Tim Guldimann hat sich völlig verrechnet

Der «Internationalrat» hat den Bettel nach der Halbzeit hingeworfen. Warum keiner seiner Rücktrittsgründe überzeugt.

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Die Begeisterung unter den Zürcher Genossen war gross, als er 2015 überraschend ankündigte, dass er für den Nationalrat kandidieren wolle. Er, der Spitzendiplomat, der 1996 in Tschetschenien den Waffenstillstand vermittelte, der die Schweiz als Botschafter in Berlin vertrat und der hochkompetent und brillant zu reden weiss. Und der dennoch im Pulli vor sein Publikum tritt, mit diesem gütigen Blick durch die runden Brillen­gläser schaut und sagt: «Ich bin der Tim.»

Es gab zwar auch Bedenken in der Partei, denn der «Internationalrat» hatte nicht vor, mit seiner Familie von Berlin nach Zürich ziehen. Als Nationalrat, so rechneten Genossen vor, müsste er so jedes Jahr 20-mal von Deutschland in die Schweiz reisen. Aber die Begeisterung einer Mehrheit war so gross, dass sie ihre umweltpolitischen Grundsätze vom Tisch wischte und den ehemaligem Botschafter vor anderen altgedienten Politikern auf den 10. Platz ihrer Nationalratsliste setzte, ein nicht nur dekorativer, sondern auch hoffnungsvoller Platz. Denn: «Was ist das höhere Gut: ein paar zusätzliche Flüge oder eine klare und anerkannte Stimme in Bern?», fragten seine Anhänger.

Im Tram ist es nicht wie in der U-Bahn

Nun, nach nicht einmal zweieinhalb Jahren im Bundeshaus, gibt Tim Guldimann bereits seinen Rücktritt bekannt. Aber keiner der Gründe, die er in seinem länglichen Rücktrittsschreiben oder in Interviews nennt, überzeugt. So sagt er etwa, dass es im Zürcher Tram anders sei als in der Berliner U-Bahn. Und dass sich die Wählerschaft aus der Ferne schlecht spüren lasse. Nur: Das hätte er auch schon vor seiner Wahl wissen müssen. Auch seine familiäre Situation, die Guldimann als zweiten Grund für seinen Rücktritt angibt, kann keine Überraschung für ihn gewesen sein. Seine Frau, eine «Spiegel»-Journalistin, habe während seiner Karriere als Diplomat auf vieles verzichtet, sagte er gegenüber dieser Zeitung und fragt: «Warum nicht einmal umgekehrt?»

Nur einer von vielen

Tim Guldimann wurde wohl vielmehr das zum Verhängnis, was ihm ins Bundesparlament geholfen hat: dass er ein bekannter Diplomat war. Aber er war kein Politiker. Er hat sich nicht über Jahre hocharbeiten müssen, vom Schulpfleger zum Gemeinderat, zum Kantonsrat, zum Nationalrat. Er weiss nicht aus eigener Erfahrung, wie viel Knochenarbeit ein Parlamentarier fast unbemerkt von der Öffentlichkeit tatsächlich verrichtet, wie viele Parteianlässe, Kommissionssitzungen und Budgetdebatten bis tief in die Nacht er aussitzen muss. Und es war ihm wohl auch zu wenig bewusst, dass man als Parlamentarier, auch als hochkompetenter, nur einer unter vielen ist, die sich profilieren wollen, und dass einer alleine die Europapolitik seiner Partei nicht neu schreiben kann.

So hat Guldimann auch die Mechanismen des Politbetriebs, die so anders sind als in der Diplomatie, erst nach seiner Wahl kennen ­gelernt. Ein Geschäft gewinne man nicht mit gesundem Menschenverstand, konstatierte er sinngemäss nach seinem ersten Jahr etwas verdrossen. Aber wie will man all das in einem Rücktrittsschreiben formulieren?

«Es war uns eine Ehre»

Und was sagen die Genossen zum verfrühten Rücktritt? «Ganz herzlichen Dank für deinen Einsatz, Tim Guldimann. Es war uns eine Ehre», twitterte sein Parteikollege Cédric Wermuth. Und Priska Seiler Graf zollt ihm mit Blick auf dessen Rollenverständnis Respekt für seine Entscheidung. Von seinen Wählerinnen und Wählern aber kann Tim Guldimann nicht so viel Wohlwollen erwarten; sie haben ihn vom 10. Listenplatz aus ins Bundeshaus geschickt, damit er dort ihre Interessen vertritt. Dies wohl auch in der Hoffnung, dass er in Europafragen wie schon im Wahlkampf SVP-Nationalrat Roger Köppel wie auch der ganzen SVP Paroli bietet. Aber diese Hoffnung hat Guldimann mit seinem frühen Rücktritt enttäuscht.

Wenn er nun nur eineinhalb Jahre vor Legislaturende den Bettel hinwirft, wirkt er nicht wie einer, der ein gleichberechtigtes Rollenmodell leben will, sondern wie einer, der sich verrechnet hat.

Erstellt: 19.02.2018, 21:29 Uhr

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