couchepin (FDP). Ihn als stillen Schaffer im Hintergrund zu bezeichnen, käme wohl niemandem in den Sinn. Er liebte den grossen Auftritt und die leidenschaftliche Debatte. Um ein Thema zu lancieren, schreckte er auch nicht vor einer Provokation zurück. Das Paradebeispiel: Rentenalter 67. Solches ist von Amherd sicher nicht zu erwarten.

Das sieht auch CVP-Nationalrat Thomas Egger so, der als Walliser beide, Amherd wie Couchepin, aus der Nähe kennt. Er beschreibt Amherd als kontrollierte, beherrschte Person, die sich keinesfalls unbedacht äussert oder auf den Tisch haut. Egger kann sich auch nicht vorstellen, dass Amherd ein Lapsus unterläuft wie vor einigen Monaten Aussenminister Ignazio Cassis (FDP), als er mit ein paar spontanen Sätzen am Radio die Diskussion um das Rahmenabkommen mit der EU eskalieren liess.

Amherd sucht positiven Streit

Thomas Egger sagt über Viola Amherd, sie arbeite sehr hart. «Sie vernetzt sich gut und sichert sich noch besser ab.» Amherd habe ein gutes Gespür dafür, ob und wie sie mit einem Geschäft eine Mehrheit finden könne. Das war auch eine Stärke von Doris Leuthard, die mehr als einmal in wichtigen Fragen nachgegeben hat, um nicht das ganze Projekt zu gefährden. Dasselbe erwartet Egger auch von Amherd. Das Parlament hat eine nüchterne, flexible Pragmatikerin gewählt, keine Überzeugungstäterin.

Dennoch: Gelegentlich wird es mit ihr auch Streit geben im Bundesrat. Dies prophezeite Viola Amherd selber, gestern an ihrer ersten Medienkonferenz, die sie souverän meisterte. Streit? Echt jetzt? Sie ergänzte umgehend, sie meine Streit natürlich im positiven Sinne der Lösungssuche. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 16:10 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich arbeite lieber im Hintergrund»

Interview Viola Amherd mag es emotionslos und rational. Die CVP-Favoritin über Zuwanderung, die EU und Kritik aus ihrer Heimat. Mehr...

«Vielleicht geschah es aus Frust über seine Abwahl»

CVP-Bundesratskandidatin Viola Amherd geht nach den Vorwürfen in der Mietzinsaffäre in die Offensive. Auch gegen Oskar Freysinger. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...